Grün-As

Das Schloß, das keiner will

Vom Hauptportal der Robert-Koch-Klinik kommend, führte mich mein Weg an den beiden Teichen vorbei, dies- und jenseits der Allee mit ihrem altehrwürdigen Baumbestand. Früher durfte hier nicht jedermann lustwandeln, zumindest 1911 nicht, der Geburtsstunde des heutigen Parks. Dem »gemeinen Volke« war's ohnehin verboten und der einstige Besitzer, der alte Sack (nicht der alte Fritz) würde sich im Grabe umdrehen, wüßte er, dass hier jetzt Tür und Tor dem Besucher offenstehen.

Schon 1888 gründete der alte Leipziger Fabrikant Rudolf Sack an der Alten Salzstraße eine landwirtschaftliche Versuchsstation, die sich beiderseits der heutigen Straße am Park, bis hin zur Rumjanzewstraße erstreckte. Wo jetzt Plattenbauten stehen, verlief ein unterirdisches Röhrennetz zur Bodenbefeuchtung. Auf einer fünfhundert Meter langen Gleisanlage mit Doppelspur schnaubten die Dresch-Lokmobile.

Den sich im westlichen Teil an das Gut anschließenden Park entwarf »Felsenkeller-Architekt« Arthur Johlige. Für Repräsentationszwecke wurde ein »standesgemäßer« Sommersitz der Großindustriellenfamilie geschaffen. Über das noble Leben berichtet einer Festschrift von 1913:

»Rings im Park finden wir Treibhäuser, Wintergärten, Gartenhäuser, Kegelbahn, Turn- und Tennisplätze. Über weite Wiesen schweift der Blick hin zu reizenden kleinen Pavillons und zu verschwiegenen Türmchen. Auf den beiden großen Teichen ziehen stattliche Schwäne mit ihrer Brut. In der Nähe dieser Teiche, in denen Karpfen und Schleien gezogen werden, befindet sich ein Schwimmbassin mit Dusche, Wasserrutschbahn und Sprungbrett.«

Bild Mein Blick gleitet über das Restwasser der Teiche, in dem sich die Sonne zu spiegeln beginnt. Ich bin verabredet mit Direktor Siegfried Slomiany. »Gewissermaßen haben wir als Klinik die Verantwortung für den gesamten Park übernommen«, macht er deutlich und fügt hinzu, »dass wir bestrebt sind, dass Areal nicht zu zerreißen. Unser Augenmerk ist es, gemeinsam mit dem Denkmalschutz den Park in seiner ursprünglichen Konzeption wieder herzustellen.«

Licht soll wieder hereinkommen, die alten Strukturen sollen erkennbar bleiben, so der Experte. Über eine halbe Million Mark an Sachleistungen konnten bisher von ABM-Kräften erbracht werden, vornehmlich für die neue Umzäunung und das Anlegen von Zwischenwegen. Derzeit bereitet die geplante Sanierung der Teiche Kopfzerbrechen: Denkmalschützer streben den Originalzustand an, bei dem sämtliche Wasserflächen miteinander verbunden sind.

Siegfried Slominay führt mich zum Kernstück der eigentlichen Anlage, dem Parkschloß. Putz bröckelt von den maroden Fassaden, ein trauriger Anblick für das imposante Gemäuer. Der Direktor: »Es wird von der Klinik nicht mehr gebraucht, da es für medizinische als auch für gewerbliche Zwecke nicht genutzt werden kann. Beispielsweise fehlt ein zweiter Treppenaufgang.«

Dringende Sanierungsarbeiten seien nötig, da aber Schloß, wie auch alle anderen historischen Gebäude hier unter Denkmalschutz stehen, treten nicht nur finanzielle, sondern auch technische Probleme auf.

Dennoch hat das Gutshaus einiges zu bieten: beispielsweise eine neoklassizistische Innenarchitektur. Das Beachtenswerteste: der durch zwei Geschosse reichende Festsaal mit Kassettendecke und prächtigen Bleikristall-Kronleuchtern. Über eine Treppe gelangt man ins Obergeschoß, wo das Archiv der Klinik untergebracht ist. Ob es nachts hier spukt, weiß niemand hier genau, kein Wunder, die Geister sind eben um Mitternacht unter sich.

Auch wenn es ein wenig still geworden ist, dort, wo einst so ausgiebig gefeiert wurde - der zweite Grünauer Konzertsommer im August wird dem Schloß für Stunden wieder neues Leben einhauchen. Zwei kulturelle Veranstaltungen sind geplant.

Gerd Badinsky
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