Grün-As
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Bunt und nicht mehr leise

AJZ bald in Eigenverwaltung

Ein Montag mitten im Juli. Später Nachmittag. Hitze. Am Kulki will der Strom von Badelustigen nicht versiegen. Am See herrscht reges Treiben. Etwas abseits der Zugangswege sitzt ein buntes Häufchen Jugendlicher. Sie grillen, trinken Bier, quatschen, lachen. Die baufällig wirkende Baracke, vor der sie es sich gemütlich gemacht haben, ist ihr Domizil. Die »Bunte Platte«, wie sie es nennen, ist ein Alternatives Jugendzentrum (AJZ) und wurde vor drei Jahren mit Hilfe der Mobilen Jugendarbeit (MJA) gegründet.

»Wir haben ewig nach einem Club für uns gesucht«, erzählt Locke, alias Marcus, von den Anfängen des AJZ. »Wir hingen immer am Rodelberg rum und irgendwann kammen Streetworker auf uns zu und haben uns bei der Suche geholfen.«

Das Objekt war schnell gefunden - ein ehemaliges Toilettenhaus. Mit dem Eigentümer, der Seen GmbH, wurde man sich auch einig. »Wir bezahlen hier keine Miete, nur anteilig Betriebskosten. Die MJA ist praktisch unser Träger und bezahlt den anderen Teil. Finanziell ist das okay.«, meint der 21-jährige Seebenischer. Die Unterstützung der Streetworker hatte mehrere Gründe. Einer davon war, ganz gezielt in Grünau eine Art Gegenkultur aufzubauen - eine Alternative für Jugendliche, um sie nicht in den Dunstkreis der rechten Szene geraten zu lassen. Denn obwohl der Stadtteil längst nicht mehr als Nazi-Viertel gilt, sind rechte Tendenzen unter den Jugendlichen noch allgegenwärtig.

Die Besucher des AJZ bekamen das des Öfteren zu spüren. »Im Alltag ist es nicht mehr so schlimm wie früher. Aber hier im Club gab es schon die eine oder andere Auseinandersetzung«, so berichtet Patrick, genannt Skö, Lockes Kumpel und Vorstandskollege. Kaputte Scheiben und das ständig demolierte und am Ende total verbogene Eingangstor waren da noch die harmloseren Auswirkungen rechter Übergriffe. Im Mai dieses Jahres wurde es dann handfester: »Im Seeblick war Disco und bei uns ein Konzert. Einige von den Nasen (Lockes Betitelung für Nazis. Anm. d. Redaktion) kamen dann aus der Kneipe zu uns rüber und wollten Ärger machen.«

»Wir waren aber in der Überzahl und die sind wieder abgezogen. Später haben sie unsere Leute einzeln abgefangen und einige von ihnen verletzt. Das war der Zeitpunkt, an dem wir uns dazu entschieden haben, nicht mehr leise zu sein, sondern zu handeln.« Sprich an die Öffentlichkeit zu gehen. Denn bis dahin war das alternative Projekt eher unbekannt.

Handeln hieß für die rund 20 regelmäßigen Nutzer des AJZ nicht etwa der rechten Gewalt mit Gegenangriffen zu begegnen, sondern eine Demonstration zu organisieren. »Das war gar nicht so leicht. Natürlich kannte jeder von uns ein paar Leute, die wir mobilisieren konnten, aber eigentlich waren wir auch ziemlich isoliert in Grünau. Wir hatten kaum Kontakte mit anderen Gruppierungen - nur vereinzelt eben. Die Connewitzer waren bei der Demovorbereitung eine große Hilfe. Und letztendlich hat es sich ja auch gelohnt. 500 Leute hätten wir alleine nie zusammen bekommen. Das war ne tolle Sache und das mit nur zwei Wochen Vorbereitung...«, freut sich Locke noch heute über den Erfolg.

Als solchen kann man den friedlichen Marsch durch Grünau tatsächlich bezeichnen - auch wenn viele Grünauer nicht so recht verstanden, wer da demonstrierte und vor allen Dingen, warum.

Antirassistisches Fußballturnier im August

Das soll sich ändern - zukünftig werden sie mit dem Begriff »Bunte Platte« etwas anfangen können. Darüber sind sich die Mädels und Jungs, die an diesem heißen Montag im Juli vor der Baracke am Kulki sitzen, einig. Aus der Anlage klingen trashige Töne - gedämpft - man will sich ja nicht mit den bislang recht wohlwollenden Nachbarn anlegen. An den Wochenenden kann es aber schonmal lauter aus den Boxen schallen. Denn auch wenn man es, ob der räumlichen Beengheit, nicht ganz glauben mag: Hier fanden schon einige Konzerte statt - kuscheliger als jede Clubatmosphäre.

»Die Räume, so wie sie ursprünglich waren, sind echt zu klein.«, gibt Locke zu. »Darum sind wir jetzt auch dabei, hier ein wenig umzubauen. Der Konzertsaal soll auf jeden Fall größer werden.« Kein leichtes Vorhaben, denn der Gebäudegrundriss ist für solche Zwecke eher ungeeignet und Wände können nicht nach Belieben entfernt werden. Aber egal - dann wird es eben ein langer schmaler »Saal«. Die Bands sieht und hört man allemal.

Finanzielle Unterstützung bekommen die Akteure allerding nicht für ihr Vorhaben. Alles geschieht in Eigeninitiative und mit eigenen Mitteln. Durch die Kontakte zur Connewitzer Szene kommen neue Impulse und ein gewisser finanzieller Unterstützungswille.

»Die Leute finden unser Projekt echt gut, wollen uns helfen, damit hier was in die Gänge kommt«, meint der 23-jährige Skö aus Grünau. Im Gespräch ist beispielsweise eine Benefiz-Disco im König Heinz. Möglichkeiten gibt es unglaublich viele. Das benötigte Geld haben die Jugendlichen bislang nur durch Mitgliedsbeiträge des 1999 gegründeten Vereins »Bunte Platte e.V.« eingenommen. Dieser bemüht sich derzeit um die Übernahme des AJZ von der Mobilen Jugendarbeit, denn der Träger möchte sich nach drei Jahren aus dem Projekt zurückziehen, da die Bunte-Platte- Klientel mit 16 bis 23 Jahren ihres Erachtens der Streetworker-Führsorge entwachsen sei.

Die Eigenverwaltung macht den jungen Leuten kaum Kopfzerbrechen, haben sie doch auch in der Vergangenheit mehr oder weniger auf eigenen Füßen gestanden. Für die nahe Zukunft haben sie schon einige Ideen in petto, was in ihrem Domizil nach dem Umbau - der übrigens innen bis Jahresende abgeschlossen sein soll - etabliert werden soll. Eine Kreativ- und Fahrrad- Selbsthilfe-Werkstatt sind geplant, sowie eine Art Funsport-Raum mit Tischtennisplatte und Kicker-Möglichkeiten. Aber das ist noch Zukunftsmusik.

Derzeit bereitet sich die Gruppe auf ihr erstes wirklich großes Event vor: »Am ersten August-Wochenende findet hier am Kulki ein Antirassistisches Fußballturnier unter unserer Regie statt. Das ist schon ein ziemlich großes Ding für uns. 14 Mannschaften, eine davon sogar aus Frankfurt/Main, haben sich angemeldet. Neben dem Turnier finden Workshops, Info-Veranstaltungen und abends Konzerte statt.«, berichtet Locke vom bevorstehenden Ereignis.

Drei Tage, die - so hoffen die bunten »Platten-Kinder« - auch Grünauer anziehen werden und gewisse Vorurteile abbauen helfen. Wenn alles so klappt, wie geplant, soll das Turnier zur festen Größe im Kulki-Veranstaltungskalender werden.

Klaudia Naceur
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