Grün-As

Editorial

Liebe Leserinnen und Leser,
lange haben wir ausgeharrt, haben Schneegestöber und Minustemperaturen zum Osterfest ertragen, uns in wärmende Kleidung gehüllt, haben selbst die Tristesse der Natur klaglos hingenommen und uns gegenseitig mit der baldigen Ankunft des Frühlings getröstet. Nun ist es endlich so weit: Mit der Sonne kehren die Farbe zurück nach Grünau. Zaghaft zunächst erscheint sie uns in hellen Pastelltönen. Bald schon jedoch, soll es grellbunt sein im Stadtteil - nicht nur an Bäumen, Sträuchern oder auf Beeten, sondern in den Köpfen und auf den Straßen...

Verwundert? Wir klären auf: Es zählt mittlerweile nicht mehr zum Insiderwissen und man muss sich auch gar nicht explizit dafür interessieren, um zu merken, dass Leipzig in jüngerer Vergangenheit wieder mehr in den Fokus rechter Gesinnungsgenossen gerückt ist. Es ist auch kein Geheimnis mehr, dass junge Nazis längst nicht mehr in ihrer dümmlich-martialischen Glatzen- und Bomberjacken-Uniformität daherkommen. Vielmehr haben sie vielfach den linken Straßenkämpferstil kopiert oder tragen Kleidung á la Thor Steinar (erhältlich auch in einem Grünauer Laden) und anderen vermeintlich völkisch korrekten Labels.

So weit - so schlecht. Leipzig ist im Begriff den Status der weltoffenen Universitäts- und Messestadt einzubüßen - auch wenn es einige noch nicht wahrhaben oder gar wegignorieren wollen. Zugegeben: Noch ist es ruhig im Stadtteil. Aber wer mit offenen Augen durch sein Viertel läuft, kann die Zeichen rechter Propaganda kaum übersehen. Es brodelt seit Längerem wieder und die Zeit für Zivilcourage ist überreif. Auch in Grünau - dem Stadtteil, der in den 90-ern als Hochburg rechter Cliquen galt, diesen Ruf aber zum Glück in den letzten Jahren ablegen konnte - macht man sich nun Gedanken, wie dem Problem der äußerlich verwandelten und wieder erschreckend agilen Neonazis zu begegnen sei.

Dabei sind auch Ihre Ideen, Ihre Initiative und Ihr Mittun gefragt. Es ist zwar okay, im Beisein des Oberbürgermeisters auf dem Augustusplatz »Nazis raus« zu rufen, aber sein politisches Gewissen beruhigt man mit einer geschwenkten Fahne eben nur ungenügend. Eine Meinung zu haben und diese in einer anonymen Masse Gleichdenkender zu vertreten, ist wichtig und mehr, als manch einer überhaupt zu tun bereit ist. Gesicht zu zeigen und Namen zu nennen, ist allerdings noch wichtiger und vor allem nachhaltiger. Machen Sie sich darum stark für ein farbenreiches Grünau voller Vielfalt und Individualität. In Kürze starten wir einen Ideenwettbewerb und hoffen auf reges Engagement Ihrerseits.

Klaudia Naceur und Uwe Walther
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