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Leipzig Grün-As Stadtteilmagazin

Eine junge Kirche kommt in die Jahre

35 Jahre Pauluskirchgemeinde - 30 Jahre Pauluskirche

Viele Besucher Grünaus staunen nicht schlecht, wenn sie vor den beiden modernen Kirchenbauten des Viertels stehen und erfahren, dass diese bereits zu DDR-Zeiten entstanden sind. Kirche in einer einstigen sozialistischen Mustersiedlung? Wie das?

Den Weg dafür ebnete der damalige Bischof der Region Ost, Albrecht Schönherr, im Jahre 1978. Die klamme Staatskasse der DDR war ein Glücksfall für Grünau. Denn sie erlaubte dem jungen Stadtteil neben neun weiteren Neubaugebieten, das Privileg eines Kirchenbaus - finanziert von der westdeutschen EKD für eine Million DM - ein so genannter Inland-Export.

Der heutige Pfarramtsleiter Matthias Möbius kann sich das Lachen nicht verkneifen, wenn er über das damalige Procedere spricht: »Das muss man sich mal vorstellen. Die DDR produziert ein Gebäude, verkauft es in den Westen und der darf dann bestimmen, wo es künftig steht. Das ist doch verrückt.« Mindestens genauso verrückt, wie die gesamte Entstehungsgeschichte der heutigen Paulusgemeinde.

Bereits vor dem ersten Spatenstich des riesigen geplanten Stadtteils hatte dieser schon einen eigenen evangelischen Pfarrer - den mittlerweile verstorbene Klaus Fritzsche. Ein Jahr Zeit hatte Fritzsche, sich konzeptionell Gedanken zu machen, wie Kirche im religiös eher schwierigen Neuland funktionieren kann.

»Er hat sich clever angestellt«, erzählt Christoph Zeitz. Zeitz ist erst seit 1990 als Pfarrer in der Pauluskirchgemeinde tätig, kennt die Geschichte jedoch genauso gut, als wäre er dabei gewesen. »Als die ersten Wohnungen bezogen waren, da ging Fritzsche einfach von Haus zu Haus, klingelte und bot seine Hilfe an - nicht in religiöser Hinsicht, sondern ganz profan nach dem Motto: 'Sie brauchen einen Elektrobohrer? Ich kann Ihnen einen borgen.' So kam er mit den Leuten ins Gespräch.« Natürlich blieb es oft nicht beim Plausch über benötigte Werkzeuge. Nicht ohne Grund nennen ihn ehemalige Weggefährten einen wahren Paulus unserer Tage. So wie Paulus einst den christlichen Glauben nach Europa brachte, so brachte ihn Fritzsche nach Grünau. Mit Erfolg zwar - immerhin gründete sich die Gemeinde 1978 offiziell und gab sich im Hinblick auf ihre missionarische Tätigkeit und in Anlehnung auf die nur zehn Jahre zuvor gesprengte Universitätskirche St. Pauli den Namen Paulus. Doch zunächst fehlte das Dach über dem Kopf.

Selbiges sollte erst fünf Jahre später entstehen - auf einem durch Flächentausch erworbenen, eigentlich ungeeigneten Bauland inmitten des neuen Stadtteils. Bis dahin fand Kirche, mit Ausnahme der Gottesdienste, die in der Taborkirche in Kleinzschocher gefeiert wurden, in den Wohnungen der Mitglieder statt. »Das war aber nicht nur der räumlichen Not geschuldet«, erzählt Matthias Möbius. »Vielmehr war es auch ein Weg, die Menschen zusammenzuführen. Man muss sich vorstellen, dass die vielen neuen Bewohner wild durcheinander gewürfelt waren. Die kannten sich ja alle nicht. Es gab keine gewachsenen Strukturen, wie in anderen Vierteln der Stadt.« Sie zusammenzubringen sei die eigentliche Kernaufgabe gewesen. Möbius kennt die so genannten Besuchsdienste aus seinen eigenen Anfangsjahren nur zu gut. Immer allein, denn Staatssicherheit und Zeugen Jehovas kamen im Doppelpack.

Und immer auf der Hut, denn Hausbesuche waren nicht eben gern gesehen bei der Staatsmacht. Manchmal wurde ihnen die Tür gleich vor der Nase wieder zugeschlagen. Manchmal unterhielt man sich über absolute Belanglosigkeiten. Manchmal öffneten sich aber auch Ohren und Herzen. Manchmal fand man neue Mitglieder. Die Arbeit, so Möbius heute, habe sich in jedem Fall und in jeder Hinsicht gelohnt. Die somit aufgebauten Kontakte seien bis zum heutigen Tag äußerst wertvoll. 1985 trat der damals Mittzwanziger seine »Traumstelle« neben Klaus Fritzsche und Klaus Michael als dritter evangelischer Pfarrer in Grünau an. Da stand die Kirche schon. »Mitten im Schlamm und alles ringsum war kahl«, erinnert er sich. Ein paar Jahre zuvor hatte er während seiner Ausbildung die Baustelle der Pauluskirche besucht.

Damals festigte sich nicht nur sein Wunsch, dort tätig zu werden, sondern erlebte er manch Kurioses, das er nie wieder vergessen sollte: »Die Leute vom BMK Süd (Bau- und Montagekombinat - Anm. d. Red.), die mit den Arbeiten betraut waren, wussten beispielsweise gar nicht, wie die Balken für unsere außergewöhnliche Architektur montiert werden müssen. Da hat man kurzerhand einen sehr betagten Handwerker geholt. Der saß dann auf einem Stuhl inmitten der halb fertigen Kirche und hat die Arbeiten dirigiert. Herrlich«, amüsiert sich Möbius noch heute darüber. Während der Rohbau mithilfe der westlichen Finanzspritze bezahlt war, musste die komplette Einrichtung jedoch mittels privaten Spenden und solchen von Partnergemeinden sowie in Eigenleistung gestemmt werden.

Ein schwieriges Unterfangen, welches allerdings auch dazu beitrug, die hiesige Gemeinde zu festigen. Einige Nächte haben sich Gemeindemitglieder demnach um die Ohren geschlagen, um das wertvolle Baumaterial zu beaufsichtigen. Mit Erfindungsreichtum und Organisationstalent wurde Holz beschafft, mit Akribie IKEA-Möbel nachgebaut, Platten auf dem Freigelände verlegt oder der heute üppig grüne Garten angelegt. Aufgaben, die zusammenschweißten und nochmals rund eine Million Mark verschlangen. Der Glockenturm nicht inbegriffen. Der war eigentlich gar nicht geplant und entstand in einer Nacht- und Nebelaktion. Die Gelder kamen von einer Partnergemeinde, die Glocken aus der Kirche des Braunkohleopfers Magdeborn, das Kreuz in blattgoldener Hülle wurde von einem Schweizer Privatmann gespendet. Und so kam Grünau zu seinem ersten Glockengeläut am 29. Oktober 1983.

Wenig später begann in der DDR ein wahrer Run auf kirchliche Institutionen. Die Kirche wurde von vielen oppositionellen Bürgern als Rückzugsraum aus dem tristen sozialistischen Alltag gesehen und genutzt. In Grünau war dies jedoch nicht der Fall. Eine revolutionäre Gemeinde sei die hiesige nie gewesen, initiierte Friedensgebete beispielsweise kaum besucht. »Der Grünauer«, so glaubt Matthias Möbius »war im Schnitt zufriedener als andere Leipziger. Er hatte eine gute Wohnung, ein intaktes Umfeld. Klar gab es auch Leute, die die Paulusgemeinde genutzt haben, um ihre Ideen zu entwickeln und Gleichgesinnte zu finden. Das waren bei uns aber nur wenige.« Und die seien nach der Wende auch schnell wieder aus dem Gemeindeleben verschwunden.

Trotzdem zählte die Pauluskirchgemeinde in den Jahren '89 / '90 über 5.000 Mitglieder. Davon ist heute allerdings nur noch knapp die Hälfte übrig geblieben - proportional zur Grünauer Einwohnerentwicklung. Ein wenig Wehmut klingt bei beiden noch verbliebenen Pfarrern an, wenn sie von einstigen Klassenstärken im Konfirmandenunterricht sprechen. 60 seien es 1990 gewesen - heute gerade einmal zehn. In zwei Jahrgangsstufen zusammen wohlgemerkt. Der demografische Wandel macht auch vor christlichen Pforten nicht Halt und bringt seine Schwierigkeiten mit sich, wie Christoph Zeitz nur zu gut aus Erfahrung weiß: »Hausbesuche werden immer nötiger, aber das ist kaum noch zu bewältigen.« Sein Kollege ergänzt: »Aber da passiert auch ganz viel, von dem man gar nichts mitbekommt. Christliche Nächstenliebe im Stillen, im Verborgenen. Manche Hauskreise funktionieren auch heute noch - nach all den Jahren. Das ist fantastisch.«

Überhaupt gebe es - und in dem Punkt stimmen beide Männer völlig überein - einiges, was die zurückliegenden Jahre zur Erfolgsgeschichte werden lässt. Zum Beispiel die unglaublich engagierte ökumenische Arbeit mit den katholischen Nachbarn von St. Martin. Von Beginn an habe man nicht das trennende beider Konfessionen gesucht, sondern die Gemeinsamkeiten gelebt. Das sei in der Form weder selbstverständlich, noch allgemein üblich. Hervorheben kann und sollte man auch die vielen haupt- und ehrenamtlichen Helfer, deren Wirken viel weiter in den Alltag der Stadtteilbewohner hineinreicht, als manche glauben mögen. Das bevorstehende Jubiläum der Pauluskirchgemeinde darf somit getrost von allen Grünauern als gemeinsames Fest verstanden und gefeiert werden.

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