Grün-As
Leipzig Grün-As Stadtteilmagazin

Mordshunger

Eine Mord- und Heimatgeschichte des Grünauer Autors Jürgen Leidert
Teil 23

KAPITEL IV

Früh war ich mit Mutter bei Mellers je einen Liter Voll- und Magermilch holen. Dort wird im Milchladen immer zwischen den Anwesenden der neueste Tratsch ausgetauscht.

Danach kamen wir wieder zur Tante, sie hörte man schon von großer Entfernung trällern: »… bei hellem Mondenscheine – einerseits und andrerseits und außerdem …«, ein Schlager der sonst von Marika Röck gesungen wurde.

»Sei mal still, Marla! Stell dir vor, das Wattel ist wieder angekommen, wurde gerade von Frau Kautz im Milchladen berichtet. Die amerikanische Militärpolizei hat ihn am frühen Morgen gestern nach Hause gebracht. Erst wurde gedacht er sei interniert worden, aber ihrem Mann hat er gesagt, er habe seinen Bruder Olaf gesucht. Der sei bis heute spurlos verschwunden. Hatte wohl Angst, ins Heim zu müssen«, berichtete Mutti die milchigen Neuigkeiten.

Tante meinte: »Ist ja auch traurig, so junge Kerle allein, wie sollen die denn klarkommen, noch dazu in der Pubertät. Wer weiß schon, was dem Olaf alles zugestoßen ist?«

Gunter hatte sich nach Ostern nun wieder gut erholt, er drängelte und fragte: »Mutti, können wir jetzt endlich rausgehen, wir wollen bis mittags spielen.« Marla antwortet: »Na, warum seid ihr noch nicht weg, macht euch aber nicht immer so dreckig, wenn ihr im Park oder auf den Wiesen spielt!« Wir rannten ins Freie, die ganze Clique hatte uns schon erwartet.

»Wollen wir nicht wieder Verstecke spielen in den Ellern, das macht doch immer viel Spaß«, schlug Irene vor, nachdem sie hinterm Haus ihr neues Häschen mit Löwenzahn gefüttert hatte. Peter fand den kleinen Hasen auch ganz süß und sagte zu Irene: »Du hast Recht, Irene, wir gehen ins Holz, da sind gute Verstecke möglich. Zuerst knobeln wir aus, wer mit Suchen beginnen muss. Wappen gewinnt, Zahl verliert. Zuerst Fred gegen Gunter – was nimmst du Fred?«

Fred: »Zahl!« Peter warf einen Groschen in die Höhe; es fiel der Groschen, er zeigte Zahl. »Gunter du bist raus, jetzt Jörg gegen Irene, Irene bestimme, was du nimmst!«

»Ich nehme Wappen.« Erneut warf er die Münze in die Luft und sie fällt auf das Hofpflaster: Wappen. »Du musst auch nicht suchen, Irene.«

An mich gewandt, sagte Peter: »Jetzt wir zwei, was nimmst du?« Ich antwortete: »Zahl.« Wieder wirft er das Geldstück und es zeigt Zahl. »Fred oder du, Jörg, nun müsst ihr es unter euch ausmachen oder ihr einigt euch, wer beginnt«.

»Wenn du willst, Freddy fange ich an.«

»Na, gut«, meinte Fred. Wir gingen durch den Park hinterm Haus, ich rief: »Macht euch schnell aus dem Staub, ihr Banditen! Zähle bis dreißig und dann hört hin!« Ich begann zu zählen, dann brüllte ich laut: »Eins, zwei, drei, vier Eckstein, alles muss versteckt sein! Ich komme.«

Ich kletterte über den Zaun vom Parkgelände, rannte über die nasse aufgeweichte Wiese, die von unzähligen Maulwurfhügeln gespickt war, zum Erlenholz hin. Ich musste aufpassen, nicht hinzufallen, die Grabungen der Maulwürfe waren tückische Hindernisse. Leise und vorsichtig ging ich durch das Unterholz des Erlenwaldes, konnte den großen Peter zuerst hinter einen alten Baum finden und abklatschen. Plötzlich rutschte ich auf glitschigen Boden weg, stürzte. Altes Erlenlaub vom Herbst, noch nicht gänzlich verrottet, bedeckte den Boden und ich lag im Dreck.


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