Grün-As

Frigide Fische durch Pipi im See?

Eine launige Geschichte über Damen-Urin und Fischbestand

Bald geht sie wieder los, die Badesaison. Und manch ein Gast hat gleich das richtige Rezept im Schlepptau, wenn im feuchten Nass plötzlich die Blase drückt: Einfach laufen lassen. Das kleine Geschäft merkt ja keiner und der mühsame Gang zur Toilette ist dann im wahrsten Wortsinn überflüssig.

Die Ausrede ist auch schon klar: Es gibt viel zu wenig Klos, und die sind auch noch wahlweise unhygienisch oder zu weit weg oder beides. Jawoll, und auf die Riesenmenge Wasser sind die paar Tröpfchen doch völlig egal. Nun, das entspricht nicht der redaktionellen Meinung. Gemeinsam mit dem Naturschutzexperten Leo Kasek entwickelt »Grün-As« hier noch eine andere, bislang wenig beleuchtete Sicht auf die Folgen von Urin im Kulki. Sozusagen pünktlich vorm ersten Besuch an Grünaus größter Open-Air-Toilette.

Diesmal geht es um die Fische. Sie kennen sie vielleicht noch - diese schuppigen Dinger, die im See ihre Kreise ziehen. Aber wie lange noch? Experte Kasek verweist auf einen Zusammenhang, der zunächst ein wenig bizarr klingt. Etwas unwissenschaftlich erklärt geht der so: An einem lauen Sommerabend verwechselt Frau Z. ihren Lieblings-Badesee mit einer Toilette. Frau Z. ist regelmäßige Konsumentin der Anti-Baby-Pille. Die Tablette enthält künstliche Hormone, die über den Frau-Z.-Urin im See landen. Dort wirken sie, zusammen mit anderweitig ins Gewässer eingeleiteten Östrogenen, auf die männlichen Fische: Die Fachliteratur spricht von einem »Verweiblichungsprozess«.

Im Klartext: Immer mehr Zwitter, immer mehr Weibchen. Die verbliebenen Jungs sind auch keine tollen Hechte mehr: frigide, impotent, keinen Bock auf Vaterschaft. Mit der Wahl des falschen Örtchens begünstigt Frau Z. in der letzten Konsequenz, dass es irgendwann auch keine Weibchen mehr gibt. Und Fischers Fritze fischt im Trüben. Ist das übertrieben?

Ja, vermutlich schon. Aber die Verweiblichung haben Forscher in Berlin schon um die Jahrtausendwende beschrieben. »Alarm: Sterben unsere Fische aus?«, titelte dereinst das Angelmagazin ESOX und hat einen Grund parat, warum das Thema kaum in der Öffentlichkeit präsent ist: Milliardenprofite der Pharma-Riesen und Industriekonzerne stünden auf dem Spiel. Naja. Leo Kasek sorgt sich dagegen mehr um den See und die Fische, aber auch ein wenig um Homo Sapiens Sapiens: »Für Menschen sind die Hormonrückstände unschädlich. Allerdings decken die vorhandenen Untersuchungen nur die Kurzzeitwirkungen ab. Was über 10 Jahre und mehr passiert, weiß keiner.«

Das Sächsische Landesamt für Umwelt, Landwirtschaft und Geologie (LfULG) warnt indes vor Panikmache: »Selbst an Kläranlagenausläufen von Millionenstädten konnte eine direkte Wirkung der endokrin wirksamen Stoffe und einer Verweiblichung von Fischbeständen nicht in Zusammenhang gebracht werden«, sagt Referatsleiter Gert Füllner. Das heißt: Verweiblichung teilweise ja - aber ob die genannten Ausscheidungen (in Fachkreisen »Umwelthormone« oder »Endocrine Disruptors« genannt) die Ursache sind, sei trotz 20-jähriger Forschung nicht nachgewiesen. Wir merken an: Das Gegenteil jedoch auch nicht!

Dennoch gibt das LfULG aus einem anderen Grund Entwarnung: »Die primäre Auswirkung von Urin im See ist der Nährstoffeintrag. Die primäre Wirkung wäre eine Eutrophierung des Sees, die aber bisher ebenfalls nicht belegt ist«, sagt Pressesprecherin Karin Bernhardt. So zähle der Kulkwitzer See nach wie vor zu den saubersten Gewässern in Sachsen - entsprechende Untersuchungen bescheinigen eine sehr gute Wasserqualität, obwohl sich darin »der oder die eine oder andere gegebenenfalls nicht hygienisch korrekt verhält«. Karin Bernhardt ist sicher: »Ein Endocrine-Disruptor-Problem besteht deshalb mit Sicherheit am Kulkwitzer See nicht!«

Da haben die Fische also noch einmal Schwein gehabt. Mit Verweis auf unabsehbare Langzeitfolgen ruft »Grün-As« trotzdem alle Kulki-Gäste dazu auf, sich »gegebenenfalls hygienisch korrekt zu verhalten«. Das solle dann im Übrigen auch auf die männlichen Gäste bezogen werden, wie LfULG-Sprecherin Bernhardt augenzwinkernd anmerkt.

Fazit: Pipi im See ist nicht nur zwischenmenschlich kein nettes Geschenk, sondern hat auch Gefährdungspotenzial fürs Ökosystem. Übrigens verweist Christian Conrad, Geschäftsführer von LeipzigSeen darauf, dass trotz enorm zurückgehender Badebesucherzahlen (wegen Eröffnung der Strände des Leipziger Neuseenlandes) neue Toilettenanlagen gebaut und saniert worden seien: etwa an der Campingplatzhalbinsel, im bis dato unsanierten Roten Haus oder am Strandbad Markranstädt. »Wer also nicht in den See machen will, findet ein Örtchen an Land«, sagt Conrad.

Wie schön wäre es doch, wenn eines unserer »Grün-As«-Aprilmärchen tatsächlich wahr gewesen wäre: Vor vielen Jahren hatten wir unsere Leser mit der Nachricht in den April geschickt, dass man nun mit farbigen Spuren nachweisen könne, wer sich gerade in den Kulki entleert...

Reinhard Franke
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