Grün-As

»Am Anfang war es Hassliebe«

Interview mit den KOMM-Haus-Mitarbeitern Jörg Kerstan und Uwe Walther

In 20 Jahren KOMM-Haus hat sich einiges geändert - nicht nur das Umfeld hat sich stark gewandelt - auch Nutzung und Nutzer der Einrichtung variieren von Zeit zu Zeit. Eines jedoch ist über die Jahre hinweg geblieben: Das KOMM-Haus ist ein Ort der Begegnung und der Kommunikation und es lebt von engagierten Mitarbeitern. Jörg Kerstan und Uwe Walther sind die Gesichter des Hauses. »Grün-As« sprach mit ihnen über ihre Anfänge, Träume, Realitäten und Zukunftspläne.

Grün-As
20 Jahre KOMM-Haus - ist das auch euer ganz persönliches Jubiläum? Sprich: Ward ihr von Anfang an dabei?
Uwe Walther
Ja, aber zunächst kam ich lediglich als Besucher zur Eröffnung und zu einigen Veranstaltungen. Ich wohnte ja damals in der Nähe. Als Mitarbeiter bin ich erst ein Jahr später dazu gekommen, aber das sind ja immerhin auch schon 19 Jahre.
Jörg Kerstan
Und ich bin erst 1994 hinzugestoßen. Anfangs als Stadtteilkulturmitarbeiter, 1995 bin ich dann Mitarbeiter des Hauses geworden.
Grün-As
Könnt ihr kurz schildern, wie ihr nach Grünau ins KOMM-Haus gekommen seid? War es eher Fluch oder Segen?
Jörg Kerstan
Ich war schon vorher im städtischen Kulturleben beschäftigt - bis 1992 im »Haus Leipzig« und bis 1994 im »Alfred Frank«, das dann in private Hände ging.
Uwe Walther
Auch ich war zuvor im »Alfred Frank« tätig, als künstlerischer Leiter, bin dann aber nach Grünau versetzt worden.
Grün-As
Wisst ihr noch, was in euch vorging, als ihr das erste Mal das Haus betreten habt? Hattet ihr vielleicht einen anderen Ansatz als eure Vorgänger?
Uwe Walther
Also am Anfang war es eine Hassliebe, die sich aber mittlerweile zu »wahrer« Liebe entwickelt hat.
Jörg Kerstan
Für mich war es eine komplett neue Situation: Plattenbau, anderes Umfeld und so weiter. Ich hatte eigentlich gar kein richtiges Gefühl. Das hat lange gedauert, bis ich innerlich angekommen bin. Ich glaub', das war erst 96 mit dem 20-jährigen Grünau-Jubiläum der Fall, als das Seniorenfest und die Seniorenbühne mit Gerd Holger und Uschi Schmitter ins Leben gerufen wurden.
Uwe Walther
Naja und wegen des anderen Ansatzes. Den hatten wir eigentlich nicht. Bei meinem Dienstantritt waren die Vorgänger ja noch teilweise vor Ort und wir haben gemeinsam versucht, das ursprüngliche Konzept so umzustricken, dass es an dieser Stelle funktioniert.
Grün-As
Was war denn das ursprüngliche Konzept und wann war klar, dass das bei den Grünauern keine Akzeptanz findet?
Uwe Walther
Das ging so in Richtung Kleinkunstbühne und ich denke nach einem Jahr hat sich schon abgezeichnet, dass es nicht funktioniert.
Jörg Kerstan
Da war ich ja noch nicht da, aber selbst zu der Zeit, als ich angefangen habe, gingen der inhaltliche Anspruch in künstlerischer Hinsicht und der Mix an Nutzern des Hauses nicht so recht zusammen. Mir wurde schnell bewusst, dass unsere Aufgabe eher in Richtung Dienstleister für die unterschiedlichsten Interessen geht. Allerdings sind die Kinderangebote, wie zum Beispiel Puppentheater, Kino, Märchen, Tanz und Gestaltung nach wie vor sehr anspruchsvoll.
Bild
Uwe Walther und Jörg Kerstan
Grün-As
Wenn man ein bisschen im Archiv des Hauses wühlt, muss man feststellen, dass vor 10, 15 Jahren bedeutend mehr los war. Woran liegt das eures Erachtens?
Jörg Kerstan
Das kann man leider nicht so eindeutig erklären, aber eine gewisse Tendenz in der Gesellschaft zu mehr Oberflächlichkeit und auch Desinteresse würde ich schon sehen.
Uwe Walther
Du hast zwar recht, aber ich sehe das gar nicht so, dass heute weniger los ist. Das Haus ist gut ausgelastet. Vielleicht haben wir nicht mehr die ganz großen Veranstaltungen, aber das hat nicht nur mit Desinteresse sondern mit dem geringeren Budget zu tun. Außerdem sind in der Vergangenheit tausende von potenziellen Nutzern weggezogen.
Grün-As
Trotzdem: Es gab schon tolle Veranstaltungen, die nur von einer Hand voll Bürgern besucht waren. Frustriert das nicht auch ein wenig?
Jörg Kerstan
Eigentlich schon, aber ich sehe uns wie gesagt auch zunehmend als Dienstleister.
Uwe Walther
Frustriert bin ich nicht. Wir haben uns eben auf die veränderten Bedingungen eingestellt, die zwar anders als früher, aber deswegen nicht schlechter sind. Durch die Zusammenarbeit mit der VHS beispielsweise haben sich ganz neue Möglichkeiten ergeben, die dem Haus gut tun.
Jörg Kerstan
Trotzdem wäre es natürlich das Ideal, wenn persönliche Interessen im Job ausgelebt werden könnten. Das ist bei uns beiden nicht unbedingt so möglich.
Grün-As
Beschreibt doch mal einen typischen Arbeitstag!
Jörg Kerstan
Naja: Das Haus muss früh auf- und abends abgeschlossen werden. Es gibt also zwei Arbeitsschichten - dazwischen liegen oft Umräumen für die jeweilige Nutzung in den Räumen, bestimmte Vorbereitungen für Veranstaltungen und Vermietungen, Vertragsabschlüsse, Öffentlichkeitsarbeit und Telefonate. Dann stehen immer wieder Bürger im Büro, die irgendein Anliegen haben und wir versuchen, zu helfen. Da gibt es manchmal wirklich skurrile Situationen. Wir kümmern uns tatsächlich um die Grundbedürfnisse der Menschen bis hin zu Küche und Toilette...
Uwe Walther
Dem ist nichts hinzuzufügen - außer vielleicht: Interviews geben...
Grün-As
Das klingt zumindest nicht langweilig. Wie würdet ihr euer Verhältnis zu Grünau und den Grünauern beschreiben?
Uwe Walther
Gut. Ich sehe mich ja noch immer als Grünauer, auch wenn ich seit mittlerweile sechs Jahren einige Stunden des Tages außerhalb des Stadtteils verbringe.
Jörg Kerstan
Man muss Grünau und die Grünauer im Herzen haben und sie verstehen.
Uwe Walther
Ja, und ich glaube, das tun wir beide. Wir sind Ansprechpartner, Berater oft auch Seelsorger für die Menschen. Eigentlich hat sich der Job hier im Laufe der Jahre verändert. Früher war man Kulturarbeiter, heute eher Sozialarbeiter und Bürgerberater für fast alle Belange.
Jörg Kerstan
Wie ich vorhin schon sagte: Wir kümmern uns um alles.
Grün-As
Welche Bedeutung hat das KOMM-Haus für euch?
Uwe Walther
Es ist aus meinem Leben nicht mehr wegzudenken - es ist ein Teil dessen - viel mehr als nur Arbeit. Ich habe hier so viele tolle Menschen kennen und schätzen gelernt - ob Künstler, Kollegen oder Ehrenamtler und mit diesen Einiges bewegt.
Jörg Kerstan
Genau. Die zwischenmenschlichen Kontakte und Geschichten. Für mich ist das Haus zur Heimat geworden.
Grün-As
Und für Grünau?
Uwe Walther
Das KOMM-Haus ist mit seiner 20-jährigen Existenz in kommunaler Trägerschaft zu einer Einrichtung geworden, die hier nicht mehr wegzudenken ist. Es ist bei den Menschen akzeptiert und genießt einen guten Ruf.
Jörg Kerstan
Ich glaube, ohne das Haus sähe es ein wenig trauriger aus, zumal wir uns wie bereits erwähnt sehr um den Rundum-Service bemühen.
Grün-As
Welche Erlebnisse oder Ereignisse der vergangenen Jahre sind euch besonders im Gedächtnis geblieben?
Jörg Kerstan
Vieles, was mit Menschen zu tun hat, aber auch eine Vielzahl von Kabarett-Abenden - beispielsweise Tom Pauls im Interim mit 130 Besuchern. Das war nicht nur schön, sondern auch ziemlich riskant, was die Sicherheit anging. Natürlich erinnere ich mich auch an tolle Veranstaltungen mit Musikern wie dem Sachsendreier und Scirocco. Aber auch der schlimme 24. November 2008 ist mir im Gedächtnis geblieben mit einer bis dahin nicht gekannten Bedrohung.
Uwe Walther
Ja, der Brand. Das war echt schlimm, aber glücklicherweise beinah das einzig negative Erlebnis während der gesamten Zeit für mich. In erster Linie erinnere auch ich mich an die Menschen, die ich kennen gelernt habe. Aber auch solche Dinge, wie das Jugendtheaterprojekt, welches wir im Jahre 1994 initiiert haben und das sich so toll entwickelte, dass daraus der Verein Großstadtkinder mit dem Theatrium entstanden ist. Oder die gute Zusammenarbeit mit Dr. Sylvia Börner von der VHS, aus der solche Projekte wie die Stadtteilzeitung resultieren. Nicht zu vergessen die Zusammenarbeit mit dem damaligen Stadtteilkulturverantwortlichen Dietmar Voigt, welches als Ergebnis den Grünauer Kultursommer und das Parkfest zur Folge hatte.
Jörg Kerstan
Auf jeden Fall überwiegen die schönen Erinnerungen. Das ist ja glücklicherweise meist so.
Grün-As
Auf die nächsten 20?
Jörg Kerstan
Was mich persönlich betrifft, ist es leider endlich... Aber Grünau und seine Bewohner brauchen das Haus.
Uwe Walther
Ich denke, das KOMM-Haus wird es auch in 20 Jahren noch geben - vielleicht mit neuen kreativen Leuten und an einem anderen Ort in Grünau, aber weiterhin als Farbtupfer in der auch ansonsten immer bunter werdenden Platte.
Grün-As
Ein schönes Schlusswort. Alles Gute wünscht das Stadtteilmagazin »Grün-As«.
Interview: Klaudia Naceur
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