»Arbeitslosigkeit ist ein echtes Problem«
Interview mit Peter Niemann, Revierleiter der Grünauer Polizei
Wer Mitte Januar die LVZ intensiv gelesen hat, dem dürfte ein Bericht in Erinnerung geblieben sein: Darin nämlich wurde
darüber berichtet, dass eine Frau vor der Sparkassenfiliale Selliner Straße mit einem Küchenbeil bedroht und ausgeraubt
wurde. Geschieht so etwas an anderer Stelle, mag man meinen, es sei ein bedauerlicher Einzelfall. Da es sich jedoch in
Grünau ereignete, dürfte dies wieder Wasser auf die Mühlen derer sein, die dem Stadtteil ohnehin skeptisch gegenüberstehen.
Grünau - ein Ghetto, in dem es mehr Kriminalität als anderswo in Leipzig gibt? Ein Ort, wo man sich nachts nicht auf die
Straße trauen kann? »Grün-As«
wollte es genauer wissen und unterhielt sich mit dem Ersten
Hauptkommissar Peter Niemann, Revierleiter in Grünau.
- Klaudia Naceur
- Täuscht der Eindruck, oder hat Grünau wirklich ein Sicherheitsproblem?
- Peter Niemann
- Von einem Sicherheitsproblem würde ich nicht sprechen wollen. Zwar werden in Grünau natürlich Straftaten begangen, aber das ist in allen anderen Stadtteilen nicht anders. Tatsächlich können wir davon sprechen, dass die Zahl von Delikten rückläufig ist.
- Klaudia Naceur
- Wie drückt sich das in Zahlen aus?
- Peter Niemann
- 2001 beispielsweise hatten wir 4300 registrierte Fälle - davon allein 1000 Ladendiebstähle. Im vergangenen Jahr lag die Gesamtzahl an Straftaten noch bei etwa 3500.
- Klaudia Naceur
- Allein aufgrund erfolgreicher Polizeiarbeit oder spielen da noch andere Faktoren eine Rolle?
- Peter Niemann
- Das hat sicher vielerlei Gründe. Unsere Arbeit ist da nur ein Teil, wenn auch ein wichtiger. Zum Beispiel hat sich die Klärungsquote aufgrund der verbesserten Spurensicherung und - auswertung von einstigen 23 Prozent in der Mitte der 90er Jahre auf mittlerweile 46 Prozent erhöht. Ein Erfolg ist auch der Einsatz der Bürgerpolizisten. Sechs Beamte sind in Grünau im Einsatz. Sie haben den direkten Kontakt zu den Bewohnern des Stadtteils.
- Klaudia Naceur
- Aber wurden die nicht zunächst als neue ABVs belächelt?
- Peter Niemann
- Das sind sie ja letztlich auch. Aber das Konzept hat sich bewährt und die Bürgerpolizisten erfahren durch die Grünauer Zuspruch. Nicht nur weil sie zu Fuß unterwegs sind, sondern sie sind den Anwohnern bekannt und die Hemmschwelle, sich an einen Beamten zu wenden, sinkt dadurch.
- Klaudia Naceur
- Sie sagten, es gäbe noch andere Gründe für den Rückgang von Straftaten. Welche sind das?
- Peter Niemann
- In der Prävention leisten die Sicherheitsdienste gute Arbeit. Ein weiterer Punkt ist die veränderte Altersstruktur. Es gibt weniger junge Leute in Grünau.
- Klaudia Naceur
- Apropos. Wie sieht es mit Jugendkriminalität aus? Es gab ja mal eine Zeit, in der vor allem rechtsorientierte Jugendliche von sich reden machten. Ist das noch ein Problem?
- Peter Niemann
- Nein, das ist zum Glück vorbei. Die Polizei engagiert sich aber auch in einer extra für die Jugend ins Leben gerufenen Arbeitsgruppe, um mit ihnen ins Gespräch zu kommen. Die Jugendlichen schlagen eben des Öfteren über die Stränge. Hauptsächlich sind es Ruhestörungen, mit denen wir uns befassen müssen oder Schäden durch Vandalismus und Graffitis.
- Klaudia Naceur
- Und Drogen?
- Peter Niemann
- Drogen werden auch hier konsumiert, es hat auch schon Drogentote gegeben, aber ein Schwerpunktthema ist das für Grünau nicht. Alkoholismus bei Erwachsenen ist da schon eher ein Problem.
- Klaudia Naceur
- Sprechen sie damit die Leute an, die sich vor den Kaufhallen oder in Grünanlagen treffen?
- Peter Niemann
- Ja, genau. Durch die Arbeitsund Perspektivlosigkeit vieler Menschen im Stadtteil nimmt dieses Problem immer mehr zu. Und man kann gar nichts dagegen tun. Alkohol ist nun mal nicht verboten. Viele beginnen schon am frühen Morgen mit dem Trinken und das setzt sich den ganzen Tag über fort. Oft kommt es innerhalb dieser Gruppen zu Streitigkeiten und Schlägereien oder wir werden gerufen, weil sich Anwohner belästigt fühlen. Häufig müssen wir völlig betrunkene Menschen mit aufs Revier nehmen zum Ausnüchtern. Die meisten sind nicht zum ersten Mal da.
- Klaudia Naceur
- Sind es also eher Kleinigkeiten, zu denen die Polizei gerufen wird, oder gibt es noch andere Delikte, die im Stadtteil ihren Schwerpunkt haben?
- Peter Niemann
- Schwere Straftaten sind zum Glück selten. Unfälle gibt es auch verhältnismäßig wenige. Dafür aber kleine Pannen, die beim Ein oder Ausparken passieren und die Verursacher wegfahren. Das gilt dann natürlich als Unfallflucht und ist völlig unnötig. Die Liste der Delikte in Grünau führen Keller- und Pkw- Einbrüche, Sachbeschädigungen an Autos oder Fahrraddiebstähle an. Dazu muss aber gesagt werden, dass es häufig an der Leichtsinnigkeit der Leute liegt, wenn etwas passiert. Da sind Haustüren nicht richtig geschlossen oder im Auto liegen Taschen und Wertgegenstände offen rum. Ich wünschte, die Leute wären vorsichtiger.
- Klaudia Naceur
- Sind die Grünauer denn wenigstens bei der Aufklärung von solchen Delikten hilfreich?
- Peter Niemann
- Das schon, allerdings wollen zwei Drittel der Anrufer ihren Namen nicht nennen. Wenn wir dann die Beschuldigten nicht auf frischer Tat ertappen und keine Aussage von Zeugen haben, können wir denen nichts nachweisen.
- Klaudia Naceur
- Was befürchten die anonymen Anrufer?
- Peter Niemann
- Die meisten haben Angst, dass mit ihrem Auto etwas passiert...
- Klaudia Naceur
- ... und ist das schon einmal vorgekommen?
- Peter Niemann
- Nein. Aber ich erinnere mich an einen Vorfall, wo genau das Gegenteil passiert ist. Da kam ein Bürger zu uns, der erzählte, dass in der Nacht welche auf dem Parkplatz randaliert haben. Angerufen hat er bei uns nicht mit der Begründung, es ginge ihn nichts an. Am Morgen war sein Auto ebenfalls demoliert.
- Klaudia Naceur
- Dumm gelaufen. Gibt es denn auch umgekehrte Fälle. Also solche, wo die Beamten umsonst gerufen werden?
- Peter Niemann
- Die gibt es auch. Das sind oft Nachbarschaftsstreiterein, die man eigentlich auch anders lösen könnte, aber wenn wir gerufen werden, müssen wir natürlich hin. Das werden Kräfte gebunden, die an anderer Stelle nötiger wären.
- Klaudia Naceur
- Gibt es Stellen, an denen sie präsenter sind als an anderen? Am See beispielsweise?
- Peter Niemann
- In den Wohnkomplexen I und II, also dort, wo vorwiegend Rentner wohnen, passiert selten etwas. Die Situation am See hat sich auch grundlegend verbessert. Im vergangenen Jahr hatten wir höchstens 70 Delikte zu verzeichnen. Hauptsächlich handelte es sich auch hier um Einbrüche in Autos oder kleinere Diebstähle. Gerade am See arbeiten wir eng mit anderen Sicherheitsdiensten zusammen und das klappt ganz gut.
- Klaudia Naceur
- Gibt es etwas, was Sie sich für Ihre Arbeit in Grünau wünschen würden?
- Peter Niemann
- Ich finde es schade, dass der Zusammenhalt unter den Menschen nicht mehr in dem Maß vorhanden ist, wie er es mal war. Gegenseitige Rücksichtsnahme und ein größeres Wir-Gefühl würde nicht nur unsere Arbeit erleichtern, sondern auch das Leben der Menschen bereichern.


