Grün-As

Grünau hat Geschichte

In der Parkallee auch eine grausame

Die Parkallee im WK 2 gilt als eine der idyllischsten Stellen in Grünau. Ein breiter, von Linden in mehreren Reihen umsäumter Weg verbindet hier den Schönauer Park mit den Parkanlagen in der Robert-Koch-Klinik. Viele Menschen nutzen die Strecke als Schulweg oder zum Spazieren.

Zwischen August 1944 und dem Frühjahr 1945 gab es hier keine Gelegenheit zum unbeschwerten Flanieren. Das an der Schönauer Straße gelegene Flugzeugwerk der Allgemeinen Transportanlagen-Gesellschaft Leipzig (ATG) benötigte zum Erreichen der Produktionsvorgaben für den Krieg 500 weitere Zwangsarbeiter. Die SS schickte daraufhin aus ihrem Lagerreich 500 arbeitsfähige, junge ungarische Jüdinnen aus dem KZ Stutthof nahe dem heutigen Gdansk.

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Parkallee

Am 22. August 1944 kamen die Frauen in Leipzig-Schönau an. Die damalige Lindenallee wurde mit Stacheldraht eingezäunt, Baracken errichtet. Das Lager Schönau wurde dem KZ Buchenwald unterstellt. Für die Frauen enthielt dieses neue Martyrium eine minimale Chance zum Überleben. Denn für alle Juden, wie auch Slawen, gab es in Hitlers Reich nur die zynische Alternative: Zwangsarbeit in Rüstungsbetrieben oder Tod durch Verhungern, Erschießen oder Vergasen.

Von einem deutschen »Blitzsieg« konnte spätestens seit der Niederlage vor Moskau im Dezember 1941 keine Rede mehr sein. Je länger der Krieg fortan dauerte und je »totaler« die Nazis ihn führten, desto mehr deutsche Männer mussten zum Töten und Streben an die Fronten. Allein zwischen Juli 1944 und Mai 1945 wurden eine Million zusätzliche Soldaten zur Wehrmacht eingezogen. Den immensen Bedarf der Wehrmacht an Waffen und Ausrüstung mussten immer mehr Zwangsarbeiter unter unmenschlichen Bedingungen und unter ständigem Todesrisiko herstellen. Von bis zu acht Millionen ausländischer Zwangsarbeiter in Deutschland zu Kriegsende, zumeist Juden und Osteuropäer, geht die Forschung heute aus.

Die Industriestadt Leipzig war eines der Zentren der deutschen Rüstungsproduktion. In den HASAG-Werken der Hugo Schneider AG wurde die sogenannte Panzerfaust gefertigt. In mehreren Fabriken in und um Leipzig entstanden Kampfflugzeuge, so bei ATG in Kleinzschocher. Bis zum Frühjahr 1944 hatte sich die ungarische Führung dem deutschen Druck nach Vernichtung der jüdischen Gemeinde entziehen können. Mit Einsetzung einer NS-Marionettenregierung im März rollte auch in Ungarn die Deportations- und Vernichtungsmaschinerie an. Die ungarischen Juden wurden im eigenen Land in Ghettos eingepfercht, um kurz darauf in die Lager in Polen und dem Baltikum verschleppt zu werden. Die überwiegende Zahl über 750.000 ungarischen Juden wurde in Auschwitz vergast. Eine kleine Minderheit konnte als geschundene Zwangsarbeiter überleben.

Auch die Frauen der Parkallee haben Namen, die in den Akten vorliegen. Auch diese Frauen waren, für die Zeit ihres Aufenthaltes in Leipzig, unsere Nachbarn. Nachbarn, denen in deutschem Namen die Menschlichkeit abgesprochen wurde. Seit den frühen 1980er Jahren gibt es Bemühungen, diesen Frauen durch ein Erinnern einen Teil ihrer Würde wiederzugeben. Bislang schien die öffentlichkeitswirksame Beschäftigung mit diesem Kapitel deutscher und Grünauer Geschichte immer irgendwie nicht in die Zeit zu passen. Nun möchten verschiedene Grünauer Akteure in einem Arbeitskreis »Lindenallee« einen Weg finden, diese Lücke des Erinnerns nachhaltig auszufüllen.

Gernot Borriss
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