Grün-As

Die Kaserne Schönau

Bild Auf dem Gelände der Kaserne Schönau im Wohngebiet Grünau haben sich in den vergangenen Jahren große Veränderungen ergeben. Viele neue Bewohner sind nach Grünau gezogen und von den Kasernengebäuden ist nur noch der eigentliche Ausgangspunkt des Kasernenbaus übrig geblieben und bietet zur Zeit nicht überall ein schönes Bild.

So wie sich um alte Burgruinen Legenden weben, so geistert auch heute noch so manches Geheimnisvolle um die Kaserne herum und mancher Grünauer wird schon nach den angeblich vorhandenen tiefen Kellern, geheimen Lagern und unterirdischen Depots gesucht haben. Wer sich Geschichten über letzteres erhofft, der muss enttäuscht werden, denn die gab und gibt es nicht. Und doch birgt die Kaserne für den Interessierten manches Geheimnis, denn von Kasernen der Luftwaffe gibt es keinerlei Bau- oder andere Unterlagen, diese wurden wohl 1945 zielgerichtet vernichtet, und auch die Geschichte der Stäbe und Truppen der Fliegerabwehr sind bei weitem nicht so erforscht wie die des Heeres.

1933(35)-1945

Mit dem Bau der Kaserne wurde nach der einsetzenden allgemeinen Aufrüstung in Deutschland im Jahr 1935 begonnen. Eines der Gebäude (Unterkunftsgebäude 7) wurde auch bereits in diesem Jahr fertig, ein anderes war bereits 1933 gebaut worden. Die Kaserne ingesamt wurde 1936 ohne jedes Zeremoniell übergeben. Hier, außerhalb der Stadt neben dem kleinen Dörfchen Schönau, zog die 73. (leichte) Flakabteilung mit vier Batterien 3,7 und 2 cm Flak ein. Im Jahr 1939 wurde darüber hinaus eine Luftwaffenfachschule errichtet und das Flieger-Ersatz-Bataillon IV gegründet. Über all diese Einheiten gibt es bisher keine Angaben und Forschungen.

Interessant und bisher auch weitgehend unbekannt ist, dass in der Kaserne von 1940 bis 1942 das Prüfungslager der Luftwaffe untergebracht war. Hinter diesem unscheinbaren Begriff verbirgt sich nichts anderes als eine Erziehungseinrichtung, klarer die Überprüfungs- und Aussonderungseinheit der Luftwaffe.

Kriegsgerichtsrat Dr. Holstein aus Leipzig schrieb dazu in der Zeitschrift für Wehrrecht: »Zu den wichtigsten Fragen der Truppenführung als Erscheinungsform der Menschenlenkung gehört neben der Auslese der Leistungsfähigen auch die Aussonderung etwa vorhandener Schädlinge. Unehrenhaft werden aus der Wehrmacht ausgestoßen, …, die für Ungeeignet gelten. Hierzu tritt ergänzend der truppendienstliche Reinigungsprozeß der Absonderung von Soldaten aus ihrem Truppenverband, die eine Gefahr für die Manneszucht und eine Belastung für den Dienst bilden.«

»Er dient - teilweise mit Strafcharakter - der Erziehung der Sondersoldaten und dem Schutz der Truppe vor nachteiligem Einfluß. Gemeinschaftszersetzende (asoziale) unverbesserliche Schädlinge, die sich allen Erziehungsversuchen beharrlich widersetzt haben, können aus dem Prüfungslager in Polizeigewahrsamslager (sprich Konzentrationslager - d.A.) überwiesen werden.«

Dabei zählte als asozial jeder Soldat, der sich der NS-Ideologie wiedersetzte. Der »Deutsche Soldatenkalender« bezeichnete sie als charakterlich minderwertige Soldaten. Hier fanden sich auch Wehrpflichtige wieder, die dem Gestellungsbefehl vorsätzlich nicht Folge geleistet hatten sowie Vorbestrafte und Selbstverstümmler. In dreimonatiger straffer militärischer Sonderschulung sollte geprüft werden, ob »Soldaten der Luftwaffe, wieder in die Truppe eingegliedert werden sollten« (aus Sondereinheiten in der früheren deutschen Wehrmacht).

Das Leben in dieser Einheit muß mehr als hart gewesen sein, denn es gab für sie kein Wochenende, keinen Sold, keinen Ausgang, aber striktes Rauchverbot. Hinzu kamen Nachhilfexerzieren bis zu täglich zwei Stunden und Schlafen auf hartem Lager. Auch die Militärjustiz ging rigoros mit den Soldaten dieser Einheit um. Todesurteile waren keine Ausnahme. Die Hinrichtungen fanden auf dem Schießplatz Bienitz und im Roten Ochsen in Halle statt.

Am 12.September 1942 wurde das Prüfungslager nach Dedelsdorf im Kreis Gifhorn verlegt und aus ihm die berüchtigte Luftwaffen-Jägerkompanie (zur besonderen Verwendung) 14 gebildet. Nachdem bei einem Fliegerangriff im Jahr 1943 das Stabsgebäude Grassistraße 1 zerstört wurde, verlegte der Stab die 14. Flak-Division in die Kaserne und verblieb da bis kurz vor dem Kriegsende.

1945-1991

Bild Beim Einmarsch der US-Army Ende April 1945 war die Kaserne völlig geräumt. Sie befand sich nach Plünderungen in einem schlimmen Zustand. Nach der Übergabe Leipzigs an die Rote Armee wurde die Kaserne unter der Aufsicht Leipziger Antifaschisten von dienstverplichteten Nationalsozialisten gesäubert. Anschließend bezog die Sowjetarmee die Truppenunterkunft.

Dabei handelte es sich wohl um Einheiten des 25. Schützenkorps (Generalmajor Trufanow) der 1. Gardepanzerarmee (Generaloberst Katukow). Als die Kaserne 1991 von den russischen Truppen geräumt wurde, befand sich hier das 241. MotSchützenregiment der Hallenser 27. MotSchützendivision. Da die sowjetischen Soldaten keinen bzw. nur Gruppenausgang erhielten und die Familien der Offiziere auch in der Kaserne untergebracht waren (die Wohnhäuser wurden 1955, 1968 und 1981 gebaut), blieb diese sowjetische Einheit relativ unbemerkt und trat erst nach dem Bau von Grünau aus der Verschwiegenheit heraus.

Das besonders als am 24.9.1982, 10.10 Uhr, eine gewaltige Explosion Teile von Grünau erschütterte. Aus den Garagen der Kaserne, direkt an der Lützener Straße, stiegen Flammen auf und Splitter von Granathülsen flogen bis zu 300 Meter weit durch die Luft. Bereits zehn Minuten später war die Feuerwehr am Brandort, die F 87 wurde ab Höhe Tankstelle abgesperrt, die 91., 92 und 93. Polytechnische Oberschule sowie in der Nähe befindliche Kindertagesstätten wurden geräumt, die Eisenbahn- und die Straßenbahnlinie wurden stillgelegt, die Gaszufuhr gestoppt und weitere Sicherheitsmaßnahmen eingeleitet.

Die Kunde verbreitete sich wie ein Lauffeuer in der Stadt und wenig später meldete bereits der Deutschlandfunk das Ereignis.

Was war geschehen? Das sowjetische MotSchützen-Regiment hatte in den Garagen entlang der Lützener Straße seine gefechtsbereite Artillerie untergebracht, schwere LKW mit angehängten Haubitzen, beladen mit Teilen des Kampfsatzes, Geschoßhülsen und Granaten getrennt. In diesem Gefechtspark brach aus unbekannten Ursachen ein Feuer aus, das bald 18 Garagen erfaßte und acht davon mitsamt der Technik und der Munition völlig zerstörte.

Die brennende Munition rief eine Kettenreaktion hervor, die explodierenden Granathülsen schleuderten andere durch die Luft, die nun ihrerseits explodierten. Der Einsatz der sowjetischen Soldaten und der Feuerwehr verhinderte eine größere Katastrophe. Bereits 12.30 war der ganze Spuk beendet. 15 Uhr konnten alle Sperrmaßnahmen aufgehoben werden. Außer einigen Fensterscheiben hatte es für die Grünauer keine Verluste gegeben.

Nachdem die russischen Truppen 1991 abgezogen waren, erfolgte 1995/96 die Beräumung der zig Tonnen liegengelassenen und vergrabenen Schrotts, sowie einer nicht unbedeutenden Menge von Übungs-, Exerzier- und Gefechtsmunition.

Die Umgestaltung des Geländes ist ein schönes Beispiel dafür, wie militärischer Nachlaß genutzt werden sollte. Wenn dazu die erhalten gebliebenen Gebäude noch rekonstruiert und recht bald einer sinnvollen Nutzung zugeführt würden, dann hätte Grünau wieder ein ganzes Stück gewonnen.

Dr. Dieter Kürschner, Militärhistoriker
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