Grün-As

Editorial

Liebe Leserinnen und Leser, gestatten Sie, dass ich mich vorstelle. Mein Name ist Walther - Nikolaus Alfred (Fredy) Walther, um genau zu sein - und mich gibt es noch nicht allzu lange auf der Welt. Nichtsdestotrotz steht im Juni das erste gesellschaftliche Großereignis mir zu Ehren an. Na gut - zugegeben: Mit mir begingen annähernd zwei Milliarden andere Kinder am 1. Juni ihren Tag, aber für mich und meinen besten Kumpel Georg ist es das erste Mal gewesen und wir freuten uns schon riesig drauf.

Dazu haben wir auch allen Grund. Denn das Schicksal hat es nicht schlecht mit uns gemeint. Geboren in einem Land, in dem wir Kinder freilich mehr und mehr zu Exoten mutieren und darum gewisse Rahmenbedingungen wie Krippen- und Kitaplätze schwierig werden, in dem es sich ansonsten aber ganz gut leben lässt. Weltweit lebt beinah jedes zweite Kind in Armut, abgeschnitten von jeglicher Gesundheitsversorgung, ist unterernährt und darf nicht zur Schule gehen. 143 Millionen sind Halb- oder Vollwaisen, 100 Millionen leben auf der Straße, 171 Millionen müssen arbeiten, um sich und ihre Familien zu ernähren - 10 Millionen davon werden wie Sklaven gehalten, 11 Millionen Kinder sterben jedes Jahr in den Entwicklungsländern bevor sie ihr fünftes Lebensjahr vollendet haben...

»Armut gibt es auch hier«, hat Mama gesagt und das stimmt. Ich habe selbst schon Kinder gesehen, die an der Kaufhalle stehen und mit ansehen müssen, wie ihre Eltern das ganze Geld für Alkohol ausgeben, obwohl doch vielleicht der Kühlschrank aufgefüllt werden müsste. »Arme Kinder«, hab ich da gedacht, mich an meinen Papa gekuschelt und überlegt, ob die wohl auch ein kleines Geschenk am 1. Juni bekommen haben. Kleine Gaben und feierliche Gratulationen gab es in dem Land, aus dem meine Eltern stammen schon seit 60 Jahren und auch wenn dieser Staat nicht mehr existiert, wurde die nette Tradition beibehalten.

Aber eigentlich geht es um viel mehr: Die Weltkonferenz zum Wohlergehen der Kinder im Jahre 1925 gilt als Ursprung des internationalen Kindertages. Auch kleine Menschen haben Bedürfnisse und Rechte - darauf wollten die insgesamt 54 Nationen hinweisen, die im Anschluss an die Konferenz einen extra Tag für ihre Kinder etablierten. So einfach wie die Unterzeichnung der Genfer Erklärung zum Schutze der Kinder, war die Umsetzung natürlich nicht. Auch wenn es heute in 145 Ländern der Welt zu unterschiedlichen Terminen einen Kindertag gibt, an dem ein deutliches Zeichen für Kinderrechte gesetzt wird, gibt es noch viel zu tun. Vielleicht geht es ja mal allen so gut wie mir...

Ihr Fredy Walther
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