Grün-As

Brundibar

Kinder- und Jugendchor aus Grünau auf Polenreise nach Oswiecim/Auschwitz

Nun besteht er schon seit vier Jahren: Der Ökumenische Kinder- und Jugendchor der beiden Grünauer Kirchgemeinden Paulus und St.Martin, mittlerweile vielen bekannt durch unsere Musicalaufführungen zu den Eröffnungsveranstaltungen des Grünauer Kultursommers.

Manche Grünauer werden sich an die Kinderoper »Brundibár« des tschechisch-jüdischen Komponisten Hans Krása vor zwei Jahren erinnern. Berühmt wurde die kleine Oper durch die zahlreichen Aufführungen der inhaftierten Kinder und Musiker im Ghetto Theresienstadt in den Jahren 1943 und 1944. Sie half damals den Spielern und Zuschauern, ihre Hoffnung und Kraft zum Weiterleben zu bewahren.

Bild Den beiden Haupthelden Anninka und Pepicek gelingt es mit der Hilfe ihrer Freunde und mit ihrer eigenen Kreativität, den bösen Leierkastenmann Brundibár zu besiegen und so die Not ihrer Familie zu wenden. »Ihr müsst auf Freundschaft bau’n, den Weg gemeinsam geh’n, auf eure Kraft vertrau’n und zueinander steh’n.« So singen alle im Finale der Oper, so träumten die Menschen, den Hitler und alles Böse dieser schlimmsten Zeit in unserer deutschen Geschichte zu besiegen. Und diese Botschaft, gemeinsam mit Freunden und mit klugen Ideen Probleme zu lösen, die gilt zu allen Zeiten und kann auch uns heute Mut machen.

Im Frühjahr flatterte eine Einladung in unsere evangelische Pauluskirche: In Oswiecim/Auschwitz wurde ein trinationales Treffen jüdisch-israelischer, polnischer und deutscher Mitglieder des Lions-Club International vorbereitet, zum Gedenken an die Befreiung des KZ Auschwitz vor 60 Jahren. Die meisten Mitwirkenden von Theresienstadt und auch der Komponist Hans Krása starben im KZ Auschwitz. So kam es zu dem Wunsch, die Oper dort in Polen aufführen zu lassen, in ehrendem Gedenken an die Opfer von damals und als Geste von Frieden und Versöhnung für die jüdischen und polnischen Zuhörer.

Die Einladung an unseren Chor war für uns eine große Ehre und Herausforderung. Und so wurde wieder fleißig geübt: Stimmbildung, Proben mit Chor, Solisten und Orchester und szenische Proben mit der Grundschullehrerin Katharina Cieslak aus der katholischen St.Martinsgemeinde. Aber wir haben uns auch auf den besonderen Ort Auschwitz vorbereitet: Ein Mitglied von Aktion Sühnezeichen / Friedensdienste sprach mit den Kindern und Jugendlichen über die Verbrechen an den Menschen in den Konzentrationslagern Theresienstadt und Auschwitz und wir fanden Kraft in einem Kinder- und Jugendgottesdienst zu diesem Thema.

Bild Am Sonnabend, dem 5. November war es dann endlich soweit: Ein großer Reisebus rollte von der Pauluskirche die 620 Kilometer nach Oswiecim. Wir waren eine Gruppe von 51 Kindern und Jugendlichen, Musikern, Technikern, Pfarrer Möbius und einigen Eltern, die tatkräftig bei allem mit anpackten und sogar noch einen kleinen Auftritt in der Oper hatten. Mit uns »reisten« das Bühnenbild der Leipziger Malerin Gabi Francik, unsere Kostüme und Requisiten. So ein Gastspiel ist schon eine ganz spannende Sache und ein großes Abenteuer.

Unser Quartier schlugen wir in einer großen Kloster-Internatsschule auf und erlebten so ein kleines Stück polnischen Schulalltags mit. Kontakte wurden geknüpft auch über die Sprachbarrieren hinaus. Am Sonntag hatten wir Gelegenheit, die wunderschöne Stadt Krakow kennen zu lernen, die ehemalige Hauptstadt Polens, die auch Partnerstadt von Leipzig ist. Die Bühne im Kulturzentrum in Oswiecim haben wir dann am Abend bei einer Generalprobe für uns erobert. Eine Freude zu sehen, wie alle auf der großen Bühne sofort zu Hause waren.

Der Montag war schließlich der Höhepunkt der Reise. Unsere erste Aufführung in Oswiecim am Morgen erlebten mehrere hundert Schüler - bestens vorbereitet durch umfangreiches Informationsmaterial über die interessante Geschichte von »Brundibár«, das an sämtlichen Schulen der Stadt verteilt worden war und begleitet durch den Bürgermeister, der Presse und Fernsehen eingeladen hatte. Der überwältigende Applaus im Theatersaal zeigte uns die emotionale Resonanz und Begeisterungsfähigkeit des jungen Publikums.

Am Nachmittag folgte die Besichtigung der ehemaligen KZ Auschwitz und Birkenau. Behutsam, mit wenigen aber eindrücklichen Worten, wurden uns die historischen Schauplätze von Qual und Vernichtung gezeigt. Wir sahen das Eingangstor »Arbeit macht frei«, die Baracken der einstigen Häftlinge mit Bergen von Menschenhaaren, mit Brillen, Schuhen, mit Alltagsgegenständen. Mit Koffern, die mit ihren Aufschriften kleine Grabsteine ihrer ehemaligen Besitzer waren. Mit zahllosen Fotos von Opfern. Wir sahen den schrecklichen Stacheldrahtzaun, eine Gaskammer, einen der Verbrennungsöfen.

Bild Unvorstellbar. Immer wieder auf dem Gelände Blumen und Kerzen. Tröstlicher Versuch, der Opfer und ihrer Leiden zu gedenken. Und dann sahen wir Auschwitz-Birkenau. Ein riesiges Gelände, das bekannte Eingangstor mit dem Bahngleis, das zur Selektionsrampe führte. Baracken mit Pritschen, in denen bis zu 700 Menschen hausen mussten. »Das ist keine Wohnung für Menschen«, sagte unser polnischer Begleiter immer wieder.

Mit der Wucht, dem Eindruck dieser Bilder spielten wir dann am Abend noch einmal den »Brundibár« im vollbesetzten Theater vor der Delegation des Lions-Clubs und polnischen Jugendlichen. Die Oper ist für uns eine Brücke vom unfassbaren Geschehen damals zum Begreifenwollen der Geschichte heute. Sie ist ein Weg, sich dieser Geschichte aktiv zu stellen. Auch zu lernen, dass es im Leben darauf ankommt, Wege von Frieden und Versöhnung zu suchen und zu beschreiten. In der großen Politik und im Alltag jedes einzelnen, auf dem Schulhof und in den Familien. Mut finden zu Zivilcourage, wo immer Menschen diskriminiert werden. Die Augen und Ohren offen zu halten vor trügerischen Parolen. Das Leben zu fördern und zu feiern durch freundschaftliche Gemeinschaft, Kreativität, durch Dankbarkeit und Gottvertrauen.

Was bleibt nun, da wir wieder in Leipzig sind? Viele Bilder und Erinnerungen, große Dankbarkeit für die überwältigende polnische Gastfreundschaft, Dank an alle Helfer vor und hinter den Kulissen, im besonderen auch an die Musiker des Orchesters und ... Theaterfieber für künftige Aufführungen. Und es bleiben sicher ein geschärfter Blick und noch viele offene Fragen.
Elke Bestehorn, Kirchenmusikerin und Chorleiterin der Ev.-Luth. Pauluskirche

Bild Kontakt zu den Kinderchorgruppen (1. bis 3. Klasse/4. bis 6. Klasse) und dem Jugendchor (ab 7. Klasse) über die Pauluskirche, Elke Bestehorn, Alte Salzstraße 185, 04209 Leipzig. Telefon 4 11 21 45 oder 3 06 76 56.
Die Proben in der Pauluskirche: dienstags, 16 bis 17 Uhr, 17 bis 18 Uhr, 18 bis 19.15 Uhr. Offen für alle, die Lust am Singen und Theaterspielen haben.

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