Grün-As
Leipzig Grün-As Stadtteilmagazin

Editorial

von Klaudia Naceur

Liebe Leserinnen und Leser, im August vor nunmehr 13 Jahren schrieb ich mein erstes Editorial für dieses Magazin. Der Stadtteil und seine Bewohner waren mir fremd und ich gebe zu: Bei aller Neugier war ich doch sehr skeptisch, ob ich mich hier jemals wohlfühlen würde. Aufgewachsen und sozialisiert in Mockau – auch ein Neubaugebiet wie man das damals nannte –, hatte ich doch erhebliche Vorurteile gegen diese Art des Wohnens und Lebens.

Hinzu kam der Ruf als rechtes Viertel, in dem man sich als erkennbar Linke nicht angstfrei bewegen könne. Letzteres ist völliger Unsinn, wie ich rasch erleichtert feststellen konnte. Aber hier wohnen? Nein. Im Laufe der Jahre wurde ich des Öfteren gefragt, warum ich denn nicht hierher ziehe. Immerhin hätte ich den Stadtteil nun besser kennen gelernt und wüsste, dass er viel besser als sein Image sei. Stimmt! Aber hier wohnen? Nein.

Ein gewisses Maß an Lebensqualität sprach ich den Grünauern doch insgeheim immer ab. Gern erwiderte ich dann, dass in Grünau doch nichts los sei und fand mühelos jede Menge Argumente, warum mein Leben in der Südvorstadt so viel interessanter ist. Allein schon die Möglichkeit, aus der Haustür zu fallen und auf Leipzigs größter Kneipenmeile zu stehen mit all ihren Möglichkeiten, einen angenehmen Abend zu verbringen, genügte mir schon, um meine innerliche Abwehrhaltung zu rechtfertigen.

In der Tat liegen Welten zwischen einem Abend in Grünau und dem neun Kilometer weiter östlich. Spätestens wenn der letzte Supermarkt geschlossen hat, ist hier Ruhe im Schiff. An Sonntagen sind die hiesigen Straßen fast verwaist. Manchmal fehlt nur noch der »rollende Busch« oder dramatische Mundharmonika-Musik und man fühlt sich direkt wie in einer Western-Geisterstadt. Auswärtige zeigen sich von der bisweiligen Menschenleere oft irritiert.

Klar: Nächtliche Ruhe schätzen wohl die meisten und wenn ich mich am Sonntagmorgen gegen vier Uhr mal wieder über die laut grölenden, an unserem Haus vorbei torkelnden Destillerie-Besucher ärgere, dann wünsche ich mich auch auf die Bürocouch in der Binzer Straße. Oder wenn ich auf einem knackevollen Kinderspielplatz sitze. Oder an einer schier endlosen Supermarktkasse stehe. Ja das sind Momente, in denen ich mich nach der Grünauer Leere sehne. Aber hier wohnen? Nein.

Doch neulich hat dieses kategorische Nein einen Knacks bekommen. Konnte ich es mir bis dato im Leben nicht vorstellen, einen spontanen, äußerst vergnüglichen Abend auf Grünauer Terrain zu verbringen, stellte ich Anfang Juli erstaunt fest, dass das durchaus möglich ist. Auf dem Marktplatz Stuttgarter Allee traten die Sultaninen im Rahmen der Aktion »Zukunftsgeräusche« vor riesigen Bild-Leinwänden auf, der China-Imbiss hatte noch freie Plätze und versprach ein schnelles und kostengünstiges Abendbrot, es gesellten sich Künstler des RASTER : BETON-Festivals sowie ein befreundetes Pärchen aus Grünau hinzu und schon war so etwas wie echte Wohlfühlatmosphäre entstanden.

Dieses Erlebnis war aber nur das Tüpfelchen auf dem I, welches der bisherige Sommer bei mir hinterlassen hat. Was hier in den vergangenen Wochen auf Grünaus Straßen und Plätzen initiiert wurde, war beispiellos, um nicht zu sagen grandios, wie Sie nachstehenden Seiten entnehmen können. Wenn nun noch die Grünauer mitziehen und solche Angebote auch wahrnehmen und mit Leben erfüllen würden. Dann würde ich das nächste Mal antworten: Hier wohnen? Ja – vielleicht.

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