Grün-As

Wieder in Grünau

Bild Liebe Leserinnen und Leser, der 26. Oktober 1984 war mein letzter Schultag in Gohlis. Ich war zehn Jahre und besuchte die vierte Klasse. An diesem Tag nun fuhren meine Schwester und ich das erste Mal in unser neues Zuhause nach Grünau, wo meine Mutter mit Familie und Arbeitskollegen schon unsere neue Vier-Raum-Wohnung einräumten. Der Weg von der S-Bahn bis zum Haus war mit riesigen Platten gepflastert; links und rechst war noch wüstes Gelände. Man könnte sagen: eine Schlammwüste. Die Bepflanzung kam erst viel später.

Apropos Wege: Was man auf solchen nicht machen konnte, beziehungsweise sehr schlecht, war Rad fahren und Rollschuh laufen. Es war schlicht unmöglich, wollte man sich nicht die Beine brechen. Als wir unser neues Haus in der Zingster Straße betraten roch es ganz neu nach Farbe, Tapetenleim und auch ein wenig nach Staub - vor allem im Keller. Altbaukeller riechen eher etwas brammig, feucht eben und das war hier nicht der Fall. Auch hatte man in diesen Kellern nicht das Gefühl, Angst haben zu müssen. Alles war anders, alles war neu.

Es mussten keine Kohlen geschleppt und auch der Badeofen musste nicht mehr Stunden vorher angeheizt werden. Man schaltete lediglich den Heizstrahler im Bad ein, ließ warmes Wasser in die Wanne laufen und schon konnten wir baden gehen. Ich erinnere mich noch daran, wie meine große Schwester den großen roten Topf mit den gelben Blumen auf den Herd setzte und Wasser zum Geschirr waschen heiß machen wollte. Das Wasser kochte fast schon, bis sie merkte, dass wir dies in unserer neuen Wohnung nun nicht mehr tun müssen…

Ich fand Grünau viel interessanter als Gohlis. Man konnte hier wieder ungestört rumtoben. Höfe, wie in anderen Stadtteilen, gab es hier nicht. Es war offener und heller. Bei den ganzen Baustellen und riesigen Lichtanlagen gab es genug Spielplätze für uns. Die Gefahr, die gleichzeitig von solchen Baustellen ausging, war uns egal. Es waren eben Abenteuerspielplätze. Ermahnungen der Erwachsenen brachten eher weniger, die Belehrungen gingen zum einen Ohr rein, zum anderen wieder raus. Man hörte zwar immer, dort sei ein Kind runter gefallen, aber das interessierte uns nicht. Man kam auch nie wirklich sauber vom Spielen nach Hause. Dafür hatten wir dann unsere Räubersachen, die sofort nach der Schule angezogen wurden und dann nichts wie raus.

Sämtliche Wege waren plötzlich sehr kurz. Ob zur Schule, in den Kindergarten, zur Bahn oder zum Einkaufen. Alles war binnen fünf Minuten gut zu erreichen.

Seit dem 1. Oktober - also fast genau 21 Jahre nach meinen ersten Grünaueindrücken - habe ich eine ABM-Stelle im KOMM-Haus angetreten und komme nach sechs Jahren wieder an die Stelle zurück, wo ich 14 Jahre mit meiner Familie gelebt habe. Die Verbindung zu Grünau ist jedoch über all die Jahre geblieben, auch weil Verwandte von mir immer noch hier wohnen.

Der Stadtteil hat sich in all den Jahren sehr verändert. Er ist viel grüner geworden und vermittelt dadurch ein schönes städtisches Bild. Was mich jedoch immer noch erschreckt sind die vielen Wohnblöcke, die man angefangen hat zu sanieren und nun als Investruinen da stehen. Dieses Bild macht mich traurig. Ich bin der Meinung, dass es besser ist, diese Wohnblöcke zu entfernen und dadurch ein angenehmeres Umfeld zu schaffen. Denn, wer möchte schon ein Haus vor seiner Nase haben, wo nichts geschieht, kein Leben mehr stattfindet.

Menschen, die über Grünau schimpfen, frage ich dann, ob sie sich Grünau schon einmal richtig angesehen hätten. Schmuddelecken gibt es in jedem Stadtteil und auch die Ecken, in denen so genannte Penner sitzen. Grünau wird oft als Ghetto bezeichnet und darauf reduziert. Dagegen wehre ich mich. Ich freue mich, dass ich mit meiner Arbeit im KOMM-Haus dazu beitragen kann, Grünaus Image weiter aufzuwerten.
Anja Fellmy

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