Grün-As
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Solche Blumengebinde lagen an 45 Stellen in ganz Leipzig.

Über Albin Jacobowitz gestolpert

Mahnwache in den Meyerschen Häusern

Der 9. November ist für die Deutschen in vielerlei Hinsicht ein Schicksalsdatum - vom jüngsten Ereignis, dem Mauerfall 1989 einmal ganz abgesehen. Am 9. November 1923 marschierte Hitler mit seinen Getreuen in München zur Feldherrenhalle und unternahm den Versuch, die Regierungsmacht an sich zu reißen. Genau 15 Jahre später läutete die Reichspogromnacht mit brennenden Synagogen, verwüsteten jüdischen Geschäften, Praxen, Unternehmen und Wohnungen, hunderten Toten sowie unzähligen Verhaftungen das wahrscheinlich schlimmste Kapitel der deutschen Geschichte und »das Verbrechen des 20. Jahrhunderts« (Zitat Burkhard Jung) ein - die beinah komplette Vernichtung eines ganzen Volkes.

2008 jährte sich dieses - von den Nazis verharmlosend »Kristallnacht« genannte - Ereignis nun zum 70. Male und Leipzig ehrte die Opfer in besonderem Maße. Neben Filmvorführungen und Zeitzeugenberichten im Büro des Oberbürgermeisters in der Katharinenstraße, einem Gottesdienst in der Thomaskirche und einer sich daran anschließenden Gedenkveranstaltung am Mahnmal der zerstörten ehemaligen Synagoge in der Gottschedstraße, wurden vor allem individuelle Schicksale von Opfern des NS- Regimes in den Vordergrund gerückt. Mit insgesamt 45 Mahnwachen in ganz Leipzig erinnerten Stadträte, Vereine, Verbände und Initiativen an Namen, Biografien und menschliche Tragödien, die auch am Rande Grünaus stattfanden.

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Gedenken an Albin Jacobowitz

In der Hermann-Meyer-Straße beispielsweise. Dort hat sich in den Abendstunden des 9. November 2008 ein Grüppchen von zehn Leuten eingefunden. Sie stehen - ein wenig frierend - um einen eher unscheinbar wirkenden, goldenfarbenen Pflasterstein herum. Dieser ist in den Gehweg vor der Nummer 1 eingelassen und auf ihm ist der Name Albin Jacobowitz eingraviert sowie sein Geburtsjahr, der Tag seiner Deportation und der seines Todes (Biografie siehe unten). In ganz Leipzig finden sich solche kleinen Mahnmale - Stolpersteine genannt. Sie werden vor den Häusern platziert, in denen Menschen wohnten, die dem Naziterror einst zum Opfer gefallen sind. Nicht nur an Juden, sondern beispielsweise auch an Kommunisten, Christen, Sozialdemokraten oder Homosexuelle wird auf diese Weise erinnert.

Albin Jacobowitz - wie mag er ausgesehen haben, dieser Mann, der einst in der Hermann-Meyer-Straße 1 wohnte und der den Aufenthalt in Theresienstadt nicht überlebte? Die Menschen, die an seinem Gedenkstein eine halbe Stunde ausharren werden, haben Kerzen mitgebracht und einen Strauß roter Rosen. Reiner Engelmann, Stadtrat der LINKEN, erzählt das Wenige, was man über das Leben des behinderten Juden weiß. Auch wenn es nicht viel ist, was an ihn erinnert. So bleibt er doch dadurch lebendig.

Klaudia Naceur

Albin Jacobowitz

Bild wurde am 6.11.1882 in Adelnau in der Provinz Posen geboren. Er war taubstumm und von Beruf Korbmacher. Bis zur Deportation in das Ghetto Theresienstadt am 19.9.1942 arbeitete er als Bürobote der Israelitischen Religionsgemeinde. Wie viele andere auch, musste er einen »Heimeinkaufsvertrag« abschließen.
Durch diese Zwangsverträge wurde den Deportierten noch das letzte Geld geraubt. Den älteren Juden wurden lebenslange kostenfreie Unterbringung, ihre Verpflegung und Krankenversorgung zugesagt. Neben einer errechneten Vorauszahlung (150 RM bis zum Erreichen des 85. Lebensjahres) wurden weitere Abgaben, Spenden und Vermögensübertragungen gefordert. Diese Vermögenswerte fielen dem Reichssicherheitshauptamt (RSHA) zu.
Da Albin Jacobowitz wegen seiner Behinderung »nicht voll geschäftsfähig« war, hat das Walter Steinert (Hauptbuchhalter der Israelitischen Religionsgemeinschaft Leipzig) für ihn erledigt. Tatsächlich fanden die Menschen, als sie in Theresienstadt ankamen, überfüllte und kaum geheizte Wohnstätten, mangelhafte Ernährung und unzureichende ärztliche Versorgung vor.
Albin Jacobowitz starb im Alter von 60 Jahren am 3.10.1943.

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