Grün-As
Leipzig Grün-As Stadtteilmagazin

Editorial

Montagmorgen

Liebe Leserinnen und Leser, eigentlich wollte ich ja in diesem Vorwort ganz gemütlich das 22. Parkfest Revue passieren lassen. Hätte mich am Montagmorgen nicht die Zuschrift eines Grünauers erreicht, der sich bitter darüber beklagte, dass er wegen der Musik am Freitagabend seinen Fernseher lauter stellen musste.

Die Kritik ist nicht neu. Damit muss man leben und hätte sich Herr Z. darauf beschränkt, wäre sein Leserbrief hier gar nicht erwähnt worden. Doch es ging noch weiter: Den Veranstaltern unterstellt er Fremdenfeindlichkeit und Ausländerhass. Schließlich würden in dem Bereich auch »Asylanten«-Kinder wohnen, die um diese Zeit schlafen wollen. Natürlich habe ich mich gefragt, was den Schreiber mehr beschäftigt: Seine Fernsehlautstärke oder das Wohl kleiner Kinder!? Im Übrigen ist mein Söhnchen wohlig in meinen Armen liegend direkt neben der Bühne eingeschlafen. Aber das nur am Rande...

Fakt ist, der Mann ist in Sorge. »Besorgte Bürger« treten ja derzeit überall in Erscheinung. Manchmal spazieren sie als patriotische Abendländler durch die Straßen, manchmal brüllen sie auf Versammlungen andere nieder. Manchmal hetzen sie in übelster Weise in Online-Kommentarspalten. Manchmal applaudieren sie hämisch, wenn irgendwo eine Flüchtlingsunterkunft attackiert wird. Manchmal machen sie sogar selbst mit. Angesichts der jüngsten Ereignisse in Sachsen drängt sich mir eine Frage auf: Wie geht eine vermeintlich zivilisierte und aufgeklärte Gesellschaft mit Menschen um, die in ihrer Mitte Zuflucht suchen – aus welchen Gründen auch immer.

Nein, ich unterscheide nicht zwischen Kriegs- und Elendsflüchtlingen. Und ja: Als bekennender »Gutmensch« (was für ein Un-Wort!) entsetzen mich die Reaktionen eines nicht unerheblich großen Teils der Bevölkerung. Von offen nationalistisch und rassistisch agierenden Gruppen und Parteien ist man ja nichts anderes gewohnt. Schlimm genug. Doch es sind eben jene »besorgten Bürger«, die mir Angst machen. Solche, die sich klammheimlich darüber freuen, wenn es aufgrund von unbedachten Zusammen- und Überbelegungen in Aufnahmelagern zu Zwischenfällen kommt. Solche, die ja eigentlich nichts gegen Ausländer haben, dann aber doch jede Menge Argumente gegen sie finden.

Natürlich darf man Befürchtungen äußern und es ist auch legitim, Fragen zu stellen. Beispielsweise die, warum überhaupt Menschen auf der ganzen Welt ihre Heimat verlassen (unter anderem weil wir ihre Arbeitskraft und Ressourcen ausbeuten oder Krisengebiete mit Waffen versorgen). Oder die, warum es einfach nicht gelingt, eine gerechte gesamteuropäische Lösung herbeizuführen. Nicht zuletzt aber die, warum die in Teilen absehbare Entwicklung hierzulande so gründlich verschlafen wurde. Lange ist bekannt, dass die Zahl der Asylsuchenden steigen wird. Eine vorsorgliche Suche nach geeigneten Unterbringungsmöglichkeiten hätte die jetzige Situation in jedem Fall entschärft.

So aber bricht sich Bahn, was – so scheint's – seit den Pogromen Anfang der 90er Jahre lediglich unter der Oberfläche gärte. Zustände wie in Freital oder Heidenau kann und mag man sich in Leipzig kaum vorstellen. Selbst die kritikwürdige Unterbringung von 500 Flüchtlingen in der Ernst-Grube-Sporthalle hat in erster Linie Solidarität und ehrenamtliches Engagement hervorgerufen. Im Klartext: Dort wird Willkommenskultur bis zur völligen Erschöpfung nicht nur gepredigt, sondern gelebt. Der Argwohn von Oberbürgermeister Burkhard Jung, die sächsische Landesregierung könnte mit solchen Maßnahmen die Akzeptanz gegenüber Asylsuchenden unter den »Gutwilligen« schmälern, war somit erfreulicherweise unbegründet.

Doch auch wenn es im Gegensatz zu anderen Gegenden Sachsens hier eine starke Zivilgesellschaft gibt: Leipzig ist keine Insel der Glückseligkeit. 2012 – ich erinnere mich genau – ließen sich die »besorgten Bürger« in vielen Stadtteilen so lauthals wie schon lange nicht mehr vernehmen. Auch in Grünau. Zur Sitzung des Stadtbezirksbeirates kamen hunderte von ihnen, um ihren Unmut über eine geplante Unterkunft in der Weißdornstraße teilweise brüllend kund zu tun. Über einige Äußerungen war ich damals schier entsetzt.

Drei Jahre sind seither vergangen – was sich in dieser Zeit an der Einstellung dieser Leute verändert hat, wird sich spätestens dann zeigen, wenn Sozialbürgermeister Thomas Fabian voraussichtlich im September verkünden wird, dass hier zeitnah mindestens zwei neue Unterkünfte entstehen (»Grün-As« wird darüber berichten). In der Hoffnung, mir diesbezüglich umsonst Sorgen zu machen...

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