Grün-As

Editorial

Liebe Leserinnen und Leser, keine Leipziger Zeitung kommt dieser Tage ohne einen Rückblick auf den Herbst 1989 aus. Diesem kollektiven Erinnern, möchten wir uns als Stadtteilmagazin natürlich nicht entziehen. Leipzig wurde nicht von ungefähr zur »Stadt der Helden«. Viele von Ihnen werden, ob sie nun mehr oder weniger mutig über den Ring marschiert sind, oder interessiert die Nachrichten von zu Hause aus verfolgt haben, ihre ganz eigenen Empfindungen haben, wenn sie an diese Zeit vor nunmehr 19 Jahren zurück denken.

Damals - ich war gerade erst 15 - befand sich unser kleines Land im Wandel. Ein ganzes Volk war politisiert, wollte über seine Zukunft mit entscheiden, wollte frei wählen, frei reden, frei sein und erkämpfte sich diese Wünsche. Gewaltlos. Ein wichtiger Meilenstein der unblutigen Revolution war der 9. Oktober. An jenem Tag machten sich 70 Tausend Menschen auf den Weg in die Leipziger Innenstadt - auch Grünauer. Sie alle wussten nicht, was auf sie zukommen wird, hatten gar die schlimmsten Befürchtungen und waren trotzdem bereit - einer auf den anderen vertrauend - Leib und Leben zu riskieren, in dem sie für eine gerechtere Politik in ihrem Land eintraten.

Jeder weiß, wie dieser Tag endete - das Volk errang seinen bis dato größten Erfolg. Sie durften offen und laut ihre Meinung äußern, durften demonstrieren und sich bekennen. Die Staatsmacht fiel in Ohnmacht und eine spannende Zeit begann. Diese gipfelte zunächst genau einen Monat nach dem ersten Sieg in Leipzig: Am 9. November fiel die Mauer. Was die meisten Leipziger lediglich am Fernseher mitverfolgen konnten, versetzte einen Großteil der DDR-Bürger in eine trügerische Euphorie. Einige jedoch erkannten bereits, dass sich mit der Öffnung der Grenzen einhergehend die Chance des selbstständigen Weges zum demokratischen und gerechteren Staat verschloss.

Der frenetische Taumel geriet zum immer schneller werdenden Strudel. Das Volk wollte geeint werden, Mahnern und »ewig gestrigen DDR-Freunden« oder »Wandlitzkindern« gestand man plötzlich keine Meinungsfreiheit mehr zu. Ich als Schülerin sah entlassene oder sich wendende Lehrer, die plötzlich nicht mehr gut heißen konnten, was sie doch vorher so strikt durchgesetzt hatten. Als im Juli 1990 die D-Mark eingeführt wurde, war die spannende Zeit längst vorüber. Eine bunte Konsumwelle schwappte über einstige Ideale hinweg und politische Ziele wurden gegen Urlaubsziele im westlichen Ausland eingetauscht. Schlusspunkt der historischen Geschehnisse war die Wiedervereinigung - fast genau ein Jahr nachdem alles begonnen hatte.

Rückblickend waren es sechs Monate (vom 9. Oktober 1989 bis zu den Wahlen am 18. März 1990), die mich entscheidend geprägt haben. Damals habe ich gelernt, dass sich gesellschaftliche Missstände nicht dadurch verbessern, dass man im stillen Kämmerlein oder am Stammtisch vor sich hin meckert. Ich habe verinnerlicht, dass demokratische Entscheidungsprozesse zur Farce werden, wenn sich niemand an ihnen beteiligt. Resignation und Frustration sollten nicht dazu führen, dass das Engagement an der eigenen Wohnungstür endet. Beteiligen Sie sich darum an der Entwicklung in Ihrem Stadtteil. Sie werden schon bald wieder Gelegenheit dazu erhalten.

Klaudia Naceur>
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