Grün-As

Nat(o)ur 2000 - mit dem Fahrrad unterwegs

ImageLink In der Umgebung von Leipzig gibt es noch Gebiete mit unberührter Natur zu entdecken. Dr. Leonhard Kasek führt in diese, auch landschaftlich reizvollen Gegenden verborgener Schönheiten. Die Radtouren der Volkshochschule in Zusammenarbeit mit dem ADFC führen in den Auwald, zur Reiherkolonie nach Gaulis und zur Orchideenwiese bei Zeidlitz. In der heutigen Ausgabe wollen wir Sie für die erste Tour einstimmen.

Zu den Frühjahrsblühern im Auwald

Nur wenige Kilometer von Grünau entfernt zieht sich der Leipziger Auwald an Luppe und Elster entlang. Dieser Auwald ist einer der artenreichsten Wälder in ganz Deutschland. Man muß schon ca. 100 km fahren, um etwas Vergleichbares zu finden. In ganz Mitteleuropa einmalig ist aber, dass sich ein Wald durch eine Großstadt zieht.

Besonders im Frühjahr ist der Waldboden von einem bunten Blütenteppich bedeckt. Dazwischen einige vom Aussterben bedrohte Arten wie der Märzenbecher, der stellenweise im Leipziger Auwald noch massenhaft vorkommt. Die Frühjahrsblüher haben alle unterirdische Speicherorgane (Zwiebeln oder Rizome). Mit Hilfe des dort gespeicherten Nährstoffvorrates können sie im Frühjahr sehr schnell austreiben, blühen und wachsen. Das ist auch nötig, denn im Sommer würden sie kaum noch Licht bekommen. Das wenige, dass dann noch durch die Blätter der Bäume dringt, nehmen die hohen Stauden auf, die dann den Waldboden bedecken.

Viele der Frühjahrsblüher sind eßbar und waren für unsere Vorfahren im Frühjahr zum Teil die ersten Vitaminspender, so zum Beispiel das Scharbockskraut. Scharbock ist ein alter Name für Skorbut, eine früher gefürchtete Krankheit, die durch Vitamin C Mangel verursacht wird. Das vitaminreiche Scharbockskraut war eine wirksame Heilpflanze dagegen. Auch das Lungenkraut, das früher roh an Frühlingssalaten gegessen wurde, hat seinen Namen von seiner Heilwirkung. Es wird noch heute bei Husten und Bronchitis verwendet, wie übrigens auch die Waldschlüsselblume. Diese große und schöne Primelart ist inzwischen sehr selten geworden, vor allem weil gewissenlose Kleingärtner die Pflanzen ausgegraben und in ihre Gärten gepflanzt haben. Dort wachsen sie aber nur selten so gut wie in freier Natur.

Einheimische Wildpflanzen im Garten zu ziehen, ist durchaus lobenswert, aber nur wenn die Pflanzen aus Spezialgärtnereien bezogen oder aus Samen selbst gezogen werden. Der bekannteste Frühjahrsblüher ist aber sicher der Bärlauch, ein Verwandter des Knoblauchs. Zur Blütezeit im Mai riecht er durchdringend. Auch Bärlauch kann gegessen werden, die Wirkungen auf die Gesundheit sind ähnlich wie beim Knoblauch.

Unter den Frühjahrsblühern sind aber auch Giftpflanzen, z.B. der Aronstab, ein Verwandter von so bekannten Zimmerpflanzen wie Diefenbachie, Philodendron und Monstera. Das »Gift« des Aronstabes wirkt mechanisch: es sind zahllose kleine nadelförmige Kristalle aus Oxalsäure, die beim essen die Schleimhäute verletzen und damit sehr schmerzhafte Schwellungen verursachen. Im Extremfall kann der Rachen so zuschwellen, dass der Betroffene ersticken kann.

Der Aronstab hat aber auch einen höchst bemerkenswerten Blütenstand. Die sehr kleinen Blüten sitzen am unteren Ende eines kolbenförmigen Stabes. Dieser Kolben ist von einem Hüllblatt umschlossen, das über den Blüten eingeschnürt ist und sich dann tütenförmig öffnet. Um die Blüten bildet sich dadurch eine Art Kessel. Während der Blüte erzeugt die Pflanze im Kessel Wärme und eine nach faulem Fleisch stinkende Duftwolke. Das zieht kleine Fliegen an, die hier Aas als Ort zur Eiablage vermuten. Durch die Einschnürung zwängen sie sich in den Kessel, aus dem sie aber nicht mehr herauskommen, wenn sie den Betrug bemerken: das Hüllblatt ist an der Einschnürung innen mit spitzen Borsten besetzt, deren Spitzen nach unten zeigen. Erst wenn die Fliegen die weiblichen Blüten bestäubt haben, erschlaffen die Borsten und geben den Weg nach Außen wieder frei.

Der Auwald mitsamt seiner großen Artenvielfalt ist kein Urwald, sondern Produkt menschlicher Tätigkeit. (Das beginnt gleich beim Boden, dem berühmten Auenlehm.) Er ist aus Ablagerungen von angetragenem Boden am Oberlauf der Elster und ihrer Zuflüsse entstanden. Diese Erosion ist Folge der Abholzung der Wälder und der Art der landwirtschaftlichen Nutzung. Diese Eingriffe der Menschen fördern auch die regelmäßigen Überschwemmungen, die die Pflanzen des Auwaldes zum Gedeihen brauchen. Im Mittelalter war nahezu der gesamte heutige Auwald gefällt, die Bäume in Brennstoff und Baumaterial verwandelt. Als es dann im 16. Jahrhundert zu einer extremen Verteuerung des knapp gewordenen Rohstoffes Holz kam, beschloß der Leipziger Rat als erste in Deutschland eine Baumschutzsatzung.

Dieser Satzung verdanken wir den Auwald, der stets bewirtschaftet wurde, allerdings durfte nur soviel Holz geschlagen werden wie nachwuchs und Kahlschläge wurden ganz vermieden. Die Folge dieser, wie wir heute sagen, nachhaltigen Bewirtschaftung ist ein phantastischer Artenreichtum, der von richtigen Urwäldern, die überhaupt nicht wirtschaftlich genutzt werden, nicht erreicht wird.

Heute ist der Auwald bedroht: das Grundwasser wurde durch den Bergbau und den Bau der Luppe abgesenkt. Vor allem durch den Verkehr werden baumschädigende Abgase produziert. Stickoxide werden im Boden zu Stickdünger umgeformt. Diese Zusatzdüngung vertragen vor allem die älteren Bäume nicht. Sie bilden weiches, nährstoffreiches Holz, das eine leichte Beute von Insekten und Pilzen wird. Die Baumschäden nehmen beängstigend zu. Über die Hälfte des alten Auwaldes sind dem Raubbau der Braunkohleförderung zum Opfer gefallen.

Die Autolobby fordert neue Straßen, auch durch den Auwald. Verantwortungslose Bürger pflücken geschützte Blumen oder graben sie gar aus. Reiter legen immer neue Trassen quer durch den Wald an, setzen damit Tiere unter Streß und zermalmen seltene Pflanzen unter den Hufen ihrer Pferde. Auch das Leipziger Grünflächenamt richtet leider ab und zu Schaden an: durch Pflegemaßnahmen zur Unzeit und zum Teil auch gegen die Natur. Dabei ist gegen eine vernünftige Nutzung des Auwaldes nichts einzuwenden, im Gegenteil. Wir haben hier aber noch Einiges von unseren Vorfahren zu lernen.

Dem Auwald und seinen Frühjahrsblühern gilt unsere erste Radtour am 8.April. Treffpunkt ist 9 Uhr am KOMM-Haus in der Selliner Straße. Wir fahren zunächst entlang des Zschampert bis Lindenaundorf, von dort über den Bienitz zur Domholzschänke. Am Pfarrholz treffen wir dann Herrn Falkenberg vom Naturschutzbund, der uns einige Besonderheiten zeigen wird, so zum Beispiel eine Anemonenvariante, die es nur im Leipziger Auwald gibt. Die Tour ist hin und zurück zusammen ca. 15 km lang und für Familien mit Kindern gut geeignet.

Dr. Leonhard Kasek
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