Grün-As
Leipzig Grün-As Stadtteilmagazin

Der Sachsenkönig wohnt bei uns Am Kleinen Feld

Jürgen Standke ist als König Friedrich August I mittendrin in der Völkerschlacht

Das ist ja mal was. Heute treffe ich also einen richtigen König. Geduscht. Gekämmt. In Jeans...

»Grün-As«
Verflixt - was zieht man denn da an?
Jürgen Standke
Friedrich August I. war stolz darauf, mit Waffenrock und Perücke die Farben seiner Leibgrenadiere zu tragen - Rot und Gelb wie ein Butterkrebs. Die waren damals noch in fast allen Leipziger Gewässern zu finden.
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Und wer ist heute Ihr Gewandmeister?
Jürgen Standke
Die Uniformen und Ausrüstungsgegenstände werden authentisch nach historischen Vorlagen gefertigt. Von jedem persönlich und wir haben eine gute Schneiderin. Da stecken viele Stunden Handwerk drin. Historische Stoffe kann man relativ gut auftreiben. Aber seltsamerweise bekommt man eher eine Muskete als passende Knöpfe. Im Zivilberuf bin ich Busfahrer eines modernen Leo Liners. Da bestimmen die LVB meine Uniform.
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Na, jetzt werden aber alle Grünauer neugierig - wie wird denn ein Grünauer Busfahrer König von Sachsen?
Jürgen Standke
Ich habe schon als Junge gemeinsam mit meinem Vater Zinnfiguren gegossen, sorgfältig bemalt und in Dioramen Schlachten, historische Begegnungen oder Lagebesprechungen der Generäle nachgestellt. Er hat mir tolle Geschichten erzählt und ich konnte tagelang in fremden Welten vor mich hinträumen. Später haben wir uns dann in Wachau das Biwak angesehen. Und da hat es mich gepackt. Die Helden meiner Jugend waren auf einmal lebendig und zum Greifen nahe. Da wollte ich dabei sein. Ich wurde Lützower Jäger, in meiner ersten schneidigen schwarzen Uniform.
Bild
Völkerschlacht Reenactment
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Die Bilder an den Wohnzimmerwänden zeigen Sie aber als Napoleon - das war ja ein steiler Aufstieg?
Jürgen Standke
Na, das war eher ein Zufall. Oft tauschen sich die Vereine aus und wir reisen viel an historische Orte. In Waterloo spricht uns ein Einheimischer an - ich würde aussehen wie Napoleon. Nun, meine Stirnlocke habe ich ja schon immer. Aber die damalige Uniform hat sicher den Eindruck verstärkt. Und nach ersten Versuchen war die Ausstrahlung meiner Darstellung tatsächlich verblüffend. Wir werden oft zu Auftritten außerhalb von Leipzig eingeladen: Zu Burgfesten, Eröffnungen von historischen Ausstellungen, Festumzügen. Wir waren sogar mehrfach in Paris. Und langsam hat mir die Sache richtig Spaß gemacht.
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Sie sind aber ein aufrechter stolzer Mann von gut 1,80 m. War Napoleon nicht eher klein und dick?
Jürgen Standke
Dieses Vorurteil hält sich nun schon zwei Jahrhunderte hartnäckig. Und hat mich auch in der Leipziger Insider-Szene nicht unumstritten gelassen. Ich wurde tatsächlich mehrfach deswegen angezweifelt. Aber man muss sich schon mal ein bisschen näher mit der Geschichte befassen. Und ich lese ja alles, was es in dieser Hinsicht gibt. Und da habe ich tatsächlich einen Historiker gefunden, der genau dieser Sache mal nachgegangen ist. Er hat sich die Aufnahmeprotokolle der Militärschule angesehen. Und da ist vermerkt, dass der Kadett Napoleon mit 1,68 m Körpergröße vermessen und aufgenommen wurde. Er war damit 5 cm größer als die meisten seiner Kameraden. Also genau richtig. Und wenn man sich jetzt noch überlegt, dass die Menschheit durchschnittlich 10 cm pro Jahrhundert wächst - 200 Jahre, 20 cm - bin ich doch mit meinen 1,80 m genau richtig. Heute. Im Vergleich zu meinen heutigen Kameraden. Ich bin ja auch der erste Historische Stadtführer in Leipzig gewesen, der in der Rolle eines Prominenten die Stadt erklärt. Selbst da bin ich oft darauf angesprochen worden.
»Grün-As«
Warum dann doch der Wechsel des historischen Vorbildes?
Jürgen Standke
Das habe ich dann für mich entschieden. Napoleon hat mit jeweils 44 und 46 Jahren zweimal abgedankt. Ist im Alter von 51 Jahren gestorben. Ich hatte inzwischen die 60 erreicht. Da kann man eine so markante Figur nicht mehr authentisch darstellen. Der Sachsenkönig bot sich an. 1813, zur Zeit der Völkerschlacht, ist Friedrich August I ein erfahrener Mann. Er ist 62 Jahre alt. Genauso alt wie ich übrigens in diesem Jubiläumsjahr 200 Jahre später auch.
»Grün-As«
Kaiser Napoleon hatte Sie - pardon - den Kurfürsten von Sachsen, 1806 zum König gemacht. Hat er sich damit einen Verbündeten gekauft?
Jürgen Standke
Im Laufe seiner Regentschaft wurde Friedrich August I von seinen Untertanen der Gerechte genannt. Noch heute trägt der Leipziger Augustusplatz seinen Namen. Der Frieden von Tilsit 1807 beendete den Krieg zwischen Preussen und Russen einerseits und Frankreich andererseits. Schon auf der Landkarte kann man sehen, dass Sachsen darin aufgerieben wurde. Jetzt war Europa in eine französische und eine russische Region unterteilt und Preußen nur noch eine europäische Mittelmacht. Friedrich August I von Sachsen hat anfangs in Napoleon einen starken Partner gesehen, um sein Land zu schützen. Preußen wollte damals durchaus bis nach Böhmen expandieren, um den Anschluss an Österreich zu bekommen.
»Grün-As«
Doch er steht 1813 auf der Verliererseite. Was ist 1813 von Sachsen noch übrig, um es zu regieren?
Jürgen Standke
Auf dem Wiener Kongress trafen sich die vermeintlichen Sieger, die um die Vormacht in Deutschland spielten. Dass die Preußen nach der napoleonischen Niederlage nicht doch noch das ganze Sachsen einkassierten, scheiterte lediglich am Einspruch der Österreicher. Aber auch Sachsen wurde in sehr enge Grenzen gewiesen und der König musste seine Rechte auf Polen abgeben. Ich denke, Napoleon hat es einmal sehr treffend auf den Punkt gebracht: Die historische Wahrheit ist die Lüge, auf die sich die Sieger geeinigt haben.
So ist es ja auch mit dem Denkmal, das die Leipziger 100 Jahre später geweiht haben. Das Denkmal ist auch durch viele Interpretationen gegangen. Ich habe mir auch das immer wieder sehr genau angesehen. Der dominierende Erzengel Michael behütet nackte Sterbende. Nackt. Wehrlos. Hilflos. Alle gleich im Tode. Egal, auf welcher Seite sie auch kämpften. Sie werden kein einziges Siegeszeichen entdecken. Die Schwertträger auf dem oberen Kranz sind Allegorien, Totenwächter. Für mich ist das Denkmal Mahnung und Gedenken an die Sterbenden.
Allerdings ist auch auffällig, dass 100 Jahre nach der Schlacht ausgerechnet der Leipziger Architekt Clemens Thieme die Ausschreibung auf den Berliner Bruno Schmitz lenkte. Dieser hatte schon das Kyffhäuser-Denkmal entworfen. Der bekennende Freimaurer war eigentlich Dritter, der den Bau genau 91 Meter hoch plante. Der Haupteingang führt durch das Maul eines Panthers - die Krallen, sogar die Barthaare können Sie deutlich erkennen. Und die von den verschiedenen Zünften hinterlassenen Zeichen. Das alles weist deutlich auf die Freimaurer hin. Heute, wieder 100 Jahre später, im Jubiläumsjahr, weist Steffen Poser, Kurator des Denkmals, das zurück. Er interpretiert damit auch. Und was die ewig gestrigen Deutschen im Denkmal sehen, ist ja sowieso schlimm.
»Grün-As«
Apropos nächste Generationen. Wie sieht es denn bei Ihnen mit dem Nachwuchs aus?
Jürgen Standke
Meine Frau und meine Tochter begleiteten mich von Anfang an. Das Mädchen ist quasi im Biwak groß geworden. Hat am Lagerfeuer Kartoffeln gegrillt. Ist munter mit den anderen spielenden Kindern herumgetollt. Hat reiten gelernt, mich zu Burgfesten, Festumzügen, auf Reisen - sogar nach Waterloo und Paris begleitet. Weihnachten wird nun schon mein Enkel zwei Jahre alt. Die Uniform für ihn als Prinz von Sachsen hängt längst fertig im Schrank. Nagelneu. Sogar in zwei Größen. Aber ich kann das Kind nur an die Hand nehmen. Geschichtsstunden werde ich auch ihm nicht halten. Wenn er auf dieser emotionalen Ebene, spielend, sozusagen aus dem Bauch heraus, Interesse entwickelt, dann möchte ich ihm gerne alles zeigen.
»Grün-As«
Auf welches Pensum muss sich denn nun der Grünauer König von Sachsen in diesen Jubiläumswochen einrichten?
Jürgen Standke
Nun, wir sind ja alle schon fast zwei Jahre zu Gange. Eine solche Feier hat Vorlauf. Im Stadtmuseum ist eine Napoleonausstellung. Das Völkerschlachtdenkmal wurde renoviert. Wir haben uns am Poniatowskidenkmal getroffen. In Liebertwolkwitz stellen die Einwohner vom 16. bis 20. Oktober »Das Dorf« nach. Das Körnerhaus in Großzschocher ist wiederbelebt. Ich telefoniere mehrmals täglich. Vom 19. bis 21.10. bin ich in der eigentlichen Festwoche in Leipzig, Markkleeberg, Liebertwolkwitz im Einsatz. 6.000 Darsteller machen sich bereit, historische Szenen nachzuspielen. Ich muss für alles extra eine Woche Urlaub nehmen. Sonst ist das nicht mehr zu stemmen. Und sicher brauche ich hinterher noch ein, zwei Tage...
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