Grün-As

Sinn und Wert einer Familienchronik

Vielen Menschen ergeht es so wie mir. Eines Tages kommt man so zusagen zur Besinnung, wird nachdenklich über sich selbst. Oft erst wenn man die 50 an Jahren überschritten hat, kommen die Fragen nach dem Sinn des eigenen Lebens: Wer bin ich? Wer waren die Menschen vor mir, ohne die es mich nicht gäbe?

Da erinnerte ich mich an den sprichwörtlichen »alten Schuhkarton«, der wegen seines Inhalts fast vergessen in einer Rumpelecke stand. Was sollen die alten Fotos und Abbildungen, Briefe und Urkunden, Poesiealben u.v.m.? Vorbei ist vorbei! Im Begriff ihn zu beseitigen, öffnete ich den Deckel, betrachtete den Inhalt und staunte, wie meine Vergangenheit lebendig wurde. Ich erkannte erstmalig den persönlich ideellen Wert des Inhalts für mich und auch für meine Kinder.

Mit zunehmenden Interesse widmete ich mich der Erforschung und Aufarbeitung durch sammeln, ordnen, systematisieren und der Neugestaltung des Materials. Bald stellte ich fest, dass es keinen schnellen Abschluss geben wird, sondern die entstehende Familienchronik ein sich weiter entwickelndes, an Aussagewert gewinnendes Dokument ist. In meinem Fall umfasst die unterdessen aus objektiven Gründen abgeschlossene Chronik sieben Generationen. Ich werde gelegentlich gefragt, warum ich mir die Mühe gemacht habe. Ich bin der Meinung, dass wir unseren Eltern, Großeltern und Vorfahren etwas schuldig sind, denn sie lebten für ihre Kinder und Enkel - also auch für mich. Ein solches Bewusstsein möchte ich für meine Familie bewahren. Es sollte nicht nur zum so genannten Werte-Verständnis »Privilegierter« gehören.

Heute wie damals war das Leben stets untrennbar mit den jeweiligen gesellschaftlich- ökonomischen Verhältnissen der Zeit in Deutschland verbunden und durch diese geprägt. Das zu erkennen und bei meiner Einschätzung der Familiengeschichte zu berücksichtigen half mir, ihr damaliges Denken und Handeln, ihren Lebensweg besser zu verstehen. Für die Chronik war es mir deshalb wichtig, außer den Fotos und Dokumenten einen erzählenden Bericht zum Zeitgeschehen zu geben. Mit dieser Erkenntnis empfand ich zunehmendes Verständnis, eine gewisse Nähe, zu den vor mir Lebenden. Das Wenige, was ich ihnen an Hochachtung und Dankbarkeit erweisen kann ist, sie mit meiner Chronik zu ehren und unvergessen in den Erinnerungen weiterleben zu lassen. Wie ich das ermittelt, geordnet und methodisch gestaltet habe? Die noch lebenden Angehörigen, Freunde und Bekannten waren und sind die wichtigsten Quellen für Erkundungen und Auskünfte. Also keine Zeit verlieren!

Für Personenstandsurkunden helfen die Standesämter und auch die kirchlichen Pfarrämter gern weiter. Manchmal wissen auch die Ortschronisten der Gemeinden, die Vorstände von Verbänden und Vereinen überraschend viel über ehemalige Mitglieder zu berichten.
Joachim Kasten

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