Grün-As

Eine große Ermutigung:

Schüler erinnern an Frauen des KZ-Außenlagers Schönau

Ein Standardwerk zur deutschen Zeitgeschichte muss neu geschrieben werden. Dafür gesorgt haben Schüler und Lehrer der Freien Schule Leipzig in der Alten Salzstraße. »Hinweise auf das 1944 bis 1945 bestehende Frauen-Außenlager der ATG oder eine Gedenktafel gibt es nicht.« So schloss 2006 Irmgard Seidel von der Gedenkstätte Buchenwald ihren Text über das Frauen-KZ Leipzig-Schönau. Er erschien in dem von dem renommierten Historiker Wolfgang Benz gemeinsam mit Barbara Diestel herausgegebenen Neunbänder »Der Ort des Terrors. Geschichte der nationalsozialistischen Konzentrationslager«.

Seit dem 4. April 2012 stimmt diese Aussage nicht mehr. Denn am nördlichen Ende der Parkallee, nah an den Straßenbahngleisen, weihten an diesem Tag Schüler und Lehrer der Freien Schule eine Erinnerungstafel ein. »HALT! Stehenbleiben!«, steht auf der Tafel. Ebenso schlicht, wie eindringlich. »Auf dem Gelände der Parkallee befand sich in den Jahren 1944/45 eine Außenstelle des Konzentrationslagers Buchenwald. 500 Frauen waren hier als Zwangsarbeiterinnen in Baracken eingepfercht«, heißt es dort weiter. In dem Lager Schönau waren 500 junge ungarische Jüdinnen untergebracht. Sie verrichteten Zwangsarbeit in dem ATG-Werk in der Schönauer Straße 101, einer der Leipziger Flugzeugschmieden des Großindustriellen Friedrich Flick. Dieser wurde nach dem Krieg als Kriegsverbrecher verurteilt.

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Erinnerungstafel: HALT! Stehenbleiben!

Den Korrekturbedarf am Buch nimmt man in der Stiftung Gedenkstätten Buchenwald und Mittelbau-Dora positiv auf. »Für uns sind solche gelungenen Projekte immer eine große Ermutigung«, sagte Dr. Harry Stein, als der von der Tafel erfährt. Der Kustos Geschichte Konzentrationslager Buchenwald in der Stiftung habe sich sehr gefreut über die Arbeit der Schülerinnen und Schüler. »Ich schaue mir das Schild beim nächsten Leipzig-Besuch bestimmt an«, verspricht er. Anschauen werden sich das Schild nun auch die vielen Schüler, die täglich ganz unbeschwert die Parkallee als Schulweg nutzen.

Und sicher auch die Grünauer, die hier unterwegs sind - zur Straßenbahn, oder in den Schönauer Park. Respekt und Toleranz, Selbstbestimmung und Selbstentfaltung sind wesentliche Grundlagen der Freien Schule, erinnerte Henrik Ebenbeck, pädagogischer Sprecher der Schule, bei der Einweihung der Tafel. Eben diese grundlegenden Werte seien den Frauen, die hier hinter Stacheldraht leben mussten, verwehrt worden, so Ebenbeck weiter.

Die Gedenktafel bildet so etwas wie den Schlussstein eines Schulprojekts. Im nun vergangenen Winter beschäftigten sich Schüler der Freien Schule mit dem Thema Zwangsarbeit im Nationalsozialismus. Auf dem selbst entwickelten Programm der 11- bis 16-jährigen standen neben Literaturrecherchen der Film von Wolfgang Bergmann 'Der Reichseinsatz', eine Diskussion mit Friedrich Roßner vom Leipziger Bund der Antifaschisten und ein Besuch in der Gedenkstätte für Zwangsarbeit in der Permoserstraße.

Dass dieses ergreifende Kapitel der Geschichte auch mit dem täglichen Schulweg zu tun hat, erfuhr Henrik Ebenbeck von Ilse Lauter. »Für mich ist es ein gutes Gefühl, dass sich Schüler und Lehrer der Freien Schule intensiv mit diesem Thema befassen und sich klar zur Achtung von Menschenwürde und Demokratie bekannt haben«, fasste Grünaus linke Stadträtin ihre Empfindungen bei der Einweihung zusammen.

Die Enthüllung der Tafel nahmen die Leipziger Schüler übrigens zusammen mit ihren Gästen aus dem israelischen Nazareth vor (wir berichteten in Ausgabe 2012/18). Gemeinsam widmeten sie sich in Leipzig einem Projekt zu Menschenrechten in der Schule. Ermöglicht wurde dieser Jugendaustausch durch die finanzielle Unterstützung der Stiftung »Erinnerung, Verantwortung und Zukunft«. Diese Berliner Einrichtung widmet sich seit 2000 der Aufarbeitung der NS-Zwangsarbeit und der, wenn auch späten, Entschädigung der Zwangsarbeiter.

Gernot Borriss
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