Grün-As

Ein Grünauer erinnert sich:

Von »Schlammhausen« in die »Grüne Aue«

Die Kunde von dem entstehenden Neubaugebiet im Westen unserer Stadt hatte sich natürlich auch bis nach Alt-Connewitz verbreitet. Man las ja auch darüber so allerhand in der Zeitung, aber trotz der Lobeshymnen, die da und dort auf das neue »Sozialistische Wohngebiet« gesungen wurden, gab es doch viel Skepsis.

Trotzdem nahm man das Wachsen des Viertels zur Kenntnis, und es, regte sich eine gewisse Neugierde. Und so machten wir, meine Frau, und ich, uns an einem Sonntag, bei herrlichem Wetter, auf den Weg, um uns das alles mal anzusehen.

Es muß so etwa 1979 gewesen sein, jedenfalls fuhr die S-Bahn schon bis zur Haltestelle »Grünauer Allee«. Aber was wir dann sahen, erfüllte uns mit Entsetzen. Das Umfeld der neuen Häuser - die eben aussahen wie alle Neubauten damals - war eine einzige, große Schlammwüste. Es gab keine Möglichkeit, trockenen Fußes zwischen den Blöcken zu laufen.

Viel Regen in den Tagen und Wochen vorher hatte die provisorischen Wege aufgeweicht. Die Bezeichnung Schlammhausen, die ich verschiedentlich für Grünau gehört hatte, schien also berechtigt zu sein. Wir hatten bald die Nase voll von dem, was wir hier gesehen hatten, und so fuhren wir enttäuscht, aber mit total verdreckten Schuhen, wieder ins heimatliche Connewitz.

Wie nett war es da doch bei uns! Die Pfeffinger Straße war eine stille Seitenstraße, von der Rückseite des Hauses sahen wir auf einen Sportplatz, konnten vom Fenster aus Boxkämpfe (Open Air) und Volleyballspiele (Oberliga) verfolgen. Unter dem großen Birnbaum in unserem Hof hatten wir so manches Hausfest gefeiert, dazu auch unsere Nachbarn, die Verwalter des Sportplatzes, eingeladen.

Die Verwalter unseres Hauses kümmerten sich sehr wenig um uns, aber noch weniger um unser Haus. Dementsprechend war natürlich auch der Zustand des Hauses. Immer, wenn wir im Urlaub waren und im Radio von Regen und Gewitter hörten, hatten wir Sorge, ob die vielen Schüsseln, Eimer und Gefäße, die auf dem Boden standen, das Wasser auch gefaßt hatten. Einer unserer Hausbewohner bekam eine neue Wohnung. Wir waren etwas neidisch - er war die Sorgen um Haus und Wohnung los.

Aber wo zog er hin? Nach Grünau! Prost Mahlzeit! Doch nach den ersten Besuchen bei ihm sahen wir die Dinge ganz anders. Wir stellten Vergleiche an: Für ihn war das Kohleschleppen zu Ende, das Besorgen von Feuerholz ebenfalls - Fernheizung! Die tägliche Körperreinigung war nicht mehr auf die Dusche im Betrieb beschränkt oder auf das Provisorium im Waschhaus: Zinkwanne und mit Kohle zu heizender Waschkessel: Fern- und Warmwasser.

Für uns war das alles nur ein Traum, und die Gedanken an Grünau wurden immer weniger unfreundlich, aber der Zustand unseres Hauses wurde immer miserabler. Es mußte dringend etwas passieren! Aber was? Mein Betrieb konnte mir nicht helfen und gute Ratschläge von Kollegen waren sinnlos. Wem nützte es, wenn das Haus abbrannte, der Blitz einschlug oder ähnliche Mätzchen?

Es waren harte Wochen und Monate, und alles zehrte an den Nerven. Dann ein Fingerzeig: Es gibt eine Abteilung vom Wohnungsamt, wo äußerst dringliche Fälle bearbeitet werden, geh mal hin! Aber was sollte ich dort sagen? Mein Haus stand ja noch, und der Zustand des Hauses war der Gleiche, wie bei tausenden anderer Häuser.

Wieder gab es Tips von guten Freunden, auch Hilfe wurde mir zugesagt. Laß dir etwas einfallen! Auf normalem Wege erreichst du nichts. Mir fiel der alte Spruch ein Hast du was, kriegst du was. Ja, was hatte ich denn? Mit Geld war Ende bzw. Mitte der 80er nicht viel zu machen. Davon hatte fast jeder genug. Erzähl mal auf dem Amt, wo du arbeitest - nicht am Telefon - geh selbst hin, riet man mir.

Es war wie eine Zauberformel, als ich so nebenbei erwähnte, dass ich auf dem Schlachthof arbeite. Die Augen wurden blank, die Minen äußerst freundlich und schon hatte ich eine Bestellung über einige Rinds- und Schweinslenden in der Tasche.

Wie sagte man mir? Hast du was - kriegst du was. »Herr Tittel, wir haben uns ihr Haus angesehen - es ist schlimmer!« Wann hatten die Leute unser Haus angesehen? Keiner wußte etwas. »Wir helfen ihnen - aber es wird Grünau sein!«

Da war das, was ich befürchtet hatte. Doch für was sollte ich mich entscheiden? Für die Wohnung in einem Haus, das immer klappriger wurde, oder für eine intakte Wohnung in Grünau mit Fernheizung und Fernwarmwasser? Ich hatte mich auf eine lange Wartezeit eingerichtet, und meine Erwartungen waren nicht allzu groß.

Da, im November 1985, klingelt das Telefon: die Sonderstelle des Wohnungsamtes: »Herr Tittel, würden sie auch in einem Hochhaus in Grünau in die 11. Etage ziehen?« Ich denke, ich höre nicht richtig und hätte bald einen Freudensprung gemacht!

Immer, wenn wir auf Reisen waren, versuchten wir in Hotels usw. so hoch wie möglich zu wohnen. Und nun eine Wohnung in der 11. Etage! Herrlich!

Die Formalitäten waren schnell erledigt, der Papierkrieg machte nun fast Spaß! Dann kam die erste Besichtigung der Wohnung. Meine Erwartungen wurden übertroffen. Wir wohnten zur Ostseite mit sehr schöner Fernsicht. Von Freiroda bis zur Hochkippe von Espenhain, das sind 38 km Rundumsicht.

Das Jahr neigt sich seinem Ende zu, schaffen wir den Umzug noch bis zum 10. Dezember, dem Geburtstag meiner Frau? Bei einer sehr bekannten Leipziger Möbeltransportfirma fanden wir schnell offene Ohren (sie wussten auch, wo ich arbeite): Umzugstermin 9. Dezember 1985.

Ich schwebte wie auf einer rosa Wolke. Zwei Tage vorher hatte ich unsere Badewanne eingeweiht, ein herrliches Gefühl - eine eigene Badewanne! Pünktlich 7.00 Uhr stand der Möbelwagen vor der Tür. Die vier Männer beherrschten ihr Handwerk, alles lief wie am Schnürchen. Zum Frühstück gegen 10.00 Uhr saßen wir schon in Grünau an unserem Tisch, wenn es auch noch etwas provisorisch war. Doch ich war sehr zufrieden.

Die Möbelräumer auch, ebenso der mit anwesende Hausmeister, denn auch diese fleißigen Leute sahen, wo ich arbeitete: Der Frühstückstisch sah aus wie in einem Delikatessengeschäft - im Jahre 1985 kein alltäglicher Anblick. Es folgten nun Wochen voller Entdeckungen, denn wir mußten ja die neue Umgebung erkunden, was wir sehr intensiv taten.

Dann gab es viel Arbeit, denn unsere Grünanlagen wollten auch erst gestaltet werden. Doch das ist ein anderes Kapitel. Nun haben wir auch schon unsere 10. Jubiläum in Grünau hinter uns und fühlen uns sehr wohl. Aus dem ungeliebten »Schlammhausen«, der viel und oft geschmähten Schlafstadt, ist für uns längst etwas anderes geworden: unsere Heimat!

Oskar Tittel, Ludwigsburger Straße
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