Grün-As
Leipzig Grün-As Stadtteilmagazin

Wie kommt der Kohl in's Atelier?

Von Karpfen schlesisch, Sputnik und dem Besteigen des Goldbergs

Seine »Grünauer Welle« hängt in der Stadtverwaltung Leipzig. Sein »Portal des Klinikums« im Foyer des St. Georg. Andere im Hotel-Foyer Drei Linden. In der Wöhrl-Filiale des PC. Im LBBW der Gehörlosen. Dr. Günter Meißner, Kunstwissenschaftler und Mitherausgeber, würdigt den Grünauer als »... vitalen Maler vor allem unmittelbarer Natureindrücke von Landschaften, heimatlichen Orten und Stillleben.«

Jürgen Leidert ist als anerkannter Maler im Künstlerlexikon angekommen. Das ist eine späte Genugtuung für eine stattliche Lebensleistung. Denn inzwischen hat er über sieben spannende und wechselvolle Jahrzehnte durchlebt. Um sein Werden als Maler gerungen. Immer wieder mal neu begonnen. Nie sein eigentliches Ziel aus den Augen verlierend. Die junge DDR lässt den gelernten Retuscheur mit den großen künstlerischen Ambitionen zunächst nicht studieren. Das kleine Land in den Kinderschuhen braucht Bodenständige. Macher. Zu viele sind mit druckfrischen Diplomen gerade auf dem Weg nach Westen.

Und so steht er die nächsten Jahre beständig an seinem Retuschiertisch. Arbeitet exakt, detailgetreu, termingerecht. Am vorgegebenen Objekt. Unter Zeitdruck. Die »Pramo« kommt ihm da unter. Die »Sybille«. Der »Filmspiegel«. Nicht uninteressant, wird er sich später erinnern. Und dankbar eigentlich auch daran, dass diese Arbeit seine handwerkliche Fertigkeit immer mehr geschult und präzisiert hat.

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Jürgen Leidert

Dennoch hat der inzwischen frisch gebackene Ehemann stolze eigene Pläne. Macht parallel Abendschule, um endlich figürlich frei zu arbeiten. Kreuzt die Wege von Christine Dölle oder Volker Pohlenz. Erarbeitet sich die Studienzulassung. Die bekommt er wenn er bereit ist, als Lehrer zu unterrichten. Und da ist sie wieder, die Disziplin, die Strenge, das Arbeiten nach (Lehr-) Plan. Etwas, was dem Kind aus der Stötteritzer Vorstadt so schwer fällt.

Mitten in den Ruinen des gerade beendeten Weltkrieges hat der Großvater eine Drogerie. Vormittags zieht der vitale Knirps mit Gleichaltrigen um die Zuckel-Häuser und jagt als Gendarm die Räuber. Oder versucht seine ausgebüchste Milchziege im Stötteritzer Wäldchen wiederzufinden. Nicht nur die Angst vor Bestrafung im Nacken, sondern auch das Bauchgefühl um den allgegenwärtigen Hunger - und damit die Sorge, das Tier noch vor seinem Verschwinden in einem nachbarlichen Kochtopf wieder heim zu bringen.

Und nachmittags, bei warmem Tee oder manchmal sogar Kakao, darf er in der Drogerie helfen. Sieht sich staunend an den Gewürzfarben satt. Schnuppert sich durch die Regale. Träumt sich dahin, wo die geheimnisvollen Dinge reifen. Und kann - ganz Kind der Zeit - das eine oder andere Bonbon gut gebrauchen, um seine ganz eigenen kleinen Tauschgeschäfte anzuregen...

Davon sind die Kids, die er nun im Leipziger Haus der Pioniere betreuen soll, einige Jahre und ein blaues Halstuch weit entfernt. Dennoch macht Jürgen Leidert die Arbeit Freude. Kann er doch bei Öffentlichkeitsarbeit, Plakatgestaltung, Programmheft drucken, Kulissen malen genug Eigenes einbringen, sich ausprobieren. Sein meterhohes gelungenes Portrait des Meisters Nadelöhr hing seit dem Pioniertreffen 1964 viele Jahre am Haus der Heiteren Muse.

Inzwischen hat der junge Familienvater ein Fernstudium für Werbung und Gestaltung aufgenommen. Wechselt beruflich ins Kulturhaus Espenhain. Kreuzt dort die Wege von Traudel Thalheim. Erste Aufträge vom Betrieb bringen endlich seine ganz persönliche Karriere als Maler in Gang. Lassen ihm Freiräume zum eigenen Arbeiten. Stillleben. Landschaften. Arbeiterportraits. Wes Brot ich ess', ...

Doch es geht auch ohne rote Fahne. Ihm sind die Menschen wichtig. Und er macht seine Sache gut. »... lässt vor allem die Farben sprechen, zeigt viele Details, die er in ein dichtes Strukturgeflecht einbindet«, so das Künstlerlexikon weiter. Noch einmal wechselt er beruflich nach Leipzig. Hält seitdem unserem Grünau die Treue. Und seiner Helga, mit der er in zweiter Ehe verheiratet ist. Sie ist mir schon beim Hereinkommen im kleinen Flur begegnet - 2 x 2 Meter - in Farbe und bildschön. Als der Staat in die Knie geht, der ihm den einen oder anderen Umweg aufgenötigt hat, steht sie ihm treu zur Seite und wagt mit ihm den Schritt in die Selbstständigkeit.

Jetzt will er sich als Maler bekennen, das Malen leben, vom Malen leben. Ankäufe von Freunden und Bekannten helfen in der ersten Zeit, auch Auftragsarbeiten. Es ist mühsam. Und er hat schon einen Großteil seiner Kräfte verbraucht: Ein Schlaganfall wirft ihn nieder. Und doch - so wie er mir jetzt gegenübersitzt, sprudelt Leben aus jeder seiner Poren. Hat er mit Willen und Durchhaltekraft ein Großteil seiner motorischen Fähigkeiten wiedererlangt und malt. Malt. Malt.

Jeden Tag. Und mit Hingabe und Freude. Gerade den »Wald vorm Goldberg. »Alles wirkt organisch gewachsen. Insofern ist er mehr als ein Impressionist des schönen Augenblicks, weil er das Innere im Äußeren offenbart.« - Als wäre Meißner bei unserem Gespräch dabei gewesen...

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