Grün-As

Spätzünder im WK 8

Neuer Eigentümer zahlt erst ein Jahr nach Ersteigerung, schickt aber jetzt sofort die Maler

Es ist eine arg gebeutelte Mieterschaft, die da in der Zingster Straße 12 bis 30 wohnt. Weil der Ex-Besitzer Pleite ging, schwebte wegen unbezahlter Versorger-Rechnungen das Damoklesschwert über den Elfgeschossern: Wasser weg, Heizung aus, Fahrstuhl tot. Dazu kam es letztlich nicht, wohl aber zur Zwangsversteigerung. Solider Neubeginn? Nun ja: Neu-Eigentümer Monarchis konnte die gebotenen 3,45 Millionen Euro ein Jahr lang nicht zahlen. Jetzt ist - unter Schmerzen - die Zeche gezahlt. Kurz darauf rückten eilig die Maler an. Ein Zeichen einkehrender Stabilität? Das zumindest verspricht Projektleiter Halil Bahadir und untermauert es mit konkreten Plänen.

»Gekämpft haben wir um das Sachsenland, nun sind die Häuser in unserem Bestand. Wir danken, dass Sie nicht sind abgehauen, sondern, dass Sie uns schenken Ihr Vertrauen!« Mit Hochglanzkärtchen und schrägem Versmaß lud Monarchis seine neuen Mieter kurz vor Weihnachten zum Sektempfang. Das Unternehmen aus dem bayrischen Neu-Ulm präsentierte sich mit adretten Managern und ebenso adrettem Internetauftritt. Die Skepsis blieb, denn es war schon die zweite Vorstellung dieser Art. Ersteigert wurden die zuvor zwangsverwalteten 427 Wohnungen nämlich schon ein ganzes Jahr vorher, am 6. November 2008. Geschäftsführerin Sonja Schneider ließ sich seinerzeit entlocken: Sogar bis 5 Millionen Euro wäre Monarchis locker im Rennen geblieben. Wenig später war jedoch klar: Das mittelständische Unternehmen hatte nicht genug Geld zur Verfügung, erklärt dies mit der Finanzkrise und dem Rückzug von Geldgebern. Erstmals in der Firmengeschichte habe man eine Finanzierung über Bankendarlehen beabsichtigt und sei gescheitert, heißt es in einer Pressemitteilung.

»Das glaube ich denen schon. Aber als dann die erneute Zwangsverwaltung kam, wuchs auch wieder die Sorge, dass es so kommen könnte wie schon zuvor«, sagt Mieter Joachim Enßlen. Zuvor, das meint das Scheitern von Ex-Eigentümer Janssen & Helbing, deren unbezahlte Rechnungen die Bewohner beinahe kalt erwischt hätten: »Vermiete meine Wohnung - als Kühlschrank!« habe auf einem der Bettlaken gestanden, mit denen die Hochhausgemeinschaft seinerzeit auf ihre missliche Lage aufmerksam machte. Nun tauchte das Finanzierungsproblem schon beim Kauf auf - kein Wunder, dass Enßlen den Zuschlag lieber bei einem ortsansässigen Mitbieter gesehen hätte. Doch Rainer Löhnert, Vorstand der Wohnungsbaugenossenschaft Kontakt, strich bei 3,4 Millionen Euro die Segel: »Da wir gleichartige Häuser im Bestand haben, wissen wir ziemlich genau, was uns das mitsamt der Sanierung gekostet hätte. Mehr war für uns nicht drin.« Lukrativ sei das Objekt aber besonders wegen der schon vorhandenen Fahrstühle und der attraktiven Lage gewesen - als Kontakt-Objekt wäre wohl seniorengerechtes Wohnen entstanden. Deswegen kann sich Löhnert gut vorstellen, dass es der Neue ernst meint: »Ich wünsche besonders den vielen Altmietern, dass Monarchis es schafft, das Objekt zu entwickeln.«

Von anderen Monarchis-Standorten gibt es zumindest keine schlechten Nachrichten. Aus der Lokalredaktion der hessischen Tageszeitung HNA ist beispielsweise zu erfahren, dass in Lohfelden bei Kassel die Übernahme etlicher Wohnungen unproblematisch verlaufen sei, es jedoch seither auch nicht zu größeren Sanierungsarbeiten kam. Allerdings: Bisher hat die Firma kleinere Brötchen gebacken, allein 64 Prozent des Gesamtbestandes entfallen auf die Zingster Straße 12 bis 30. Noch unberücksichtigt übrigens ist ein weiterer Hochhauskomplex bei Köln. Monarchis, vorher eher in Ulm und um Ulm herum mit Kleinteiligem beschäftigt, hat bestätigt, sein Hauptinteresse in Richtung derlei Großbestände verschoben zu haben.

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Zingster Straße 12-30

Den Mietern in Grünau wurde per Brief mitgeteilt: »Da uns gerade das Leipziger Objekt am Herzen liegt, haben wir nun westdeutsche Grundstücke aus unserem Bestand zwecks Überweisung des Kaufpreises verkauft.« Insbesondere in Mannheim hat recht kurzfristig ein Verkauf mehrerer Objekte stattgefunden. Der dortigen Tageszeitung Mannheimer Morgen ist über Probleme mit Miete und Mietern vor Ort nichts, und daher auch nichts schlechtes, bekannt. Gegenüber dem Gläubiger des Ex-Besitzers Janssen & Helbing ist Monarchis seit November im Reinen, bestätigt Pia Schmidt, Pressesprecherin des Wiesbadener Finanzdienstleisters Delta Lloyd. Auf dessen Bestreben wurde vom Amtsgericht nicht nur die erste, sondern auch die erneute Zwangsverwaltung angeordnet - denn dem Gläubiger stand freilich der Erlös aus dem 3,45-Millionen-Höchstgebot zu. Mit der Zahlung hat Monarchis eine erneute Versteigerung abgewendet.

Offenbar ist die Bewirtschaftung tatsächlich lukrativ: Der aktuelle Verkehrswert der Häuser liege laut neutralem Gutachten bei mehr als 9 Millionen Euro, sagt Monarchis-Sprecher Wolf-Dieter Guip, der den Leerstand auf 20 Prozent beziffert. Auch wenn Mieter die Belegung subjektiv deutlich anders bewerten, sagt auch Kontakt-Mann Löhnert: »Der Leerstand dort ist wirtschaftlich vertretbar.« Man habe im Übrigen dem ortsfremden Hausbesitzer auch die Übernahme der Verwaltung angeboten. Dazu erklärt Projektleiter Halil Bahadir, der im Telefon-Interview sehr gut informiert über Haus und Umgebung wirkt: »Wir haben das abgelehnt. Wir haben eine eigene Verwaltung, können das und wollen auch nah am eigenen Objekt sein.«

Immerhin ließ sich der Neubesitzer nach der Übernahme der Verwaltungsgeschäfte nicht lumpen, machte noch im alten Jahr zumindest Nägelchen mit Köpfen. Mitte Dezember, wenige Tage nach dem Sektempfang, eröffnete das Mieterbüro, deren Mitarbeiterin Ute Schmidt für die Bewohner eine alte Bekannte ist, weil sie zuvor für diverse Vorgänger im Amt war. Das Büro ist bei einem Spontanbesuch zur regulären Öffnungszeit gut gefüllt, allerdings gibt Schmidt sowohl höflich als auch bestimmt zu verstehen, dass Auskünfte nur über die Pressestelle zu beziehen seien. Auch in den Häusern herrscht reges Begängnis. Seit Ende Dezember habe man die Maler im Haus, berichtet Joachim Enßlen von einer eilig umgesetzten Erstaktion zwischen Weihnachten und Neujahr, sozusagen mit Aufbruch-Symbolik: Treppenhäuser komplett gestrichen, Türrahmen stehen zur weiteren Verwendung schon im Hausflur.

Günter Arlt kann das egal sein. Er gehört zu denen, die nach den Querelen auszogen. Arlt wohnt jetzt zu ähnlichen Konditionen im sanierten Andromedaweg und ist hochzufrieden. Zu Recht konstatiert er: »Hier ist nach der Wende nicht viel passiert, wir hatten immer noch die alten Fenster.« Ähnlich wie Joachim Enßlen beklagt er, dass zwischen Alt- und Neumietern, auch generationenbedingt, die Chemie nicht stimmte. Die Jugend im Haus werde erst abends richtig wach, dazu habe seine Erdgeschosswohnung gleich gegenüber eines Treffpunkts mit schwieriger Klientel gelegen. Augenzwinkernd fügt Arlt hinzu: »Jetzt kann ich wieder bei offenem Fenster schlafen.«

Zurück in die Zingster Straße, wo die meisten Fenster noch aus volkseigener Produktion stammen: War der späte Vollstart nun eine Eintagsfliege zur Mieterberuhigung oder tatsächlich der Beginn komplexer Sanierung? Wolf-Dieter Guip versichert, dass Kauf und Sanierung durch die Veräußerungserlöse nun aus Eigenmitteln finanziert werden und somit ohne Bankenabhängigkeit finanzielle Sicherheit herrscht: »Wir sind schuldenfrei!« Und Halil Bahadir kommt exklusiv in »Grün-As« mit konkreten Sanierungsplänen um die Hausecke, wenngleich er mit Details zu den Gesamtkosten (»In Millionenhöhe.«) noch vertröstet: »Alle Aufzüge werden ab April ausgetauscht oder erneuert. Den Großteil schaffen wir noch in diesem Jahr.«

Weil das eine vorübergehende Abschaltung der Lifte bedeutet, würden nebeneinanderliegende Eingänge nacheinander behandelt, um über den Durchgang in Etage 9 Zugang zu des Nachbars Fahrstuhl zu haben. Gerade für die Hauseingänge bedeute dies sogleich umfangreiche Neuerungen, die beim angekündigten Verlauf recht bald sehr zur Freude der Mieter ausfallen dürften. Monarchis gibt an, den Eingangsbereich völlig umzukrempeln: Fahrstuhleinstieg ebenerdig, verschließbarer Fahrrad-/Zweiradraum ebenfalls zu ebener Erde, neue Eingangstüren mit neuer Gegensprechanlage und neuen Briefkästen.

Folgerichtig sind Mieterhöhungen nicht ausgeschlossen, räumen Guip und Bahadir ein. Letzterer betont jedoch: »Im nächsten halben Jahr passiert nichts. Wir wollen erst beweisen, dass wir hier etwas leisten.« Und obwohl viel zu leisten ist, wenn man sich die Häuser aus der Nähe betrachtet, sollen Erhöhungen moderat ausfallen: »Wir wollen keine Luxussanierung, sondern weiterhin bezahlbaren Wohnraum anbieten«, sagt Pressesprecher Guip. Was nötig ist, werde gemacht - und zwar alle Fenster, hier allerdings zuerst Leerwohnungen, ansonsten nach Dringlichkeit. Wer große Probleme anmeldet, soll eher drankommen. Jahrelange Flickschusterei? Monarchis hält dem entgegen: Der Eigentümer profitiere davon, wenn durch neue Fenster und bessere Dämmung die Nebenkosten innerhalb der Gesamtmiete einen kleineren Teil als bisher ausmachen.

Eines ist aber auch klar: Ein Bonussystem mit Sonntagsbrötchen und Mallorcareisen wie unter Neutecta oder Janssen & Helbing wird es fortan nicht mehr geben. »Wir investieren hier viel Geld in Sanierung«, sagt Projektleiter Bahadir und betont, dass es auch für den Vermieter ein faires Geschäft sein müsse. Ein Fragebogen mit Erhebungen zu ausstehenden Boni hatte bei den Mietern allerdings den Eindruck erweckt, dass Monarchis die Systeme übernehmen will. Auch delikate Fragen zu Einkommen, Rauchern und Gesundheitszustand waren dabei. Dazu Bahadir: »Wir wollen mit diesen freiwilligen Angaben nur wissen, mit welchen Mieterschichten wir es zu tun haben und wie wir mit Themen wie Barrierefreiheit oder Aufstellen von Aschenbechern umgehen müssen.« Die Frage nach dem Einkommen heißt aber auch: Monarchis lotet aus, wie weit saniert und mieterhöht werden kann. Ob den großen Worten ebenso große Taten folgen werden? »Grün-As« bleibt dran!

Reinhard Franke
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