Grün-As

Rampe rauf zur »Überbrückung«

S-Bahn-Brücke an der Miltitzer Allee muss noch länger ohne Treppe auskommen - Abriss plus ebenerdige Querung erstmals im Gespräch

»Die zur Verfügung stehenden Mittel lassen weder 2011 noch 2012 eine Einordnung der Instandsetzung zu«, steht in dem Brief aus dem Verkehrs- und Tiefbauamt (VTA). Unterschrieben hat ihn Klaus Barthel, Leipzigs Verantwortlicher für alle Brücken der Stadt. Es ist keine gute Nachricht für Thomas Neitemeier, der sich zuvor an die Stadt gewandt hatte und sicher eine positivere Antwort erhofft hat.

Dass die Bürger auf die gesperrten Treppenaufgänge an der Fußgängerbrücke Miltitzer Allee verzichten und gleich zweimal einen ordentlichen Kreisel über die Rampe laufen müssen, wird damit zunächst zementiert. »Beide Treppenläufe kosten 120.000 Euro. Geld, das wir auch mittelfristig nicht haben«, sagt Barthel im Gespräch mit »Grün-As«. Die vollständige Sanierung sei sogar ein Millionenprojekt. Wer die Brücke passiert, kann die Sperrung nur schwer nachvollziehen. Der Winter hat ihr nicht mehr zugesetzt als anderswo.

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S-Bahn-Brücke Miltitzer Allee

»Es liegt am Allgemeinzustand. Die Brücke wurde bewertet und hat die schlechteste Note bekommen. Da mussten wir reagieren«, sagt Barthel und verweist auf das nicht geeignete Material, das in DDR-Zeiten verbaut wurde. Einsturzgefahr bestehe dort, aber nicht an den Rampen. Dass auch dieser Fall auf der Prioritätenliste eher unten auftaucht, liege daran, dass es sich um »eine Fußgängerbrücke im absoluten Nebennetz« handele. Bei Ausgaben für Infrastruktur hapere es noch an ganz anderen Stellen, den Vorwurf der Vernachlässigung Grünaus lässt Barthel nicht gelten: »An den anderen S-Bahn-Querungen im Viertel wurde viel investiert. Dort, wo Straßen betroffen sind und Rettungsfahrzeuge durch müssen, hat eine Sanierung nun einmal Vorrang.«

Zudem sei die Brücke immerhin begehbar. Noch! Denn auch eine Vollsperrung ist nach Angaben des Amts zukünftig nicht ausgeschlossen. Selbst dann würde jedoch kein städtisches Geld bereitstehen. Das wäre übel: Nebennetz hin oder her - die Verbindung zwischen WK 7 und 8 ist hochfrequentiert, die Umwege groß. Bitterböse Ironie wäre es, wenn auf eine S-Bahn-Brücke ohne S-Bahn später eine S-Bahn ohne S-Bahn-Brücke folgt. Ein kleiner Lichtblick ist die möglicherweise bevorstehende Zusammenarbeit mit dem ZVNL, dem Zweckverband für den Nahverkehr.

Weil die Endstelle der S-Bahn per Rampe an die Brücke angebunden ist, könnte der Verband, in dem Leipzig selbst Mitglied ist, sich freiwillig an den Kosten beteiligen. Das VTA hat dies auch im Brief als eine mögliche Option mitgeteilt. Seltsam: Zu diesem Zeitpunkt wussten weder ZVNL-Geschäftsführer Andreas Glowienka noch der zuständige Projektmanager Bernd Irrgang davon. Irrgang betont aber auch: »Wir wissen um die Bedeutung und werden schon eine Lösung finden. Wenn die S-Bahn im neuen Netz zurückkehrt, muss natürlich ein Zugang da sein. Und eine Erneuerung während der S-Bahn-Aussetzung macht natürlich Sinn.« Natürlich sei finanzielles Sponsoring gern gesehen, so Barthel. Ob so etwas wie eine private Patenschaft möglich ist, müsse geprüft werden. »Aber das würde mich schon sehr wundern, wenn sich da jemand anbietet.«

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S-Bahn-Brücke im März

Mittlerweile steht fest: Der Zweckverband stellt 50.000 Euro zur Verfügung. Die Idee, statt ewiger Flickschusterei die Brücke einfach durch einen ebenerdigen und behindertenfreundlichen Übergang zu ersetzen, gefällt Barthel. Unter der heutigen Brücke liegen kaum genutzte Gleise - die Züge enden vorher, höchstens Rangierfahrten rollen unter der Brücke durch. Auch diese Option sei bereits Gesprächsthema zwischen ZVNL und TVA gewesen. Barthel: »Das wäre billiger als eine Komplettsanierung. Und die teure Unterhaltung der Brücke würde auch entfallen.« Das allerdings stößt bei Bernd Irrgang auf Befremden: »Auch davon weiß ich nichts. Der Bau ebenerdiger Querungen wird vom Eisenbahnbundesamt heutzutage gar nicht mehr genehmigt, selbst wenn die Bahn die Gleise kaum nutzt.«

In einem langen Prozess müsste die Bahn die Strecke offiziell stilllegen, nur dann wäre diese Option überhaupt denkbar. »Da liegt eine Weiche. Wenn die Bahn diese als wichtig betrachtet und sich nicht zur Aufgabe dieser Gleise entscheidet, wird daraus nichts«, ist sich Irrgang sicher. Offensichtlich gab es ein Missverständnis, obwohl man laut Irrgang grundsätzlich gut miteinander arbeite. Nun solle zeitnah auch die Bahn angesprochen werden. Die gibt sich wortkarg: »Es gibt derzeit keine aktuellen Gespräche zwischen der Stadtverwaltung und der Bahn«, heißt es. Zu all den Überlegungen rund um die Trassenquerung an der Endstelle ist die einzige Auskunft auf gleich mehrere Fragen noch sehr viel dürftiger: »Die Brücke gehört der Stadt.« All das lässt erahnen: Eine kurzfristige Lösung, ob mit oder ohne Brücke, wird es wohl nicht geben.

Reinhard Franke
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