Grün-As

Freiwillige vor!

Erstes Grünauer Ehrenamtscafé gut besucht - und nachhaltig erfolgreich

»Eigentlich brauchen wir 'ne Mutti!« Gelächter im Stadtteilladen, als Sven Bielig sein etwas kurioses Stellenangebot in die Kaffeerunde hineinruft. So witzig es klingt: Der Chef der Skatehalle »Heizhaus« meint es durchaus ernst. Das Projekt ist groß und beliebt - aber in den Händen von (zu) wenigen. Jemand, der beim aufwändigen Bürokram unter die Arme greift. Oder jemand, der den Mädels mal zeigt, wie man sich vernünftig schminkt und dabei weder sich noch die Damentoilette verunstaltet. Bielig ist mit 30 der Alterspräsident, ist damit automatisch der Kumpeltyp. »Das ist auch gut so, aber eine gestandene Persönlichkeit, die den Bengeln auch mal ein paar Takte erzählt - warum nicht?«

Etwa 60 Menschen hören ihm an diesem Dienstagnachmittag zu. Potenzielle Helferlein, zum Ersten Grünauer Ehrenamtscafé geladen. Das Aufeinandertreffen von anbietenden Vereinen und suchenden Interessenten wurde von der Freiwilligen-Agentur Leipzig organisiert. Deren Aufgabe ist es, motivierte Menschen in Ehrenämter zu vermitteln. Möglichkeiten gibt es genug, Freiwillige nicht - oder noch nicht. »Das Potenzial ist da, wir müssen nur die Motivation wecken«, sagt Wolfgang Walter von der Agentur. Die Anzahl der Gäste gibt ihm recht - eifrig werden alle paar Minuten neue Stühle gebracht. Grünau sei da ein gutes Pflaster, meint Walter. Man schielt vorwiegend auf die Generation 50plus, insbesondere Arbeitslose und Rentner werden zum Objekt der Begierde. Die könnten Zeit haben, die könnten auf der Suche nach Lebenssinn oder sinnvoller Beschäftigung sein.

Ilona Sack ist so ein Beispiel. »Ich bin 57 - und weg vom Fenster«, sagt sie in einer erfrischend heiteren Weise, die vielleicht auch ein wenig den Frust über den Arbeitsmarkt kaschiert. Auf selbigem habe sie trotz energischer Bemühungen keine Chance mehr: »Aber ich bin auch nicht der Typ, der sich nur mit Kochen, Waschen und Putzen beschäftigt.« Aus der Erkenntnis folgte der Gang zur Freiwilligen-Agentur. Die hatte etliche Kontakte parat, die probat erschienen. Fazit: Ilona Sack arbeitet teils parallel, teils hintereinander in mehreren Projekten - eins davon ist übrigens das Ehrenamt in der Freiwilligen-Agentur selbst. Das umfasst die wöchentliche Sprechstunde für Interessierte im Stadtteilladen, donnerstags von 15 bis 17.30 Uhr.

»Am Anfang saßen wir hier allein, aber in der letzten Sitzung waren es gleich mehrere Gespräche«, sagt Ilona Sack und sieht große Chancen für die Grünauer Projekte: Wer aus eigener Motivation kommt, der bleibe auch irgendwie hängen - weil die Verschiedenartigkeit der Angebote wirklich für jeden Geschmack etwas bereit hält. Ganz so rosig sei die Vermittlungsquote nicht, ergänzt Wolfgang Walter. Er schätzt, dass etwa ein Drittel aller Vermittelten langfristig dabei bleibt. Die Gespräche seien intensiv, man wolle gut vorbereiten. Dennoch gibt es auch vielfältige Gründe, warum Anbahnungen scheitern - auf beiden Seiten.

»Mancherorts ist das Klima auch nicht so gut und schreckt Ehrenamtler schnell ab«, sagt ein Insider. Aber auch das richtige Betätigungsfeld zu finden, ist nicht leicht. Die bei den Vereinen als motivierte Ansprechpartnerin geschätzte Projektmanagerin Birgit Oldenburg verweist auf die entscheidende Frage: »Wo liegen meine Fähigkeiten? Was will ich selbst?« Es gehe viel mehr darum, sich mit den eigenen Talenten und Wünschen einzubringen, als dem Gesuch eines Vereins gerecht zu werden. Denn da gebe es bei mehr als 500 Optionen genügend Spielraum. Apropos: 36 Angebote listet die Internetseite der Agentur allein für Grünau.

Einige dieser Anbieter sind gekommen, um zu werben, und sammeln kräftig Pluspunkte. In wohl organisiertem Stakkato-Stil heißt es »Wer ich bin« und »Wen ich suche«. Anschließend machen Flyer die Runde und der nächste ist an der Reihe. Ein bisschen fühlt es sich an wie beim Speed-Dating. Selbst wer letztlich keinen Freiwilligen angelt, geht auf Tuchfühlung mit den Bürgern. Die recht jugendlichen Vereinschefs wirken sympathisch - betreiben Brückenbau zwischen den Generationen. Als Sven Bielig beim Vorstellen der Skatehalle die Sprayerei dem vermutlich nicht gerade graffiti-affinen Auditorium als »moderne Malerei« verkauft, muss er selbst ein wenig schmunzeln - und alle anderen mit. Sascha Röser vom KIJU in der Heilbronner Straße sucht für seine Kids einen Freiwilligen mit Erfahrungen an der Gitarre und findet deutliche Worte: »Das können wir einfach nicht. Wir hätten es gern, aber ohne Sie können wir das vergessen. Wir brauchen Sie.« Es klingt so von Herzen kommend, dass es auf fruchtbaren Boden fällt: Nach dem Treff führt Röser gleich mehrere Gespräche, der Samen ist gelegt.

Weitere Projekte machen die Runde. Inka Arabin ist aus der Liliensteinstraße gekommen: Die Caritas sucht kreative Köpfe und »verzweifelt einen Koch«. Als es um das Thema »Opa oder Oma gesucht« geht, stehen gleich Vertreter zweier Vereine auf - Konkurrenz belebt das Geschäft. Ruth Schlorke vom Kreativzentrum sucht einen »kreativen Mann« und betont dabei beide Worte. Man wolle sich einem ehrgeizigen Projekt widmen, einen Brotbackofen konzipieren und bauen. Das Theatrium braucht Helferlein im Kostümfundus. Abseits der handwerklichen Gesuche ist auch etwas für die Seele dabei: Astrid Sonntag sucht für das Projekt SeppA Freiwillige, die pflegende Angehörige begleiten.

Nach 90 Minuten sind Vereine, Interessierte und die Agentur selbst begeistert vom Verlauf des Treffens. Schon vorher war klar: Diese Idee geht auf Leipzig-Tournee, kommt wahrscheinlich auch irgendwann nach Grünau zurück. »Das ist effektiver als alles andere«, raunt Birgit Oldenburg ihrem Kollegen Wolfgang Walter sichtlich angetan zu, wenngleich man zuvor auch schon in anderen Stadtteilen ähnliche Erfolge verbucht hatte. Da bleibt aus neutraler Sicht als einzige Kritik übrig: Warum ist bloß nicht schon früher jemand auf diese Idee gekommen?

Eine Woche nach der Veranstaltung: »Grün-As« will in Erfahrung bringen, wie nachhaltig das Ehrenamtscafé für die Grünauer Vereine tatsächlich war. Wir fragen bei einigen von ihnen nach - und bekommen mehrheitlich ein positives Feedback: Inka Arabin hat die Bewerbung eines Mannes entgegengenommen. Ob er der neue Koch im Caritaszentrum wird, entscheidet sich kurz nach Redaktionsschluss. Auch in den anderen Bereichen des Familienzentrums gebe es erfolgversprechende Kontakte. Ruth Schlorke hat zwar keinen »kreativen, männlichen« Ofenbauer für das Kreativzentrum gefunden, legt das Projekt aber nicht ad acta. Enttäuscht sei sie nicht: »Das war schließlich auch ein sehr spezielles Gesuch.« Die Zusammenarbeit mit der Freiwilligen-Agentur habe bereits einiges bewirkt, wenn auch nicht in diesem Fall.

Sascha Rösers Aufruf hat nicht nur kurzfristig Großes bewirkt: Wenn nichts mehr dazwischen kommt, fangen drei Freiwillige im KIJU an. Zwei Damen erweitern das Spieleangebot, und zum eigenen Erstaunen war der heiß ersehnte »Mann mit der Gitarre« tatsächlich unter den Café-Gästen dabei. Selbst Sven Bieling, dessen Heizhaus bei der Generation 50plus auf größere Akzeptanzprobleme als andere vorgestellte Projekte stoßen dürfte, ist fündig geworden: Eine büroerfahrene Dame will sich tatsächlich den Verwaltungsdingen widmen - und sogar für den Schminkkurs gibt es eine weitere Interessentin. Bieling prüft nun erst einmal, ob es bei den zu schminkenden Mädels genauso wenige Berührungsängste gibt. Nur die hausmeisterliche Respektsperson, die sei noch zu finden.

Nähere Informationen zu den noch offenen Stellen, nicht nur im Kreativzentrum oder im Heizhaus, finden Interessenten unter www.freiwilligen-agentur-leipzig.de.

Reinhard Franke
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