Grün-As
Leipzig Grün-As Stadtteilmagazin

Mordshunger

Eine Mord- und Heimatgeschichte des Grünauer Autors Jürgen Leidert
Teil 9

Der Großbauer, Emil Rietzschold, hatte drei Kinder und besaß, bestellte oder bearbeitete etwa dreißig Hektar Land. Besonders in der Erntezeit brauchte er Hilfen, Knechte und Mägde.

»Bevor wir in diesem Jahr das erste Heu von den Wiesen mähen und holen, können Sie gern mal mit dem Knaben sich ein paar Wiesenchampignons sammeln. Das hilft in diesen Zeiten auch die Mäuler zu stopfen. Gegenüber der Schule gehen Sie links die Straße, bei Morenzens vorbei, dann gehen Sie rechts und wieder links, da ist gleich die zweite große Wiese. Und wenn Sie mal etwas zu vertauschen haben, zum Beispiel: Speise- oder Kaffeeservices, Silberbestecks oder Teppiche nehme ich Ihnen gern ab.

Da können Sie von mir Sirup, Eier, Kartoffeln, Butter, Brot und Wellfleisch bekommen. Aber die Pilze holt sonst immer das Wattel von Stannebeins, unser Hilfsknecht, von der Wiese. Sollte er protestieren, falls Sie ihn treffen, sagen Sie ihm, dass ich es Ihnen ausdrücklich erlaubt habe. Das Wattel läuft ohnehin nicht ganz rund, muss ihn ständig kontrollieren, wenn er arbeitet, damit er keinen Unfug macht oder sich faul hinlegt und auf dem Heuboden der Scheune schläft!«

Mutter bedankte sich für das Angebot mit dem Einwand: »Mit Schwamme kenne ich mich nicht gut aus, aber vielleicht wissen die Kinder besser Bescheid! Jedenfalls werde ich mich schon bei ihnen melden, ich habe eine Idee, will aber erst mit meiner Schwester darüber reden. Vielen Dank auch fürs Mitnehmen, nun sind wir ja da, mein Schwager kommt bald auf Urlaub von der Front, wir wollen ein bisschen renovieren. Mein Mann ist längst gefallen.«

»Brru!«, der Bauer ließ die Pferde halten, uns absteigen. »Grüßen Sie ihre Schwester und einen guten Tag noch!«
»Hüh!«
Sein Fuhrwerk lenkte er geradeaus die Dorfstraße hoch zu seinem Dreiseitenhof. Tante hatte uns schon erwartet. Auch der kleine Gunter freute sich, dass wir wieder da sind. Es war eine herzliche Begrüßung. »Gleich Morgen werden wir das Schlafzimmer tünchen und dann backen wir auch den versprochenen Osterkuchen«, ließ Tante Marla wissen.

Das Schlafzimmer war nach zwei Tagen frisch gemalert. Alles in Blütenweiß! Mir fehlte wohl etwas Farbe und ich glaubte, auch Onkel Hein wäre das Weiß zu eintönig. Ich besah mir die Wände und fand am Schlafzimmerspiegel einen Lippenstift von Tante, nun begann ich mit Freude die Wände rundherum mit roten Wellenlinien zu bemalen. Leider fand mein erstes künstlerisches Engagement keinen Beifall, sondern einige gehörige Ohrfeigen.

Anschließend wurde ich zur »Strafe« mit dicken Tränen in den dunklen Keller gesperrt, »da kannst du über deinen Blödsinn nachdenken, bist du schwarz wirst«, geiferte die Tante. Auch Mutter war außer sich. Ich konnte es nicht begreifen! »Eventuell bekomme ich es mit Terpentin hin. Marla, das nimmt das Fett der Farbe weg, dann tünche ich nochmal drüber.«

»Eine schöne Schweinerei«, so die Tante, »na, hoffentlich klappt das!« Zu mir gewandt: »Du Ausbund gehst jetzt ins schwarze Loch, ist wie Knast, aber ohne Wasser und Brot!« Die kommenden Tage vor Ostern waren für Mutter und Tante mit Heimarbeit ausgefüllt. Da es verregnete Tage waren, konnten wir Kinder vorerst nicht vors Haus. Tante Marla wollte nun den Osterkuchen backen während Mutter das Schlafzimmer restaurierte. Wir sollten derweil in der Stube spielen und wurden ermahnt: »Dass ihr euch nicht zankt, spielt schön miteinander! Wer nicht folgt, bekommt die Ohren abgeschnitten!«


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