Grün-As

In Kinderhänden

Alternatives Schulprojekt erhält in Grünau neues Zuhause

Kinderlachen, Stimmgewirr, trippelnde kleine Füße treppauf, treppab - ins Haus Garskestraße 31 ist neues, junges Leben eingezogen. Seither haben hier Kinder »das Kommando«. Lange stand das LWB-Gebäude, welches zum Gewerbehof am Schönauer Park gehört, leer. Für die Familien, die sich hier täglich in ihrem Lernzentrum treffen, ein idealer Ort, um ihrem Traum der eigenen Bildungseinrichtung ein Stück näher zu kommen: einer demokratischen Schule, nach dem Modell der Sudbury Valley School in den USA. Einige der Eltern sind Mitglied im Verein »Sudbury-Schule Halle-Leipzig e. V.«, der sich um die Gründung einer solchen Schule bemüht.

Bild Mit dem Vermieter wurde man sich schnell einig. Dieser überprüfte und reparierte die Elektrik, setzte die Heizungsanlage instand, beseitigte die Ursachen für Nässeschäden, zog einen Zaun zum angrenzenden Gewerbehof und kam dem finanzschwachen Projekt beim Mietpreis entgegen. Zweieinhalb Wochen dauerte es noch, das alte Gemäuer mit Farbe aufzufrischen. Seit Ende vergangenen Jahres nun, ist die Garskestraße 31 fest in Kinderhänden. Jeder, der meint, mit dem Begriff Schule etwas anfangen zu können, sollte diese Vorstellungen jedoch über Bord werfen. Denn hier ist alles ein wenig anders.

Montagvormittag - Kinder spielen im Hof und aus sämtlichen Zimmern des zweistöckigen Hauses tönt lautstarker Tumult. Pause? Nein. Ganz normaler Sudbury-»Unterricht«. Jedem unvoreingenommenen Besucher dürfte bei diesem Anblick die Verwunderung ins Gesicht gemeißelt stehen. Einen Klassenraum sucht man vergeblich, genauso wie Lehrer. Diese nennen sich hier Begleiter und sind größtenteils Eltern der aufgeweckten Sprösslinge. Kristin Lehmann ist eine von ihnen. Gemeinsam mit ihrem Mann Günter Przybylski übernimmt sie an diesem Tage die schwierige Aufgabe im Dienste der Bildung. Denn auch wenn es auf den ersten Blick nicht so scheinen mag: Hier lernen Kinder - jede Minute und immer etwas Neues - und sei es auch nur die Erkenntnis, wie viele Treppenstufen man mit einem Mal hinunter springen kann oder wie lange man schlafen muss, wenn man bis 1 Uhr früh fern geschaut hat...

Klingt zunächst logisch, aber in punkto Allgemeinbildung besorgniserregend. Was ist mit dem Grundwissen, das die Kinder irgendwann vielleicht einmal brauchen? »Genau das ist der Punkt«, kontert Kristin Lehmann, die sich immer wieder mit der gleichen Skepsis konfrontiert sieht. »Vielleicht irgendwann, vielleicht aber auch nie. Welcher Erwachsene kann beispielsweise nach zehn Jahren Schulabstinenz Begriffe wie Photosynthese oder Logarithmen erklären? Das sind Dinge, die man gezwungener Maßen lernen muss und nach kurzer Zeit wieder vergisst. Wer sich wirklich für etwas interessiert, wird es lernen. Lesen, Schreiben und Rechnen lernen die Kinder ganz nebenbei und dann, wenn sie es brauchen«.

Bild Ein Sudbury-Schüler, der beispielsweise studieren möchte, und das tun nach eigenen Angaben etwa 80 Prozent der Absolventen, setzt sich hin und bringt sein Wissen auf den erforderlichen Stand. »Wo ein Wille ist, ist eben auch ein Weg«, ergänzt Günter Przybylski, bevor er wieder mit dem jüngsten der insgesamt sieben Vorschulkinder an der Hand, im Computerraum verschwindet. Dass der Diplom-Sozialarbeiter und Ehe-, Familien- und Lebensberater gehörlos ist, scheint hier niemanden zu verunsichern. Die Kinder wachsen eben zweisprachig auf.

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