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Leipzig Grün-As Stadtteilmagazin

Geflüchtete in Grünau

Wie viele kommen? / Wo sind sie untergebracht? / Wie kann man helfen?

Kaum ein Thema beschäftigt derzeit die Menschen in Deutschland so sehr, wie das der Geflüchteten, die zu Hunderttausenden in unser Land kommen und hier Zuflucht suchen. Während die große Politik darüber streitet, ob es eine Obergrenze für die Aufnahme von Asylbewerbern geben kann / soll / darf, beschäftigen sich die Verantwortlichen in Land und Kommune mit den bereits existenten Problemen: Wie die Flüchtlinge menschenwürdig unterbringen, wie sie ernähren, ärztlich versorgen und letztlich integrieren? Leipzig rechnet in diesem Jahr mit mindestens 5.400 Neuankömmlingen, die über das gesamte Stadtgebiet verteilt untergebracht werden. Auch in Grünau.

Wie bereits im Oktober ausführlich berichtet, bekommt der Stadtteil im Laufe eines Jahres neben der bestehenden Einrichtung für zirka 220 Geflüchtete in der Liliensteinstraße 15a drei weitere Unterkünfte, die bei der Ratsversammlung am 28. Oktober per Beschluss bestätigt wurden. Eine auf dem Gelände des Robert-Koch-Parks für 38 Personen (17 Doppel- und vier Einzelzimmer), soll bereits ab dem 9. November bezogen werden. Der Pachtvertrag mit dem St.-Georg-Klinikum läuft bis 2025. Die beiden anderen Unterkünfte in ehemaligen Kindertagesstätten Liliensteinstraße 1 (84 Personen) und Deiwitzweg 1 (88 Personen) werden erst 2016 nach einer umfassenden Sanierung nutzbar sein.

Derweil ist die Not der kommunalen Entscheidungsträger so groß, dass man auch das Tabu Turnhallen-Unterbingung zu brechen scheint. Die Turnhalle auf dem Gelände der Freien Schule an der Alten Salzstraße hatten wir im Oktober noch als Schubladen-Herberge bezeichnet. Mittlerweile ist sie als Notunterkunft für 65 Menschen hergerichtet und sollte bereits am 21. Oktober bezogen werden. Dass sie zum Zeitpunkt unseres Druckschlusses (26. Oktober) noch immer nicht belegt ist, kann man als Indiz dafür werten, dass die Halle tatsächlich nur im absoluten Notfall und lediglich als Interim genutzt wird.

Damit die Unterbringung in Turnhallen und Zelten Ausnahmen bleibet und möglichst gar nicht erfolgt, ist man auch weiterhin auf der Suche nach geeigneten Objekten. Und stößt dabei auf Gebäude wie dem ehemaligen Ökumenischen Gästehaus. Bereits vor drei Jahren stand es schon einmal zur Disposition - damals regte sich Protest und das Vorhaben, in dem Mittelganghaus 180 Flüchtlinge unterzubringen, wurde verworfen.

Nun steht es wieder auf der Liste der Möglichkeiten und hat folgerichtig die Wiederbelebung der damals gegründeten Bürgerinitiative »Für dezentrale Unterbringung von Flüchtlingen und Asylsuchenden« nach sich gezogen. Öffentlich in Erscheinung tritt diese Initiative derzeit nicht. Vielmehr haben die Verantwortlichen einen Brief an das Sozialdezernat verfasst und werden wohl demnächst zu einem Gespräch ins Rathaus eingeladen. Denn mittlerweile steht fest: Die Immobilie, die im Übrigen kurz vor dem Verkauf stand, wird zu einer Unterkunft umgebaut. Wann sie bezogen wird, ist hingegen derzeit noch unklar.

Sicher ist jedoch, dass im angrenzenden Kleinzschocher - auf dem Gelände der Studienakademie in der Schönauer Straße - eine vom Freistaat betriebene Erstaufnahmeeinrichtung für mindestens 200 Menschen entsteht. Die Bauarbeiten für die Errichtung beheizbarer Zelte auf dem Freigelände der staatlichen Akademie haben bereits begonnen. Dazu wurden Bäume gefällt sowie der Platz geebnet und geschottert. Mit der Ankunft der ersten Bewohner kann somit bereits im November gerechnet werden.

Geht man nun von allen geschilderten und derzeit denkbar möglichen Unterbringsszenarien für den Stadtteil aus, ergibt sich eine Zahl von 810 Asylsuchenden für Grünau. Eine Zahl, die vielleicht erschreckt und die sich am 17. Oktober das rechte Bündnis »Offensive für Deutschland« (OfD) zu Nutze machen wollte, in dem es die Grünauer aufrief, sich an einer Demonstration durch den Stadtteil zu beteiligen.

Schnell formierte sich Gegenprotest: Eine Demonstration ausgehend vom Adler sowie eine Kundgebung in Hör- und Sichtweite der OfD-Veranstaltung an der Alten Salzstraße/Stuttgarter Allee. Für letztere hatten viele Grünauer Institutionen getrommelt ? unter anderem die Partei »Die Linke«, welche Anmelder und Organisator war, die katholische Gemeinde St. Martin, die auch 20-köpfig erschien und das Theatrium, das seine abendliche Vorstellung absagte und lieber mit Luftballons gegen die Parolen der OfD demonstrierte.

Das Kräfteverhältnis war relativ eindeutig mit 126 auf OfD-Seite und zirka 400 beim Gegenprotest - darunter erfreulicherweise oder leider (je nachdem wie man es nimmt) wenig Grünauer. Doch zurück zu den 810 möglichen Asylbewerbern. Das mag zunächst viel klingen, relativiert sich jedoch mit einer anderen Zahl: Im Laufe der vergangenen Jahre hat der Stadtteil etwa 40.000 Einwohner verloren. Der Platz und die Infrastruktur sind da, um Hilfe und Integration müssen sich alle bemühen. Wie es gelingen kann, zeigen einige Projekte, die wir Ihnen in den folgenden Ausgaben vorstellen werden.

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