Grün-As

Wer zieht warum aus Grünau weg?

Wohnen in Grünau - eine Studie (Teil 2)

Falls Sie zu denen gehören, die in den nächsten 2 Jahren ausziehen wollen, haben Sie Ihre persönlichen Gründe dafür. Die mögen sich von anderen Auszugswilligen durchaus unterscheiden, trotzdem kann man aus den Befragungsergebnissen dominierende Gründe und Gründe unter »ferner liefen« ablesen. Rund 40% der Befragten wollen tatsächlich ausziehen, allerdings sind nur 8% dazu fest entschlossen, weitere 32% wollen »möglicherweise« ausziehen, d.h. sie sind noch am Überlegen, vielleicht auch am Rechnen, wie die neuen 4 Wände finanziert werden können.

Aufgefallen ist uns, dass der Anteil der auszugswilligen Grünauer von 1992 bis 1995 von 27% auf 40% gestiegen ist. Selbst wenn nur die Hälfte der noch nicht fest Entschlossenen ihr Vorhaben wahr macht, zieht in den nächsten zwei Jahren ein Viertel der Grünauer aus oder um. Die Unterschiede zwischen den Wohnkomplexen sind in dieser Frage beträchtlich: Spitzenreiter der Auszugswilligen ist der Wohnkomplex 7: 13,5% wollen unbedingt ausziehen, das ist immerhin jeder siebente Haushalt.

Erwartungsgemäß ist der Anteil der Auszugswilligen bei langer Wohndauer geringer als bei kürzerer Wohndauer, aber es gibt auch keinen automatischen Zusammenhang zwischen Auszugsabsicht und Wohndauer. Nicht die mit der kürzesten Wohndauer wollen am häufigsten ausziehen, sondern die Haushalte, die gerade drei bis fünf Jahre in Grünau wohnen, also die erst nach der Wende nach Grünau gezogen sind.

Der am häufigsten genannte Grund für den Auszug ist das »schlechte Wohnumfeld«, womit sowohl die baulich-räumliche Seite wie die zerparkten Rasenflächen, die Verwahrlosung der Freiflächen, der Schmutz, die lädierten Haustüren und Treppenhäuser gemeint sind, aber auch die soziale Seite einbezogen wird, die vielen Kinder und Jugendlichen, die keine Bleibe haben und auf dumme Gedanken kommen, die allgemeine Unsicherheit in Form von diffuser Angst vor Gewalt gegen Menschen und Sachen, das Unbehagen über wachsende Gleichgültigkeit und Anonymität im Wohnumfeld und über die eigene Hilflosigkeit.

Die schlechte Infrastruktur bemängeln nur noch 15%, andererseits sind fehlende Freizeiteinrichtungen ein Hauptkritikpunkt am Wohngebiet. Für 10% der Auszugswilligen ist bereits jetzt die Miete zu hoch. Sie wollen sich entweder wohnungsmäßig verkleinern oder in eine weniger komfortable und damit preiswertere Wohnung umziehen.

Für die Mehrheit der Umzugswilligen soll der Umzug jedoch mit einem Komfortgewinn und vor allem mit einem Gewinn an sozialer Lebensqualität im Wohnumfeld verbunden sein. Da es sich bei den Umzugswilligen vorwiegend um Mieter mit höheren Familien-Nettoeinkommen und um Haushalte mit Kindern handelt, kann angenommen werden, dass darunter viele sind, die sich inzwischen ihren Traum vom eigenen Haus erfüllen und mit großer Wahrscheinlichkeit ins Leipziger Umland abwandern.

Aus den Befragungsergebnissen wurden - durch die Kombination der Antworten zu verschiedenen Fragen - vier Bewohnnertypen gebildet: Da sind zunächst die Seßhaften Zufriedenen: Das sind die Grünauer, die sich mit ihrem Leben und mit Grünau arrangiert, die DDR-typische Bescheidenheit bei materiellen Gütern verinnerlicht haben und keine großen Veränderungen in ihrem Leben planen oder erwarten.

Es handelt sich vorwiegend um Rentner-Haushalte aus den Wohnkomplexen 1, 2 und 3 mit einem Haushalts-Nettoeinkommen bis 2.000,- DM (1022,58 Euro) im Monat. 10% der Befragten gehören zu diesem Bewohnertyp.

Analog gibt es die Seßhaften Unzufriedenen, sie sind in allen sozialen Schichten vertreten, im Vergleich zu den Zufriedenen sind sie häufiger bei den jüngeren Jahrgängen und bei Haushalten mit einem Kind anzutreffen. Sie vermissen besonders stark die Einrichtungen für das Alltagsleben im Wohngebiet, d.h. sie sind an der Funktionsfähigkeit des Wohngebiets, an kurzen Wegen und der Möglichkeit der Zeitersparnis interessiert.

Aus dieser Gruppe rekrutieren sich die Engagierten, die in Grünau etwas zum Positiven verändern wollen, weil es ihre Heimat geworden ist und die dort bleiben wollen. Zu diesem Bewohnertyp gehören 27% der befragten Grünauer.

Im Unterschied zu den Seßhaften haben wir die Mobilen ausgemacht, also die auszugswilligen Grünauer. Da gibt es die kleine Gruppe der Mobilen Zufriedenen, das sind Grünauer, die zwar umzugsorientiert sind, aber nicht unbedingt aus Gründen der Unzufriedenheit mit ihren jetzigen Wohnbedingungen.

Dazu gehörten jedoch nur 2% der Befragten. Die Mobilen Unzufriedenen sind mit 47% die größte Gruppe unter den Bewohnertypen: Sie sind mit Wohnung und Wohngebiet unzufrieden und wollen in den nächsten zwei Jahren oder später ausziehen. Sie sind in der Tendenz unzufriedener mit ihrer Lebenssituation, besonders mit der Arbeitssituation, dem Wohnen, den Nachbarn und dem sozialen Milieu. Sie vermissen häufiger als andere Bewohnergruppen kulturelle und kommunikative Einrichtungen im Wohngebiet. Es handelt sich meist um jüngere Haushalte mit Kindern, höherer Berufsausbildung der Eltern und einem überdurchschnittlichen Haushaltseinkommen.

Gruppiert man die Mobilen Unzufriedenen nach ihrer jetzigen beruflichen Tätigkeit, so ist der Anteil bei den leitenden Angestellten am höchsten (67%), bei den Rentnern am geringsten (28%). Nun ist es nichts Außergewöhnliches, dass Haushalte mit gutem Einkommen und Kindern eine Veränderung der Wohnbedingungen anstreben, sei es um mehr Platz zum Wohnen zu haben oder das Haus im Grünen zu beziehen.

Bedenklich ist jedoch, dass als Hauptgrund für den Umzug nicht die Wohnungsgröße und auch nicht der Erwerb von Wohneigentum, sondern das schlechte Grünauer Wohnumfeld genannt wird. Das Wohnumfeld - egal ob man mehr die bauliche oder mehr die soziale Seite dabei sieht - sollte doch im Interesse der Bewohner gestaltbar sein.

Link Positive Beispiele gibt es auch in Grünau. Das Wohnumfeld verlangt nach Einmischung der Bewohner, nach sozialer Kontrolle und Zivilcourage. Haben wir schon genug davon?

Prof. Dr. Alice Kahl
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