Grün-As
Leipzig Grün-As Stadtteilmagazin

Erinnerung und Wehmut

Gedanken einer ehemaligen Gärtnerin

Die schicken Stadtvillen der WG Lipsia an der Zschampertaue nehmen langsam Gestalt an. Gelobt und viel beachtet als innovativstes Bauvorhaben in Grünau der gesamten Nachwendezeit. Darüber geriet schnell in Vergessenheit, dass an jener Stelle einst auch ein äußerst attraktives Vorzeigeprojekt beheimatet war:

Die Mietergärten waren ein Ort, der dem Stadtteil gut zu Gesicht stand und für die Pächter eine Oase der Ruhe und Idylle. Unsere Leserin Traute Menge war eine von ihnen und erinnerte sich in diesem Frühjahr schmerzlich an ihren Mietergarten.

Wenigstens sie sind mir geblieben: Die Erinnerungen an acht glückliche Jahre in meinem Garten. Die damalige Nachnutzung der Fläche abgerissener Häuser als Mietergärten, war etwas Einmaliges für Grünau. Direkt an einem lärmdämmenden Hang, von dem im Frühjahr weithin sichtbar das Gelb der Forsythiensträucher leuchtete und es bald darauf nach Jasmin duftete, lag mein Garten.

Natürlich macht so ein Garten auch Arbeit, aber diese schafft Bewegung und viel Freude an den sichtbaren Ergebnissen. Jeder Gärtner kennt das angenehme Gefühl, wenn ihm die kompostierte, gesiebte Erde durch die Finger rieselt. Ich weiß noch, mit welcher Freude ich den ersten Regenwurm begrüßte. Es befanden sich ja unter den Parzellen noch Betonteile der abgerissenen Häuser. Daher investierten wir unser Geld erst einmal in entsprechend viel Muttererde.

Sobald ich meinen Garten betrat, fiel alles, was mich vorher noch belastete von mir ab. Ich genoss die Ruhe und Stille. Aber auch den verschiedenen Arten von Vögeln wie Amseln, Meisen, Grünfinken, Staren, Rotschwänzchen und Sperlingen gefiel diese kleine Oase. Sie waren stets gern gesehene Gäste und nisteten sogar in einigen Gärten. Es war putzig anzusehen, wenn sich die Sperlinge auf dem einen Meter hohen, inzwischen ausgereiften Rispengras niederließen und sich darauf hinund herschwangen. Die Samen waren ein Schmeckerchen für sie.

Die Krähen waren zwar weniger willkommen, aber sie haben ja auch ihre Daseinsberechtigung. Interessiert beobachtete ich sie stets bei der Futteraufnahme. Sie weichten ihr Brot oder ihre Brötchen in der Vogeltränke ein, verließen diese, um sich kurz darauf ihre Beute wieder zu holen. So konnte mein Enkel erkennen, warum die Enten am Kulki nicht gefüttert werden sollen. Er sah wie das Wasser durch die nicht verwerteten Nahrungsmittel der Krähen verunreinigt wurde.

Ja, für sie alle ist diese Zeit nun auch vorbei. Sicher werden sie ein anderes Plätzchen finden. Ob es ihnen dort aber ebenso gefallen wird? Von meiner Loggia kann ich sämtliche Vorgänge beobachten, die beim Erbau der neuen Häuser geschehen. So auch das Ausschachten der Baugruben, deren Erde in unsere Gärten transportiert wurde. Es tat weh, mit ansehen zu müssen, wie alle regelmäßig verschnittenen Hecken, die Himbeersträucher, meine Weide und die vielen, hochgewachsenen Koniferen abgesägt wurden. Kahlschlag - aus!

Meine Weide war vor Jahren aus einem Osterstrauß entstanden. Viele, in der Erde noch verbliebene Frühblüher, vor allem die Tulpen, hatten keine Chance mehr zu blühen. Sie wurden von den Erdmassen erstickt. Doch mein Aprimirabäumchen (Aprikose/Mirabelle) hat es überlebt und blühte im Garten meiner Freundin. Als Alleinstehende wurde mir noch etwas genommen: Der tägliche Kontakt während der Gartenzeit zu liebgewonnenen Gartennachbarn. Auf eine versprochene Ersatzlösung des Zusammenseins, habe ich aufgehört zu hoffen.

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