Grün-As
Leipzig Grün-As Stadtteilmagazin

»Ich hab' da noch einen Schatz...«

Im »Grün-As«-Interview: Fotografin Christiane Eisler

Derzeit wird die Intervallstudie Grünau neu aufgelegt. Diese in ihrer Zeitspanne einmalige Befragung gibt es seit nunmehr 36 Jahren und sie erlaubt in ihrer Gänze erstaunliche Einblicke in die Entwicklung eines Stadtteils und dessen Bewohnerstruktur.

Heute gilt Grünau in vielen Teilen überaltert. Das war nicht immer so. Anfang der 80er Jahre war das Viertel Lebensmittelpunkt vor allem für viele junge Familien, Kinder und Jugendliche. Letzteren widmete man ein besonderes Maß an Aufmerksamkeit. 1981-1984 führte das Zentralinstitut für Jugendforschung eine eigene Studie unter Grünauer Heranwachsenden durch. Ziel war es, »die Einflüsse territorialer Bedingungen (komplexer Neubau) auf die Lebenssituation der Jugendlichen« zu analysieren.

Begleitend dazu entstand eine Bilddokumentation über deren Wohnsi tuation, welche von der damaligen Fotografie-Studentin an der Hochschule für Grafik und Buchkunst Christiane Schwenn (heute Eisler) angefertigt wurde. »Grün-As« unterhielt sich mit der Leipziger Künstlerin über ihre Arbeiten, die ab 26. Juni im KOMM-Haus zum ersten Mal überhaupt zu sehen sein werden.

Ausstellung »Mein Zimmer« zu sehen vom 26. Juni bis 20. September während der Öffnungszeiten in den Räumlichkeiten des KOMM-Hauses. Die Eröffnung findet am 26. Juni, um 19 Uhr im Beisein von Christiane Eisler statt. Gern gesehen sind natürlich die Jugendlichen, welche damals an der Studie teilgenommen haben oder deren Eltern. In diesem Zusammenhang möchten wir ebenfalls fragen, wer die Personen auf unserem Titelfoto oder der hier veröffentlichten Bilder kennt. Melden Sie sich bitte bei uns.
Grün-As
Wie sind Sie zu dem Auftrag, einer begleitenden Fotodokumentation zur Jugendforschungsstudie in Grünau gekommen? Verbindet Sie etwas mit dem Stadtteil?
Christiane Eisler
Mit Grünau hat mich bis dahin eigentlich nichts verbunden. Die Zusammenarbeit war zwischen dem Zentralinstitut und der HGB zustande gekommen. Ich absolvierte zu dieser Zeit (1983-1985) ein Zusatzstudium im Fach Fotografie unter Evelyn Richter und wurde mit der Aufgabe betraut, die Jugendlichen in ihren Zimmern in der elterlichen Wohnung zu fotografieren.
Grün-As
Wie muss man sich das vorstellen? Haben Sie einfach Name und die Adresse bekommen, haben dort geklingelt und gesagt: »Hallo. Ich komme von der HGB und möchte mal dein Zimmer ablichten?«
Christiane Eisler
So war das natürlich nicht. Den Fragebögen waren Karten bei gelegt. Darin wurde mein Anliegen geschildert. Die Jugendlichen konnten, wenn sie denn wollten, ihre Bereitschaft am Projekt erklären und die Karten an mich zurückschicken. Etwa 25 Antworten habe ich erhalten.
Grün-As
...und sich dann auf die Socken hierher gemacht. Was hat Sie denn an diesem Projekt gereizt? Hat es Sie überhaupt gereizt?
Christiane Eisler
Ja, auf jeden Fall. Mir war schon immer die soziale Komponente meiner Arbeiten wichtig. Von daher habe ich mich nicht zwangsweise mit dem Projekt beschäftigt, sondern aus echtem Interesse an den Jugendlichen.
Grün-As
Interesse auch am Stadtteil?
Christiane Eisler
An Grünau oder besser gesagt an der Situation in Grünau fand ich besonders spannend, dass hier so viele Kinder und Jugendliche im gleichen Alter auf so engem Raum lebten. Ich bin dann auch abgesehen von meinem eigentlichen Auftrag viel in Grünau unterwegs gewesen, habe Jugendliche an ihren Treffpunkten fotografiert, ihren Alltag festgehalten.
Grün-As
Klassische Straßenfotografie also, welche sich ja doch sehr von den eher gestellten Motiven in den Jugendzimmern unterscheidet. Wo lag dabei der An spruch einer studierten Fotografin?
Christiane Eisler
Sicher habe ich auch Wert auf den gestalterischen Aspekt meiner Bilder gelegt, aber es ging eben nicht in erster Linie um den künstlerischen Wert ? Ich finde es nicht notwendig sozialdokumentarische Fotografie in den Kunstbegriff pressen zu wollen.
Bild
Foto: Christiane Eisler
Grün-As
Kommen wir zum Inhalt: Wie waren denn die Lebens umstände der Grünauer Jugendlichen so? Hat Sie da irgendwas überrascht? Gab es Ausgefallenes? Etwas, an das Sie sich noch heute sofort erinnern?
Christiane Eisler
Ãœberrascht war ich ehrlich gesagt nur von der Artigkeit. Ich muss dazu sagen, dass ich zu dieser Zeit in einer Studenten-WG lebte, wo es völlig anders zuging und aussah. Und hier nun der totale Kontrast: Stellenweise glichen die Jugendzimmer dem Wohnbereich der Eltern. Mit Schrankwand, Mustertapete und Couchtisch ? das hat mich irritiert. Klar hingen da auch mal ein paar Poster an der Wand ? besonders bei den Jungs ? aber alles in allem, war die Einrichtung doch eher brav.
Grün-As
Erinnern Sie sich noch an einzelne Begebenheiten? Sind vielleicht Kontakte entstanden? Immerhin sind Sie den Jugendlichen ja schon ziemlich nahe gekommen ...
Christiane Eisler
Wenn ich mir die Fotos heute anschaue, lassen die sich natürlich zuordnen. Ich kann mich beispielsweise an einen Jungen erinnern, der mir durchaus gefallen hat. Aber ich war Mitte 20, hatte eine völlig andere Lebenswirklichkeit als diese Jugendlichen. Ein oder zweimal haben mich welche besucht, um die versprochenen Abzüge abzuholen. Da hat man mal gequatscht, aber einen engeren Kontakt gab es nicht.
Grün-As
Die Fotos sind Ende 1983, Anfang 1984 entstanden. Wie ging es weiter?
Christiane Eisler
Ich habe die Fotos entwickelt, eine Dokumentation in fünf- oder sechsfacher Ausfertigung angelegt, bei meiner Schule abgegeben und auf das Ergebnis der Studie gewartet.
Grün-As
Von dem Sie nichts erfuhren ...
Christiane Eisler
Ja, leider. Irgendwann habe ich mal nachgefragt, was aus der Studie wurde. Ich habe mich dem Forschungsteam zugehörig gefühlt und war enttäuscht, dass ich anschließend völlig rausgehalten wurde. Wie gesagt, ging es mir ja nicht nur darum den Auftrag zu erledigen, sondern ich war schon an der sozialen Analyse der Studie interessiert.
Grün-As
Sie haben nachgefragt? was hat man Ihnen denn geantwortet?
Christiane Eisler
Das weiß ich gar nicht mehr so genau. Im Nachhinein vermute ich, dass meine Dokumentation wahrscheinlich den Stempel »streng geheim« verpasst bekommen hat und für eine Veröffentlichung nie in Betracht kam.
Grün-As
Warum?
Christiane Eisler
Auch das kann ich nur vermuten. Vielleicht liegt es an Details auf den Fotos. Poster an den Wänden, die aus der BRAVO stammten oder leere Getränkedosen aus dem Westen. Wer weiß ... Da müsste man Jemanden fragen, der damals verantwortlich war. Das legt allerdings den Schluss nahe, dass die Studie damals auch anderen Zwecken diente.
Grün-As
Haben Sie darüber Erkenntnisse?
Christiane Eisler
Nein, nicht wirklich, aber ich kann mir vorstellen, dass Studie wie Dokumentation mit Interesse auch von staatlichen Stellen betrachtet und ausgewertet wurden.
Grün-As
In der Tat gut vorstellbar. Mit dem Ende der DDR sank ja dann auch zunächst das wissenschaftliche Interesse an solchen Langzeitstudien. Wissen Sie, was mit den bis dahin erhobenen Daten geschehen ist?
Christiane Eisler
Ich habe erlebt, dass man sich in der Wendezeit in der HGB, der Uni und anderen Institutionen vieler Dokumente schnell und schmerzlos entledigte, was vor allem mit Nachlässigkeit, fehlendem Problembewusstsein und wenig Achtung vor der Arbeit der Fotografen zu tun hatte. Meine Arbeit über den Leipziger Osten landete einfach im Container. Der Tischler der HGB hat sie gerettet. Ähnlich ging es beispielsweise auch Prof. Alice Kahl, die die Grünauer Intervallstudie von Beginn an betreute. Als sie ihren Arbeitsplatz verlassen musste, erzählte sie uns vor einigen Jahren, ist sie mit zwei Koffern in die Uni rein und hat damit versucht, so viele Dokumente wie möglich vor der Entsorgung zu bewahren.
Grün-As
Bitter. Und die Grünauer Foto-Studie?
Christiane Eisler
Von den vielen Ausfertigungen ist keine wieder aufgetaucht. Die inhaltliche Auswertung habe ich mittlerweile im Internet gefunden und werde mich auch sicher damit befassen, wenn es die Zeit hergibt. Aber von der Fotomappe fehlt jede Spur. Leider habe ich mir damals selbst keine angefertigt ? aber ich habe ja zum größten Teil die Negative noch und etliche Fotoabzüge.
Grün-As
Die Fotos waren bis heute noch nie öffentlich zu sehen. Warum?
Christiane Eisler
Das hat viele Gründe. Zum einen habe ich jede Menge anderer Projekte. Zum Anderen sind die Fotografien von Harald Kirschner über den Stadtteil Grünau so beeindruckend, aussagekräftig und umfassend, dass ich mich mit meinen paar Bildern irgendwie als Anhängsel gefühlt hätte. Aber ich wusste immer: Ich hab' da noch einen kleinen Schatz. Und als Uwe Walther vom KOMM-Haus mit der Ausstellungsidee auf mich zukam, musste er mich nicht lange davon überzeugen.
Grün-As
Für den 40. Geburtstag Grünaus im kommenden Jahr, haben Sie beide ja auch schon Pläne geschmiedet. Wollen Sie davon schon etwas verraten?
Christiane Eisler
Nur so viel: Wenn sich diese Idee verwirklichen lässt, wird das eine richtig interessante Geschichte ...
Grün-As
Na, Sie machen es ja spannend. Also freuen wir uns zunächst auf Ihre Ausstellung im Juni. Vielen Dank für das nette Gespräch.
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