Grün-As

Ratlos

Oder: Wenn eine Runde sich im Kreis dreht

Als der Stadtbezirksbeirat West am 14. Mai in der Völkerfreundschaft zusammentraf, war die Runde ein wenig größer als normalerweise. Neben den Beiräten selbst saßen drei Vertreter des Polizeireviers West, Quartiersmanagerin Antje Kowski, Allee-Center-Hausinspektor Klaus Wagner sowie Herr Kretschmar vom Ordnungsamt Leipzig mit am Tisch.

Zur Diskussion stand die jugendliche Clique, die sich seit Wochen am südlichen Eingang des Allee-Centers trifft, dabei stellenweise bis zu 100 Personen zählt und bei Händlern, Center-Besuchern sowie Passanten für Unmut sorgt. Bereits im April wurde darüber im Grünauer Gremium heftig diskutiert, woraufhin das Thema zur wichtigen Angelegenheit erklärt und kompetente Gesprächspartner geladen wurden.

Nicht alle folgten jedoch dieser Einladung, was nicht nur enttäuschend, sondern regelrecht ärgerlich war. Denn genau jene, die allein von Amtswegen für die Klientel zuständig wären, glänzten mit Abwesenheit. Und so diskutierte man an diesem Montagabend ohne das Jugendamt, ohne den Allgemeinen Sozialen Dienst (ASD) und ohne die Mobile Jugendarbeit, die als Streetworker bereits den direkten Kontakt zur Gruppe hat. Letztere mühen sich zwar redlich und nicht nur auf der Straße. Aber mit lediglich zwei Leuten für ganz Grünau fühlen sich die Straßensozialarbeiter überfordert und erwarten Hilfe seitens des Jugendamtes.

Zu Recht: Denn immerhin ist die Clique am Allee-Center - laut des stellvertretenden Revierleiters West die größte ihrer Art in ganz Leipzig. Problematisch seien vor allem die vielen Kinder in der Gruppe - die jüngsten erst zehn und viele von ihnen als Intensivtäter bereits seit Jahren aktenkundig. Da bekannt sei, dass Minderjährige nicht strafmündig sind und Anzeigen gegen sie allesamt ins Leere laufen, sind es gerade sie, die von den älteren in die Geschäfte geschickt und zum Stehlen animiert würden. Als Belohnung gäbe es Alkohol und immer wieder auch Drogen. Ein Umstand, der wohl den größten Anlass zur Besorgnis hervorruft. Pöbeleien, Diebstähle und die teilweise erhebliche Verschmutzung des Treffpunktes sind zwar ärgerlich (bereits jetzt ist das Jahres-Budget für die Beseitigung von Graffiti am Allee-Center erschöpft), treten jedoch vor der massiven Gesundheitsgefährdung von Kindern und Jugendlichen in den Hintergrund.

Während Anwalt und Stadtbezirksbeirat Jürgen Kasek diesen Umstand als Kindeswohlgefährdung wertet und allein schon deswegen eine Handhabe sieht, gibt sich die Polizei resigniert: Die Familienhilfe als präventive Maßnahme habe versagt. Ordnungshüter und auch Streetworker bekämpften mit unterschiedlichen Mitteln allein die Auswirkungen dessen, was im Vorfeld schief gelaufen sei. Sprich: Es fehle an Möglichkeiten, überforderte Familien zu unterstützen. Spätestens an diesem Punkt wäre ein Statement des ASD oder des Jugendamtes sinnvoll und hilfreich gewesen. Da dies jedoch ausblieb, drehten sich alle Beteiligten permanent im Kreis, gaben der Gesellschaft die Schuld, verstanden nicht, warum nichts getan werden kann, übertrafen sich mit Vorschlägen, was alles geschehen müsste und waren doch letztlich ratlos.

Fazit: Wer mit hohen Erwartungen in diese Sitzung gegangen ist, der dürfte am Ende enttäuscht gewesen sein. Ganz umsonst war sie deswegen jedoch nicht: Die Beiräte konnten sich anhand der Berichte von Polizei, Ordnungsdienst und Center-Management ein ungefähres Bild von der Situation am Allee-Center machen und werden die Problematik darüber hinaus nicht aus den Augen verlieren. So ist angedacht, einen Vertreter des Beirates zum Jugendhilfeausschuss zu entsenden und die Ausschussmitglieder für das Thema zu sensibilisieren, so sie es denn noch nicht sind. Denn noch im Mai (leider nach Redaktionsschluss) wurde auch Oberbürgermeister Burkhard Jung über die Lage in Grünaus Mitte unterrichtet, bevor er fünf Tage später seinen Stadtteilrundgang an eben jener Problemstelle startete. »Grün-As« bleibt dran.

Klaudia Naceur
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