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Leipzig Grün-As Stadtteilmagazin

Grünau: Ein Stadtteil mit Problemen und Chancen

Verwaltung stellt Integriertes Stadtteilentwicklungskonzept vor

Man muss schon eine gehörige Portion Geduld aufbringen, um sich durch den Entwurf des Integrierten Stadtteilentwicklungskonzeptes (STEK) zu lesen. Die Erarbeitung der 100-seitigen Bestandsaufnahme mit daraus abgeleiteten Handlungsschwerpunkten, Zielen und Zukunftsvisionen begann bereits vor drei Jahren. Nicht weniger als zwölf Ämter beziehungsweise Referate haben unter Federführung des Amtes für Stadterneuerung und Wohnungsbauförderung (ASW) daran mitgewirkt.

Bereits im August wurde die gesamtstädtische Strategie (INSEK) für Leipzig vorgestellt. Grünau wird darin neben Vierteln wie Mockau, Paunsdorf, Schönefeld und dem Leipziger Osten als Schwerpunktgebiet definiert. Das STEK, so es denn dann beschlossen wird, ist eine wichtige Arbeitsgrundlage für Fördermittelakquise und Quartiersentwicklung.

Letzteres hat der Stadtteil auch bitter nötig. Zwar ist die Zeit des Einwohnerschwundes mit dem rasanten Bevölkerungszuwachs Leipzigs auch in Grünau längst vorbei. Die Talsohle war 2011 erreicht. Seither erholt sich das Viertel und hat heute wieder 43.500 Einwohner. Sollte sich der Zuzug nicht abschwächen, könnten es in zwölf Jahren sogar wieder 52.000 sein. Doch das ist Zukunftsmusik.

Im Hier und Jetzt hat Grünau mit großen Problemen zu kämpfen, die allesamt und detailliert im STEK aufgeführt sind. Konzentriert liest sich das dann so: Überdurchschnittlich hohe Arbeitslosenzahl, hoher Anteil von Langzeitarbeitslosen – Tendenz im Gegensatz zur Gesamtstadt steigend – überdurchschnittlich hoher Anteil von SGB-II-Empfängern (sprich: Grundsicherung) – im Zentrum über 24 Prozent – überdurchschnittlich hoher Anteil von migrantischen Bewohnern – im Zentrum 24 Prozent und damit über zehn Prozentpunkte mehr als im Leipziger Schnitt – deutlich höherer Anteil von Kindern und Jugendlichen unter 15 Jahren, die von Sozialgeld leben müssen – im Schnitt jedes zweite Kind – besorgniserregend hohe Anzahl von Schulabbrechern – 25 Prozent ohne Hauptschulabschluss – negativ auffällig ebenso die Anzahl der gymnasialen Bildungsempfehlungen und der Anteil der Förderschüler im Stadtteil.

Das klingt nicht nur alles katastrophal. Das ist es auch. Nun will man gegensteuern.

Wohl wissend, dass trotz oder gerade wegen des starken Bevölkerungswachstums der Gesamtstadt nach Grünau eher einkommensschwacher Zuzug zu verzeichnen sein wird. Denn noch immer hat der Stadtteil eine hohe Leerstandsquote, die mit teils über 20 Prozent weit über dem Leipziger Durchschnitt liegt. Die Mieten sind mit 5,20 Euro im Schnitt nach wie vor die günstigsten im Stadtgebiet. Das STEK leitet daraus zwei Handlungsstränge ab: Zum einen soll Grünau »als Puffer an mietpreisgünstigem Wohnraum erhalten bleiben, um langfristige Handlungsspielräume in der gesamtstädtischen Wohnraumversorgung zu sichern«. Zum anderen böte der Stadtteil mit seinem größtenteils durch Abriss entstandenes Freiflächenpotenzial beste Voraussetzungen für alternative Wohnbebauung in attraktiven Lagen für einkommensstärkere Haushalte, was wiederum zur stärkeren Durchmischung der Bevölkerung beitragen kann.

Vier Gebiete haben die Stadtplaner dabei schon im Fokus: Der nördliche WK 5.1 (Frankenheimer/Lindennaundorfer Weg), Bereiche entlang der Brackestraße/Miltitzer Allee im WK 8 sowie im WK 5.2 die Bereiche entlang der Heilbronner und der Ludwigsburger Straße. Hochwertiger Wohnraum ist jedoch noch lange kein Garant für eine Trendwende. Das STEK beinhaltet denn auch insgesamt sechs Handlungsfelder mit konkreten Zielen und Maßnahmevorschlägen.

Eine der wichtigsten ist der Komplex »Bildung«. Dabei will man zunächst die Sanierung der Einrichtungen vorantreiben. Mit dem Bildungscampus im WK 7 und der Reaktivierung des Schulkomplexes an der Kotsche (WK 8) haben bereits wichtige Vorhaben begonnen. Geplant ist ebenso die Wiederbelebung des ehemaligen Lichtenberg-Gymnasiums (WK 4). Neben der dringend nötigen Aufwertung bestehender Gebäude sind auch drei neue Grundschulen im Osten, Westen und Norden Grünaus vorgesehen. Inhaltlich setzt das Konzept neben vielen anderen Lösungsansätzen vermehrt auf Sozialarbeit – sowohl in Schulen als auch bereits im Kindergarten.

Bildung ist jedoch nicht nur etwas für die Jüngsten. Als Leuchtturmprojekt mit Strahlkraft für den gesamten Stadtteil wird das Bildungs- und Bürgerzentrum beschrieben. Seit beinah zehn Jahren gibt es die Überlegung, verschiedene kommunale Einrichtungen an einem zentralen Ort zusammenzuführen (»Grün-As« berichtete mehrfach ausführlich). Schwierig gestaltete sich vor allem die Standortsuche. Nun habe sich die jetzige Bibliothek Mitte als Vorzugsvariante herauskristallisiert, die umgebaut und erweitert werden soll.

Einem weiteren Knackpunkt Grünaus widmet sich das STEK unter dem Stichwort »Lokale Ökonomie«. Der Stadtteil wurde einst bewusst als Wohnort konzipiert. Gewerbe mit Ausnahme von Versorgungseinrichtungen und kleineren Dienstleistern war schlicht nicht vorgesehen. Nach Wunsch der Stadtplaner soll sich dies aber ändern. Von Vorteil könnte sich dabei die eigentlich negative Entwicklung der Grünauer Wohngebietszentren erweisen. Mit Bau des Allee-Centers, gleichzeitig schwindender Kaufkraft der Bewohner und nicht zuletzt durch unglückliche Stadtumbaumaßnahmen, wie großflächigem Abbruch, sind diese in der Vergangenheit stark geschwächt worden.

Die Folge sind leerstehende Gewerbeflächen, die durchaus Potenzial für innovative Nachnutzung bieten. Bereits im kommenden Jahr kann eine solche Fläche, nämlich ein ehemaliger Konsum-Markt, wiederbelebt werden, wenn das Zentrum Alte Salzstraße/Grünauer Allee im WK 2 umfangreich saniert wird. Umbaumaßnahmen sind aber auch in zwei bis drei Jahren für den WK 8 vorgesehen.

Bleiben wir im WK 8 und kommen zu einem anderen Thema: Der Freizeitgestaltung. Die Bestandsaufnahme des STEK weist hier einen gravierenden Mangel an Angeboten für Kinder und Jugendliche auf. Mit Schließung des OFT Olympic vor fast genau zehn Jahren und dem Wegzug des Caritas-Familienzentrums vor zweieinhalb Jahren, fehlt eine vergleichbare Institution. Zwar bietet das KOMM-Haus als städtische Kultureinrichtung für junge Grünauer ein Mindestmaß an Möglichkeiten, wird aber den Bedürfnissen bei weitem nicht gerecht. Zumal das Haus vor eigenen Umbrüchen steht. Laut Konzept soll es in freie Trägerschaft übergeben werden, was angesichts der schwierigen Bevölkerungsentwicklung und den daraus resultierenden Herausforderungen mindestens abenteuerlich erscheint.

Genauso wie der Freizeittreff Völkerfreundschaft, dessen Neuausrichtung schon längst durch den Stadtrat beschlossen, aber noch nicht umgesetzt ist. Dabei sind es eben jene Einrichtungen, die neben anderen bereits bestehenden und neu zu schaffenden bei der Entwicklung der sozialen Infrastruktur Grünaus eine große Bedeutung haben. Nicht umsonst wird im STEK darauf verwiesen, dass es an Räumlichkeiten und Möglichkeiten für Begegnungen fehle. Diese seien vor allem im Hinblick auf die Integration einkommensschwacher, bildungsferner Menschen und ausländischen Bewohnern zwingend erforderlich, soll Grünau nicht zum sozialen Pulverfass werden.

Letzteres könnte man angesichts der erschreckenden Bestandsanalyse befürchten. Ob Grünau die sich bietenden Chancen zur Veränderung nutzt, hängt nicht nur davon ab, ob das nun vorliegende Konzept realisiert wird. Vielmehr ist jeder Einzelne gefordert, sich einzubringen. Das Integrierte Stadtteilentwicklungskonzept, das weit mehr umfasst als die hier aufgeführten Punkte, kann auf der Seite des Quartiersmanagements (www.qm-gruenau.de) eingesehen werden. Hinweise sollen anschließend noch in den Entwurf eingarbeitet werden. Für März ist der Beschluss in der Ratsversammlung angestrebt.

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