Grün-As

Zu Hause komm ich nicht mehr klar…

So, oder so ähnlich sind die Aussagen von Kindern, die sich Hilfe suchend an den Kinder- und Jugendnotdienst (KJND) in der Ringstraße wenden. Diese Einrichtung ist ein Bereich des Verbundes Kommunaler Kinder- und Jugendhilfe (VKKJ) und gehört damit zum Eigenbetrieb der Stadt Leipzig. Der KJND ist die erste Anlaufstelle in einer Notsituation.

Die Ursachen dafür, dass sich Kinder und Jugendliche in ihrem Zuhause nicht mehr wohlfühlen sind ganz unterschiedlich gelagert und im Moment der ersten Kontaktaufnahme vorerst für den Sozialpädagogen noch unklar. Ein erstes Gespräch wird bei der Aufnahme geführt. »Dort versuchen wir behutsam herauszufinden, was das eigentliche Problem ist, wie lange es schon besteht und ob es schon mal in der Vergangenheit Hilfe durch das Jugendamt gegeben hat«, erzählt Teamleiterin der Einrichtung Eva Kellinghaus.

Die Dauer des Aufenthaltes ist genauso unterschiedlich, wie seine Gründe. Mit einer Kapazität von fünf Plätzen im Kinderbereich (für Kinder von 0 bis 11 Jahren) und elf Plätzen im Jugendbereich (für Jugendliche und junge Erwachsene im Alter von 12 bis 18 Jahren) kann eine kurzfristige Unterbringung gewährleistet werden, um die Hilfesuchenden in einer akuten Notsituation zu schützen.

»Dabei handelt es sich nicht unbedingt nur um den Schutz vor körperlicher Gewalt. In den meisten Fällen sind es Beziehungsprobleme zwischen Eltern und Kindern, um die es geht«, erklärt die Teamleiterin. Sie ist seit einem Jahr beim KJND und mit ihr gemeinsam kümmern sich noch 15 weitere SozialpädagogInnen und ErzieherInnen 24 Stunden am Tag im 3- Schichtsystem, 365 Tage im Jahr um die körperliche und vor allem seelischen Bedürfnisse der Kinder und Jugendlichen. Das ist nicht immer einfach und es gibt Geschichten, die selbst nach einigen Jahren Berufspraxis an die Nieren gehen. Trotz oder gerade deswegen wird das Gespräch mit den Eltern gesucht.

»Zum einen ist es die Pflicht der Mitarbeiter, die Eltern, die sich nach dem Verschwinden ihrer Kinder auch Sorgen machen, über deren Verbleib zu informieren. Zum anderen kann nur durch Gespräche versucht werden. das soziale Umfeld der Kinder zu ergründen, die Ursachen für Probleme und deren Lösungen zu finden, die Situation zu entschärfen oder zu klären, ob es für alle Beteiligten das Beste ist, wenn sich die Wege vorerst trennen«, so Eva Kellinghaus. Der Allgemeine Soziale Dienst (ASD) des Jugendamtes ist während des gesamten Aufenthaltes (Prozess) verantwortlich. Dabei werden Erkenntnisse und Beobachtungen. die während der Inobhutnahme im Kinder- und Jugendnotdienst gemacht werden für die weitere soziale Arbeit mit der Familie genutzt.

In der relativ kurzen Zeit der Unterbringung wird versucht, gerade für die Jüngeren unter den Kindern, soviel Stabilität wie möglich in ihren Alltag zu bringen. Eltern sollen nicht von ihren Kindern getrennt werden und Kinder nicht von ihren Eltern, viel eher bietet die Unterbringung in den Räumlichkeiten des KJND beiden Seiten die Möglichkeit, zur Ruhe zu kommen und mit ein wenig emotionalem Abstand wieder eine Annäherung zu wagen. Denn dies ist - abgesehen von wenigen Ausnahmen - in den meisten Fällen das primäre Ziel der sozialpädagogischen Arbeit.

Dabei wird viel Wert auf beratende Gespräche gelegt. Oft genug ist es gerade die fehlende Kommunikation untereinander, die entfremdet. Entweder im Einzelgespräch oder mit allen Beteiligten werden diese mit ihren Problemen, Ängsten und Empfindungen konfrontiert. Einfache Fragen mit einfachen Antworten.

»Sorgen Sie sich um Ihr Kind. wenn Sie das hören?«
»Ja natürlich macht mir das Sorgen, sogar Angst. Ich weiß oft gar nicht. was er in seiner Freizeit macht.«
»Wie fühlt sich das an, wenn Du hörst, dass Deine Eltern sich um Dich sorgen?«
»Das hört sich gut an. Manchmal dachte ich es wäre ihnen egal.«
Das könnte zum Beispiel ein Ansatz sein, damit Familien wieder zusammenfinden.

Nicht immer ist die Situation schon so zugespitzt, dass Kinder und Jugendliche weglaufen oder vom Jugendamt zum Notdienst bracht werden. Der KJND bietet auch eine telefonische Beratung unter der Nummer 4 11 21 30 oder 4 12 09 20 an. Die Mitarbeiter sind 24 Stunden am Tag erreichbar.

Dass sich Grünau als sozialer Brennpunkt besonders negativ hervorhebt, schätzt Eva Kellinghaus nicht so ein. »In Grünau gibt es die gleichen sozialen Probleme und Ängste in den Familien wie beispielsweise in Connewitz oder Gohlis«, resümiert sie. Gerade die massive Konzentration von Menschen hat vielleicht sogar seinen Vorteil. Wo sonst, wenn nicht in den hellhörigen Plattenbauten, bekommen auch scheinbar Unbeteiligte die Probleme ihrer Mitmenschen mit? Und was, wenn nicht die Hilfe von umsichtigen Personen, brauchen Kinder und Jugendliche in einer kritischen Situation am meisten? … Damit sie zu Hause gemeinsam wieder klar kommen.
Klaudia Naceur

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