Grün-As
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»Auszeit« mitten in Grünau

Samstagabend in Grünau. Ein leer stehender Neungeschosser im WK 7. Der Großteil der Fenster ist zerschmissen und auch der Gesamteindruck des Hauses ist eher trostlos. Trotzdem steht eine lange Schlange von Menschen vor der Tür und wartet. Wartet auf eine Auszeit auf die Auszeit.

»Auszeit« ist der Schauplatz für Installationen, Performances, Geschichten und Skurrilitäten, die normalerweise so oder so ähnlich (oder vielleicht doch nicht?) hinter Hoteltüren stattfinden.

Bild Ein streitsüchtiges Paar - geifernd die Frau, genervt der Mann - bahnt sich seinen Weg durch die Wartenden in Richtung Eingang. Die Tür springt auf und eine völlig andere Welt schrill, bunt und laut-, so gar nicht zum öden Äußeren des »Hotels« passend, öffnet sich den überraschten Besuchern. Am Empfang wartet der umtriebige Hotelpage Ted, bereit, die neuen Gäste in Empfang zu nehmen und einchecken zu lassen. Womit er nicht gerechnet hat: Das sonst so idyllische Hotel ist ausgerechnet an diesem Tag voller skurriler Überraschungen, mit denen er und die Gäste unaufhaltsam konfrontiert werden.

Bereits an der Rezeption taucht plötzlich eine junge, hübsche Frau auf, verteilt Seife und verschwindet so schnell, wie Sie gekommen ist, Der Rezeptionist joggt unablässig am Empfang und ein Bär rennt panisch durch die Gäste. Der Problembär und gleichzeitig Hausmeister dieses Hotels, der »bloß nicht beachtet werden soll«, wie der Page unaufhörlich mahnt.

Dann nimmt Hotelpage Ted die Gäste mit auf einen Rundgang durch sein Hotel. Bereits im Treppenaufgang (Fahrstuhl ist defekt) hört man ein klägliches Jammern und eine unheimliche Atmosphäre macht sich breit. Drei augenscheinlich völlig durch gedrehte Frauen mit Schirm und Kaffeetasse laufen ständig die Treppen auf und ab durch die verdutzten Besucher und sprechen von einem Mord. Äxte in den Türen, Glasscherben auf den Treppen und diffuses Licht im Aufgang lassen nichts Gutes erahnen.

Bild Nachdem die Besucher endlich in der 4. Etage angekommen sind, wartet bereits die nächste Katastrophe. Ein Mann springt plötzlich aus einem (Hotel)Zimmer und bedroht mit gezogener Waffe seine gefesselte Lebensabschnittsgefährtin. Der Hotelpage Ted wird irrtümlicherweise zum Geliebten und Ehebrecher erklärt und steht kurz vor dem Tod durch Erschießen. Nur mit Mühe kann dieser sich aus der Situation befreien und seinen Rundgang fort setzen. Doch er kommt nicht weit damit. Eine schrullige Seherin taucht plötzlich auf und fordert ein neues Zimmer, welches ihrer Zahlenmystik entspricht- am Ende bleibt der Keller. In einem Bad erklärt eine Frau, die sich als dieselbe entpuppt, die am Eingang des Hotels die Seife verteilte, warum waschen so wichtig ist und warum es für sie nichts Schöneres gibt. Und zwischendurch und mittendrin immer wie der der durchgeknallte Bär und die aufgescheuchten Damen mit Schirm und Kaffeetasse.

Dem Hotelpagen Ted - inzwischen schon dem Zusammenbruch nahe - ereilt schließlich die Idee, den Gästen den »Wellnessbereich« des Hauses (»alles für die Sinne«) zu zeigen, um ihnen eine kurze Auszeit zu gewähren. Denn nur kurze Zeit später warten auf diese schon wieder neue Katastrophen: ein Toter, das Gruselzimmer und das etwas andere Beschwerdebuch, welches auch einfach nur die Nase voll hat.

Am Ende ist jeder Gast froh, wieder lebend aus diesem verrückten Hotel zu kommen, aber - kaum an der frischen Luft - auch voll des Lobes über diese Inszenierung: »Fabelhaft. Einmalig. Sensationell. Superklasse. Genial.« sind nur der schwache Ausdruck für diese megastarke Performance. Ein großes Kompliment an die künstlerischen Projektleiterinnen Viola Kowski und Sabine Kaminski, die auch dieses Mal wieder ganze Arbeit geleistet haben. Und ein noch größeres Kompliment an die jugendlicher Darsteller, die mit Witz, Wortakrobatik und schauspielerischer Überzeugung bei den Gästen einen bleibenden Eindruck hinterlassen haben - allen voran natürlich Ted.

Es ist ein Glücksfall, dass dieses Projekt entstanden ist und dass die Organisatoren - Theatrium, Arena, Mobile Jugendarbeit, KiJu und Schulsozios - sich gefunden haben, um diese tolle Idee mit Leben zu füllen.

Bild Der Quartiersrat Grünau und das Quartiersmanagement haben das Projekt mit 1500 Euro aus dem Verfügungsfond befördert und freuen sich über das Ergebnis. Zudem wurde mit diesem Projekt wieder einmal gezeigt, welches Potential in Grünau vorhanden ist und was mit ehrenamtlichem Engagement, gezielter Unterstützung - vor allem aber mit gebündelter Kraft und Enthusiasmus möglich ist. Vielen Dank an alle Beteiligten und weiter so!

Antje Kretzschmar, Stadtteilmoderatorin
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