Grün-As

»Grünauer Schlagsahne« ist apfelgelb

Der Siedlerverein, der Grünau seinen Namen gab, wird 70

Nur noch bruchstückhaft läßt sich recherchieren, wie die Siedlung im Westen Leipzigs entstand, die vor 70 Jahren gegründet wurde und 50 Jahre später dem drittgrößten Neubaugebiet der DDR ihren Namen geben sollte, denn deren Gründer leben nicht mehr.

Heute wird das Leben in der Siedlung Grünau von deren Nachfahren in dritter und vierter Generation bestimmt. Begonnen hatte es 1919, als Siedler auf Kleinzschocherner Flur Grundstücke erwarben, um hier einmal ihren festen Wohnsitz aufzuschlagen.

Die ersten Siedlungshäuser entstanden ab 1921. Der allgemeinen Vereinsgründungswelle der zwanziger Jahre folgend, und um den Interessen der Siedler auch als juristische Person entsprechendes Gewicht zu verleihen, wurde dann am 4. November 1926 der eingetragene Verein Siedlung Grünau gegründet, jenes Ereignis also, was in diesem Jahr zum Feiern Anlaß gibt und als eigentliches Geburtsdatum der Siedlung gilt.

Bild Um dem damaligen Auswüchsen des Baubooms der zwanziger Jahre Einhalt zu gebieten wurde bereits 1928 ein Bebauungsplan für die Siedlung festgelegt, der unter anderem festlegte, dass maximal zweigeschossig gebaut werden durfte und die Häuser freistehend zu sein hätten. Von vornherein war die Siedlung als Wohnsiedlung geplant.

Gewerbeansiedlung war nicht erlaubt. Ausnahmen wurden nur zugelassen, wenn sie der Deckung des Eigenbedarfs der Siedler dienten. Zog sich das Siedlungsgebiet vorerst südlich der Fränkischen Straße (heute Ratzelstraße) in Richtung Lausen entlang, erfolgte 1932 eine Erweiterung nördlich der Fränkischen Straße bis zur Alten Salzstraße.

Dieses Siedlungsgebiet wurde auch als Neugrünau bezeichnet. Was die Siedler so an Alltäglichem für Haus und Garten brauchten, erhielten sie in den drei Lebensmittelgeschäften, fünf Gärtnereien und einem Laden für Bürobedarf sowie einem Molkereigeschäft. Dort gab es auch die berühmte Grünauer Schlagsahne. Bei Abgabe einer Tasse Apfelmuß und einem Ei wurde dort diese Köstlichkeit mittels elektrischem(!) Schlagbesen produziert.

Täglich wurde auch Milch ausgefahren, nicht etwa mit Auto oder Pferd sondern mit einem Hundewagen. Vom zweiten Weltkrieg blieb die Siedlung weitestgehend verschont, zumindest was die Bausubstanz betraf. Nur ein Haus wurde von einer Granate und wohl auch eher zufällig getroffen. Am 17. April 1945 ziehen die Amerikaner in die Siedlung ein und im Sommer des gleichen Jahres werden, nach Abzug der Amerikaner, sowjetische Offiziere einquartiert.

Durch die Hungersnot der Nachkriegszeit wird die Siedlung ein begehrtes Ziel der Lebensmittelbeschaffung, aber auch wilder Plünderer. Die Siedler organisieren einen Selbstschutz. Um Diebe aufzuschrecken und die Nachbarn schnell warnen zu können, werden überall Bleche aufgehangen, die als Buschtrommel dienten, wenn etwas Verdächtiges bemerkt wurde.

Nach dem Krieg setzte erstmals eine Umnutzung der Grundstücke ein. Wurde vor dem Krieg hauptsächlich Obst und Gemüse für den Eigenbedarf angebaut, wurde nun vom Kaninchen über Ziege bis zum Schwein fast alles gehalten, was Substanz für hungrige Mägen bot. Und natürlich Tabak!

Mitte der 50er Jahre wurde bereits mit deutlichen Überschuß produziert. Die ersten Sammelstellen für die Ablieferung an den volkseigenen Handel entstanden, denn inzwischen wurde mehr geerntet und gemästet als man selbst verzehren konnte. Beispielsweise wurde 1985 ein Überschuß von 34 Tonnen Obst und 300.000 Eiern produziert. Bei den staatlichen und stattlichen Aufkaufpreisen kein schlechter Nebenerwerb.

Zum Beispiel Flugenten: Beim Aufkauf gab’s 14,20 Mark (3,63 Euro) fürs Kilo. Das war mehr als man im Laden dafür bezahlen mußte. 1954 wurde unter tatkräftigem Mitwirken der Siedler mit dem Bau befestigter Straßen in der Siedlung begonnen. 4 Mark (1,02 Euro) gab es für die Stunde Nationales Aufbauwerk.

Die Bautätigkeit hielt sich in den 50er und 60er Jahren jedoch in Grenzen. Hingegen vollzog sich eine spürbare Wandlung in Richtung Wohnstandort mit Erholungswert. Das Umfeld der meist in den Zwanzigern und Dreißigern gebauten Häuser änderte sich. Das Pflanzen von Nadelbäumen und der Bau von Swimmingpools war in. Fast 100 solcher Maxibadewannen soll es heute in der Siedlung geben.

1960 wurde ein Sportplatz an der Windsheimer/Würzburger Straße errichtet. Bis Ende der 70er Jahre feierten dort die Siedler ihre legendären Feste. Sogar ein Sportlerheim sollte entstehen. Die Fundamente waren schon drin. Doch da den Siedlern durch die Stadt überzeugend eingeredet wurde, dass auf diesem Gelände einmal eine vierspurige Verbindungsstraße zur neuen Großsiedlung führen sollte, trug man dieses Projekt zu Grabe.

Bekanntlich wurde aus der Straße nichts. Heute befindet sich dort die Kleingartenkolonnie Löwenzahn. Erst Mitte der siebziger Jahre nimmt die Bautätigkeit in der Siedlung wieder zu. Neue Eigenheime, z.B. in der FDJ-Siedlung entstehen.

Mit gemischten Gefühlen betrachten die Siedler das 1976 beginnende Baugeschehen an jenem Neubaugebiet im Leipziger Westen, für das die Siedlung ihren Namen geben wird: Leipzig-Grünau.

Der größte Vorteil: Die Infrastruktur für die Siedlung verbessert sich bedeutend. Die Verlängerung der Straßenbahnlinie 1 und die Linie 8 entlang der Ratzelstraße ersparen lange Fußwege bis zu dem Meyerschen Häusern. Kaufhallen und Schulen beim Nachbarn sind willkommen. Im Prinzip auch die neuen Grünauer, die die Siedlung als bevorzugtes Ziel ihrer Wochenendspaziergänge entdecken. Wem die neugierigen Blicke über den Gartenzaun zu viel werden, der pflanzt schnell ein paar Koniferen.

Ab 1993 setzt auch in der Siedlung ein neuer Bauboom ein. Der Standort Siedlung Grünau wird als äußerst günstig für die eigenen vier Wände betrachtet. Die Bodenpreise steigen entsprechend. Ein heftiger Aufkauf von Grundstücken durch Immobilienfirmen beginnt. Grundstücke werden geteilt und verkauft.

Da es für die Siedlung keinen neuen Bebauungsplan gibt, entstehen auch Projekte für Mehrfamilienhäuser mit mehr als zwei Geschossen, gegen die sich die Siedler mit Unterschriftensammlungen wehren, um den Charakter der Siedlung zu erhalten. Jetzt ist festgelegt, dass bei einer Grundstücksteilung nur je ein Zwei- und ein Einfamilienhaus auf der Fläche errichtet werden darf.

Dennoch, zunehmend ist die Bodenversiegelung durch Neubauten und betonierte Terrassenflächen, Wege und Garagenzufahrten. Gravierend verschlechtert hat sich auch der Zustand der Wege in der Siedlung durch das Baugeschehen und die zunehmende Nutzung der Siedlungsstraßen als Umgehungstraße der Ratzelstraße zu den neuen Wohnparks in Lausen.

Heute gibt es in der Siedlung rund 500 Häuser - 1927 waren es gerade einmal 60. Viel Platz für Neubauten gibt es nicht mehr. Neue Siedlungen entstehen wieder, wie vor 70 Jahren - am Rand von Grünau.

Peter Hackenschmidt +
(nach Informationen der Grünauer Urgesteine Dieter Walther und Manfred Matlin)
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