Grün-As
Leipzig Grün-As Stadtteilmagazin

Editorial

Boom

Sie werden es in den letzten Monaten sicher schon vernommen haben: Leipzig boomt. Leipzig ist in. Leider. Denn war ich zeitlebens eigentlich immer sehr froh darüber, in dieser, meiner Stadt zu leben und überdies nie müde, sie andernorts gebührend anzupreisen, kommen mir nun erste Zweifel, ob ich an dieser Entwicklung gefallen finden sollte.

Nicht nur wegen der Heerscharen von »Ersties« (Erstsemestern), die pünktlich zu Beginn eines jeden Studienjahres in meine Homezone, die Südvorstadt, einfallen, dort an der Supermarktkasse nerven, wenn sie ihr Kleingeld für die scheinbar obligatorischen Spaghetti und den Rotwein aus dem Mini-Portemonnaie zählen, Parks bevölkern, Radwege verstopfen und am Wochenende mit Mami und Papi über die Karli flanieren, was ein zügiges Vorankommen beinah unmöglich macht.

Nein, das allein wäre wahrscheinlich noch zu verkraften. Vielmehr ist es die merklich zunehmende Enge, die mir dieses Hypezig (Kunstwort für den Leipziger Hype) sauer aufstoßen lässt. Schon lange besuche ich mit dem Söhnchen lieber Grünauer Spielplätze, weil man im Süden kaum noch ein Plätzchen im Buddelkasten findet, von einer Sitzgelegenheit für die Eltern ganz zu schweigen. Regelrechte Panik überkommt mich beim Gedanken an die nahende Einschulung an einer 5-7(!)-zügigen Grundschule, auch wenn diese super modern und schick ist. Mit Wehmut schaue ich derzeit auf die große Freifläche hinter meinem Haus. Dort sollen demnächst 10.000 Menschen wohnen. Drei Schulen, Kindergärten, Supermarkt. Zum heulen...

Was hat das nun aber alles mit Grünau zu tun? Ganz einfach: Auch dieser Stadtteil bekommt sein Fett weg, sprich: profitiert von der rasanten Entwicklung der Messerstadt. Das sorgt für wahre mediale Beifallsstürme. »Der Leerstand verringert sich« – schön. »Grünau wächst« – echt? »Grünau geht durch die Decke« – ja, nachdem es zuvor im Boden versunken war. Und schon klopft man sich gemeinschaftlich auf die Schultern. »Alles richtig gemacht«, freuen sich Stadtplaner im Allgemeinen und Grünauverantwortliche im Speziellen.

Könnte man meinen. Aber stimmt das auch? Ich bin mir da nicht ganz sicher. Fakt ist, dass sich das Viertel in der Tat positiver entwickelt, als es noch vor zehn Jahren prognostiziert wurde. Richtig ist auch, dass dank des Engagements zweier Wohnungsgenossenschaften nicht mehr nur aufgewertet, sondern auch wieder gebaut wird. Nicht von der Hand zu weisen ist ebenfalls, dass es selbst in Grünau schwieriger wird, eine schöne Wohnung in entsprechender Größe, Ausstattung und guter Lage zu finden. Unlängst berichtete mir die Kindergärtnerin des Söhnchens, dass sie es nicht für möglich gehalten hätte, so lange nach neuen Räumlichkeiten suchen zu müssen.

Trotzdem bin ich skeptisch. Warum? Weil der Zuzug nicht zuletzt von der unvermeidlichen Verdrängung aus anderen Stadtteilen herrührt – hat Grünau doch laut aktuellem Mietpreisspiegel die noch immer mit Abstand günstigsten Mieten in Leipzig. Nun sind finanzielle Beweggründe für einen Umzug nach Grünau nicht per se schlecht und bedeuten auch nicht zwangsläufig, dass hier das Armenviertel der Stadt entsteht. Aber sind sie allein ausschlaggebend, könnten dem Stadtteil mit Ende des Leipzig-Booms (was für Insider nur eine Frage der Zeit ist) wieder bittere Jahre bevorstehen.

Zwei Herzen schlagen nun in meiner Brust: Inständig wünschend, dass aus Hypezig wieder mein schrullig, liebenswertes, unhippes und in mancher Hinsicht provinzielles Leipzig werden möge, hoffe ich, dass Grünau auch dann noch auf dem Wege der Besserung sein wird.

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