Grün-As

Klingerschule

...kommt nicht zur Ruhe

Es ist erst viereinhalb Jahre her, dass die Zukunft des Max-Klinger-Gymnasiums am seidenen Faden hing. Im Herbst 2003 wurde bekannt, dass die traditionsreiche Bildungseinrichtung zu Gunsten des zweiten im Stadtteil verbliebenen Gymnasiums - der Georg-Christoph-Lichtenberg-Schule im Zentrum Grünaus - schließen soll. Ein Sturm der Entrüstung brach daraufhin los. 1400 Unterschriften wurden gesammelt, Kompromisse erarbeitet, heiß diskutiert und wieder verworfen. Lichtenberg oder Klinger, Klinger oder Lichtenberg - eine der beiden musste aufgrund sinkender Schülerzahlen den Schulbetrieb einstellen.

Wer damals das Rennen machte, ist bekannt und bis heute gültig: Die Schulverwaltung erarbeitete einen Vorschlag, der vorsah, das Lichtenberg-Gymnasium formal zu schließen, aber beide Standorte unter dem Namen »Klinger« vorerst zu belassen. Die endgültige Zusammenführung erfolgte in diesem Schuljahr. Seither fand der Unterricht nur noch am Standort im WK 7 statt. Einvernehmlich war diese Lösung jedoch nicht. Verwaltung und Politik machten keinen Hehl daraus, dass sie mit dem Gymnasium am Rande Grünaus nicht glücklich seien und sich lediglich dem Druck der Öffentlichkeit gebeugt hätten. Stadtrat Sigfried Schlegel nannte die Entscheidung einst »eine große Dummheit« und ASW-Abteilungsleiter Stefan Geiss bestätigt: »Die Verwaltung hat den Lichtenberg-Standort nie wirklich aufgegeben«.

Auch die zur Entscheidungsfindung intensiv geführten Grabenkämpfe zwischen Klingianern und Lichtenbergern ebbten nicht so schnell wieder ab, wie sie angezettelt waren. Und so gewöhnten sich Schüler, Lehrer und Eltern der »Verlierer-Schule« nur zögerlich an ihr neues Zuhause. Doch kaum, dass ein wenig Ruhe einkehren konnte, drohte - zumindest für Klinger-Freunde - ganz sachte neues Ungemach in Form der Studie »Grünau Zentral«. In der dazu in Auftrag gegebenen und im September 2007 der Öffentlichkeit vorgestellten Machbarkeitsstudie heißt es unter anderem: »Für einen zentralen Gymnasiumsstandort sprechen (...) die Verknüpfung mit weiteren schulischen Einrichtungen. Diese könnten (...) zu einem 'Bildungsforum Grünau-Zentrum' entwickelt werden. Als Standort wurden die Gebäude des ehemaligen Lichtenberggymnasiums in der Alten Salzstraße vorgeschlagen.«

Dass in Punkto Gymnasiumsstandort noch längst nicht das letzte Wort gesprochen war, mögen vielleicht einige gewusst und andere geahnt haben - aber sicher nicht so schnell erwartet. Der Logik einer sukzessiven Schulgebäudesanierung folgend, wie sie für Grünau vorgesehen ist, war jedoch schon der Auszug des Lichtenberg-Hauses das Signal zur Veränderung. Lugte die sprichwörtliche Katze seit einem Dreivierteljahr aus dem Sack, ließ man sie im Juni nun endlich ganz heraus: Auf dem elftausend Quadratmeter großen Areal des ehemaligen Lichtenberg-Gymnasiums soll für etwa dreizehneinhalb Millionen Euro ein Neu-, beziehungsweise Teilumbau entstehen und alle möchten sich doch gut überlegen, ob sie dieses einmalige Angebot des Umzugs ins Grünauer Zentrum aus sentimentalen Gründen ausschlagen wollten. Denn nur im Moment flössen Fördermittel, die ein solches Vorhaben realisierbar machten und natürlich unterlägen diese Gelder der Philosophie der Stadtumbaustrategie - sprich: Keine Förderung eines Objektes im Umbaugürtel, welches nicht in einem Stabilisierungskern steht.

Damit wurde den Klinger-Lobbyisten cleverer Weise gleich der Wind aus den Segeln genommen. Auf einer eilends einberufenen Anhörung in der Klinger-Turnhalle wurde zudem schnell klar, dass nach Zusammenführung der ehemaligen Kontrahenten, ein Votum für oder gegen die Vorschläge der Stadt sich nicht so eindeutig finden lassen wird, wie 2003. Redlich bemühten sich die Befürworter des jetzigen Standortes Argumente des Bleibens vorzubringen. Von drohender Ghettobildung und kritischer Ballung im Zentrum Grünaus war da die Rede und von schlechterer Erreichbarkeit mit öffentlichen Verkehrsmitteln für auswärtige Schüler. Schließlich wurde noch eine gewollte Stärkung der lokalen Ökonomie aufgrund des Schulweges durch Allee-Center und Stuttgarter Allee geargwöhnt. Aber es gab auch Zustimmung an jenem Nachmittag und die kam nicht nur aus den Reihen ehemaliger Lichtenberg-Schüler.

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Schulleiterin Margrit Hanisch

»Damals ging es um die Existenz einer Schule und der dahinter steckenden Bildungsphilosophie - heute lediglich um den Standort«, vermutet Stefan Geiss den Grund für die vorwiegend positive Haltung zum Umzug, der übrigens frühestens 2014 stattfinden kann. Ein fatales Signal für den ohnehin schon arg gebeutelten siebten Wohnkomplex sieht er mit dem Weggang des einzigen Grünauer Gymnasiums auch nicht: »Das hat keine entscheidende Auswirkung für dessen Entwicklung, denke ich.« Ähnlich sehen es auch einige Lehrer, die der Meinung sind, Schule könne keine städtebaulichen Funktionen übernehmen. Schulleiterin Margrit Hanisch drückt es anders aus: »Wichtig ist doch, dass es überhaupt ein Gymnasium in Grünau gibt. Meines Erachtens ist Leipzig die einzige Stadt im Osten Deutschlands, die sich das in einem Plattenbaugebiet noch leistet«.

Die rührige Rektorin kam in schwierigen Zeiten an die Klinger-Schule und versucht seit drei Jahren alle Wogen um sich herum zu glätten. Nun steht sie vor einer neuen Herausforderung. »Der Meinungsbildungsprozess ist schwierig«, gibt sie zu und ist selbst noch ganz hin- und hergerissen: »Die Lage im WK 7 ist natürlich schön ruhig. Es gibt wenig Bebauung, die Wege funktionieren und der Schulhof wurde erst kürzlich für viel Geld saniert. Wenn wir allerdings mit dem ÖPNV Lösungen finden, ist die Erreichbarkeit im Zentrum noch bedeutend besser. Außerdem wäre die Nähe zu den soziokulturellen Einrichtungen Grünaus dort von Vorteil - selbst das Theatrium wäre damit für unsere Schüler wieder schnell erreichbar.«

Für und Wider galt es denn auch in Gesamtlehrer- sowie Schulkonferenz abzuwägen und auszudiskutieren. Musste man doch dem Schulverwaltungsamt eine Stellungnahme zum geplanten Vorhaben zukommen lassen. »Leicht war das nicht«, resümiert Margrit Hanisch. Die Entscheidung für den Umzug fiel selbst dann nicht einstimmig aus, als man sich auf gewisse Bedingungen einigen konnte. So wird beispielsweise gefordert, dass nur ein behindertengerechter und in ökologischer Bauweise errichteter Neubau in Frage kommt, Teile des jetzigen Schulhofes »mitgenommen« werden, die Verkehrsanbindung optimiert und überhaupt spätestens 2012 damit begonnen wird.

»Nur unter diesen Voraussetzungen stimmen wir dem Standort WK 4 zu«, gibt sich die Schulleiterin kämpferisch. »Nachvollziehbar«, findet Stefan Geiss diese Forderungen, aber ob ihnen Rechnung getragen werden kann, ist noch unklar. Denn bevor man mit einem Beschluss zum Neubau nebst Umzug rechnen kann, geht alles seine Tippel-Tappel-Tour durch den Verwaltungsapparat. Stoppen kann dies nur ein Nein der AG Schulnetzplanung zu den Bedingungen des Klingers. Was dann geschehe, weiß auch Margrit Hanisch nicht so genau. Nur eines: »Im jetzigen Zustand kann die Klinger-Schule auf keinen Fall bleiben. Das ist eine Zumutung.«

Klaudia Naceur
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