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Leipzig Grün-As Stadtteilmagazin

Hinter der bunten Fassade

MK Medizintechnik öffnet seine Pforten an der Alten Salzstraße

Als Antje und Jörg Bergmann am 30. September ihre 120 Gäste zur offiziellen Eröffnung ihrer Sanitäts-Manufaktur hinter der bunten Fassade in der Alten Salzstraße begrüßen, kann man die Anspannung der letzten Monate kaum noch erahnen. Sie scheinen einfach nur überglücklich zu sein und strahlen übers ganze Gesicht.

Beinah zwei Jahre hat es gedauert, den Flachbau der ehemaligen Wohngebietsgaststätte zum allergrößten Teil in Eigenleistung zu sanieren. Danach war erst einmal Urlaub angesagt. Zwei Wochen am Stück – ein Luxus, den sich das ambitionierte und engagierte Unternehmer-Paar schon seit vielen Jahren nicht mehr gegönnt hat. Zurück aus Italien erwartet sie nun der ganz normale Arbeitsalltag in Grünau.

Aber was heißt bei den Bergmanns schon normal!? Die Firma – im Übrigen die mit Abstand größte produzierende im ganzen Stadtteil – hat eine ganz eigene Philosophie. Da lädt die Chefin einmal in der Woche zum gemeinsamen Essen, backt auch gern vor der Arbeit einen Kuchen für die 16-köpfige Belegschaft. Es geht auf gemeinsame Ferienfahrten und wenn der Mitarbeiter heiratet, gibt's einen Zuschuss für die Party.

Traumhafte Arbeitsbedingungen, die natürlich auch seinen Sinn haben, wie Antje Bergmann erklärt: »Ich hege und pflege unsere Angestellten. Ich weiß, was ich an ihnen habe und möchte auf keinen verzichten.« Es hat lange gedauert, bis das Team in seiner jetzigen Zusammensetzung stand. Die Neuen werden auf Herz und Nieren geprüft. Auf jedes Detail wird geachtet. Es muss alles passen – Engagement, Auftreten, Interesse an der Arbeit, fachliche Kompetenz, die Chemie natürlich und der Umgang mit der Kundschaft.

Denn der ist kein ganz einfacher. Der überwiegende Teil hat komplexe, schwerste Erkrankungen – darunter sind viele schwerstbehinderte Kinder und deren Angehörige. Für sie fertigt die Firma MK Medizintechnik im Sonderbau Hilfsmittel, die ihnen den meist sehr eingeschränkten Alltag erleichtern sollen.

»Unsere Kunden sind oft Leid geprüft, fühlen sich allein gelassen und unverstanden, haben ungelöste Probleme. Wir sind bestrebt, ihnen ein hohes Maß an Kompetenz, Zuverlässigkeit und Vertrauen zu geben«, erklärt Antje Bergmann die schwierige Aufgabe. In den 21 Jahren seines Bestehens ist das Unternehmen sukzessive dazu übergegangen, Serienmodelle der Orthopädie- und Reha-Technik in Handarbeit so individuell und passgenau zu gestalten, dass sich für jeden Einzelnen die Lebensqualität spürbar erhöht. Die großzügigen Räumlichkeiten an Grünaus Lebensader bieten dafür genügend Platz.

Zwar wird man im Eingangsbereich mit einem schicken Tresen und jeder Menge Ausstellungsequipment empfangen. Das Herzstück bildet jedoch die Werkstatt. Dort wird auf über 2.000 Quadratmetern getüftelt, probiert und auch mal am Wochenende gearbeitet. Dort steht auch die neue Fräse. Ein Produktionsmittel zur Herstellung von Sitz- und Liegeschalen, das Jörg Bergmann mit seinem Mitarbeiter Michael Kammer selbst entworfen und gefertigt hat. Die neue Fräse ermöglicht es beispielsweise, in viel kürzerer Zeit nach einem Vakuumabdruck, den entsprechenden Grundkörper zu fertigen und zu erproben. Ein überschaubarer Zeitraum, den man sich bequem vor Ort vertreiben kann.

Noch einen Vorteil bietet die Manufaktur gegenüber herkömmlichen Sanitätshäusern: Selbst komplizierte Reparaturen können schnell realisiert, den Menschen, die auf Hilfsmittel dringend angewiesen sind, unmittelbar geholfen werden. »Wir haben da einen selbst gewählten sehr hohen Anspruch an uns selbst und unsere Produkte«, so Antje Bergmann. Zum Glück sind aber natürlich nicht alle Menschen schwer krank, sondern haben »nur« altersbedingte körperliche Einschränkungen.

Sie finden hier einen kompetenten Service für die sanitätshausüblichen Bereiche wie Kompressions- und lymphatische Versorgung, Rollatoren, Badewannen- und Patientenlifter, die gesamte Breite der manuellen und elektrischen Rollstühle, Elektroantriebe, Aufstehhilfen, Trep pensteiger, Bewegungstrainer, Dreiräder, verschiedenste Gehhilfen, Bandagen, Pflegeprodukte, Lymphentstauungsgeräte oder Brustprothesenversorgungen.

Seit dem 1. Oktober können sich Interessierte selbst ein Bild vom umfangreichen Angebot des Unternehmens machen. »Das Interesse der Grünauer«, schmunzeln Antje und Jörg Bergmann »war von Anfang an da. Während der Bauphase haben immer mal wieder Leute den Kopf durch die Tür gesteckt, waren neugierig und haben sich gefreut, dass hier etwas Neues entsteht.« Nicht nur die Bautätigkeit hat die Aufmerksamkeit der Grünauer erregt, sondern auch die für den Stadtteil einzigartige Fassade des einst schmucklosen Gebäudes.

Eine Gestaltung á la »Hundertwasser« schwebte Antje Bergmann vor. Einen echten »Patty 23« (Künstlername von Patrick Seifried) hat sie bekommen und ist sichtlich zufrieden. Froh sei man, geradezu glücklich über die Freundlichkeit und Geduld der Anwohner im Laufe der vergangenen Monate.

Eigentlich könnten sich die Bergmanns nun erstmal zurücklehnen und verschnaufen. Doch sie wären nicht sie selbst, wenn sie sich mit dem bislang Erreichten einfach zufrieden geben würden. Längst denkt Jörg Bergmann über eine Vergrößerung der jetzigen Produktionsfläche nach, um den stetig wachsenden Aufträgen auch gerecht werden zu können. Insbesondere die Serienherstellung von sehr kleinen und wendigen Rollstühlen für Wohnungen mit schmalen Türen steht in den Startlöchern. Dafür wurde speziell eine sps-gesteuerte Rohrbiegemaschine angeschafft.

Und dann wäre da noch der 27-jährige Sohn Toni, der auf einigen Umwegen ins elterliche Unternehmen gefunden hat und auf den die Mama besonders stolz ist: »Wir freuen uns, dass er sich entschlossen hat, bei uns einzusteigen. Als Toni mit Beginn der Bauarbeiten hier anfing, hatten wir gedacht, dass ihn das vielleicht abschreckt. Aber er ist geblieben und durchläuft nun alle Bereiche der Firma.« In der Tat sind die Beräumung von tonnenweise Taubendreck nicht das, was ein studierter Chemiker unbedingt tun will. Den jungen Mann hat es genauso wenig gestört wie der manchmal sehr harte Arbeitsalltag. In zehn Jahren könnte er MK Medizintechnik übernehmen. Alles richtig gemacht.

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