Grün-As

»Bewohner wollen friedlich zusammenleben«

Interview mit Sebastian Stock von der Initiative Flüchtlingsheim Grünau

Die Grünauer im WK 8.3 leben seit vielen Jahren in enger Nachbarschaft mit Menschen ausländischer Herkunft. In einem sechsgeschossigen Würfel in der Liliensteinstraße waren bereits zu DDR-Zeiten so genannte Vertragsarbeiter untergebracht, nach der Wende wurde aus dem frei stehenden Gebäude ein Asylbewerberheim, in dem bis zu 220 Personen verschiedenster Nationalität untergebracht sind. Seit sechs Jahren bemüht sich die Initiative Flüchtlingsheim Grünau, die Bewohner auf vielfältige Art und Weise zu unterstützen. »Grün-As« unterhielt sich mit Sebastian Stock über Vor- und Nachteile solcher Unterkünfte, über die Erfahrungen der letzten Jahre im Heim der Liliensteinstraße und auch über das heiß debattierte neue Wohn- und Betreuungskonzept.

Grün-As
Seit 2006 kümmert ihr euch um die Bewohner der Liliensteinstraße. Gab es einen konkreten Anlass damals?
Sebastian Stock
Nein, eigentlich nicht. Zu diesem Zeitpunkt gab es noch keine Organisation in Leipzig, die sich explizit um das Schicksal der Flüchtlinge in solchen Heimen gekümmert hat. Wir wollten das ändern - ursprünglich haben wir für die Abschaffung dieser Art von Unterbringung gekämpft. Dann haben wir uns verstärkt für die Bewohner eingesetzt, wollten sie aus ihrer Isolation herausholen, sie in ihrer problematischen Situation unterstützen.
Grün-As
Wie seid ihr in Grünau aufgenommen worden - mit offenen Armen?
Sebastian Stock
Das kann man tatsächlich so sagen. Die Mehrzahl der Bewohner war sehr erfreut, dass sich Jemand für sie interessiert. Wir sind schnell ins Gespräch gekommen, wurden zum Essen eingeladen. Die Leute wollten einfach mal quatschen, haben aber auch recht schnell Bedarf signalisiert.
Grün-As
Was muss man sich unter Bedarf vorstellen?
Sebastian Stock
Die ersten Besuche in der Liliensteinstraße dienten dazu, erst einmal zu eruieren, wie den Bewohnern am besten geholfen werden kann. Wir hatten da so Ideen, wie Kinoabende und dergleichen, mussten allerdings schnell feststellen, dass das an der Lebenswirklichkeit der Flüchtlinge komplett vorbeiging. Der Bedarf, der uns signalisiert wurde, war sehr viel konkreter: Hilfe bei der Kommunikation mit Behörden, Entlastung der Familien unter anderem durch die Beschäftigung für die im Heim lebenden Kinder und nicht zuletzt dadurch auch ein Ausbruch aus der zwangsläufigen Isolation.
Grün-As
Apropos Kinder: Davon gibt es recht viele in der Liliensteinstraße.
Sebastian Stock
Das liegt daran, dass dort vor allem Familien untergebracht sind. Die baulichen Gegebenheiten sind dafür recht günstig. Es gibt größere Wohnungen, in denen Familienverbände leben - daneben kleinere Wohnungen und Einzelzimmer. Alle verfügen über eigene Kochgelegenheiten und Bad. Das ist sehr wichtig für die Privatsphäre der Menschen.
Grün-As
Klingt beinah optimal...
Sebastian Stock
Das ist es aber bei Weitem nicht, auch wenn es sich zunächst vielleicht gut anhört. Ein Leben im Heim ist immer problematisch und sollte nur zeitlich begrenzt als Unterbringung in Betracht gezogen werden.
Grün-As
Es gibt Stimmen, die sagen, dass viele Heimbewohner gerne in dieser Konstellation leben, weil sie so einen engeren Kontakt zu Landsleuten haben, was ihnen die Situation erleichtert. Kannst du das bestätigen?
Sebastian Stock
Nein. Ich kenne Niemanden, der gerne in einem Heim lebt. Die Menschen, mit denen ich in Kontakt bin, ziehen alle eine eigene Wohnung vorzugsweise in einem »deutschen« Stadtteil vor. Sicherlich ist es von Vorteil, die hier ankommenden Flüchtlinge zunächst gemeinsam unterzubringen. Man spricht dabei von einer etwa sechsmonatigen Orientierungsphase, in der die Asylsuchenden, sich zurechtfinden müssen. Wenn dann die ersten Hürden, wie Sprachdefizite, kulturelle Probleme und dergleichen genommen wurden, ist jeder froh, der Heimsituation zu entkommen.
Grün-As
Welche Auswirkungen kann denn ein langjähriger Aufenthalt im Heim haben?
Sebastian Stock
Zunächst muss man sehen, dass die Bewohner durch ihre nicht geklärte Situation unter enormen Druck stehen. Hinzu kommen Traumata und Gewalterlebnisse, die entweder zur Flucht geführt oder die sie während der Flucht erlebt haben. Ein hoher Prozentteil derer, die mehrere Jahre in Heimen leben, leiden an einer so genannten Heimdepression, die aus ihrer Isolation, die Sorge um Angehörige und der verordneten Untätigkeit resultiert. Dazu kommen natürlich die ganz normalen Streitigkeiten unter Nachbarn, die belastend sein können und die bei psychisch strapazierten Menschen noch mehr ins Gewicht fallen.
Grün-As
Auch weil im Heim Menschen Tür an Tür leben, die sich in ihren Herkunftsländern spinnefeind sind?
Sebastian Stock
Das ist ein oft vorgebrachtes Argument von Gegnern der Massenunterkünfte, ist reell aber eher selten Auslöser von Spannungen. Die meisten Flüchtlinge - ich schätze etwa 90 Prozent - sind an einem absolut friedlichen Zusammenleben interessiert. Konflikte in den Herkunftsländern bedeuten nicht zwangsläufig, dass intelligente Menschen nicht normal miteinander umgehen können. Die Vermeidung von Konflikten ist auch eine Aufgabe der Heimleitung, beziehungsweise der Sozialarbeiter.
Grün-As
Wie sieht die Situation diesbezüglich in der Liliensteinstraße aus? Gibt es da erhebliches Konfliktpotenzial?
Sebastian Stock
Nein, die Leitung hat das ganz gut gelöst in unseren Augen. Zum einen die Unterbringung der Bewohner so optimiert, dass gute nachbarschaftliche Beziehungen entstehen können und zum anderen sieht das Konzept des neuen Betreibervereins ein Höchstmaß an Selbstständigkeit der Bewohner vor. Das war leider nicht immer so und hat unsere Aktivitäten anfangs beeinträchtigt.
Grün-As
Und wie klappt's mit dem Nachbar?
Sebastian Stock
Die Erfahrungen der letzten Jahre sind durchweg positiv. Sicherlich gibt es mal eine Beschwerde über zu laute Musik, aber das ist doch ganz normal und passiert genauso auch in anderen Stadtteilen und bei ausschließlich deutschem Mieterklientel. In punkto Ordnungsliebe stehen manche Bewohner ihren Nachbarn in nichts nach.
Grün-As
Würdest du also von guter Integration der Bewohner sprechen?
Sebastian Stock
Leider nicht, auch wenn sich die umliegenden Einrichtungen vor allem sehr um die Kinder bemühen und ihre Angebote ganz bewusst interkulturell ausgerichtet haben. Das Problem ist die spezielle Lebenssituation der Kinder, die durch ihre Erfahrungen eine deutlich engere Familienbindung haben, als ihre deutschen Altergenossen. Hinzu kommen Sprachbarrieren und der Umstand, dass durch die Heimunterbringung so feste Beziehungen unter den Kindern bestehen, die kaum Raum für neue Freundschaften von außerhalb zulassen.
Grün-As
Auch ein Aspekt, der gegen Flüchtlingsheime in der Größenordnung spricht?
Sebastian Stock
Genau. Generell halten wir die dezentrale Unterbringung nach der Orientierungsphase für die optimale Lösung. Leider sind der Stadt in finanzieller Hinsicht da enge Grenzen gesetzt. Um alle Flüchtlinge in eigenen Wohnungen über das gesamte städtische Gebiet verteilt unterzubringen, muss sich die sächsische Gesetzgebung ändern, aber Leipzig ist auf einem guten Weg.
Grün-As
Dem widerspricht aber das noch zu beschließende Wohn- und Betreuungskonzept, das ein Heim für mindestens 180 Personen in der Weißdornstraße vorsieht.
Sebastian Stock
Dieses Vorhaben war meines Wissens aus der Not heraus geboren, viele Flüchtlinge in kurzer Zeit unterbringen zu müssen - als Notlösung sozusagen. Ich verstehe das Dilemma der Stadt, die eine gewisse Zahl an Plätzen vorhalten muss, denke aber, dass ein zweites Heim dieser Größe in Grünau falsch ist.
Grün-As
Kannst du die Proteste der Anwohner verstehen?
Sebastian Stock
Teilweise schon, da sie in erster Linie aus Unwissenheit über andere Kulturen und Ängsten vor dem Zusammenleben mit ihnen resultieren. Es gibt bislang einfach zu wenig Kontakte zwischen Stadtteilbewohnern und den zu erwartenden Nachbarn - in unserer 30-köpfigen Initiativgruppe kommt beispielsweise keiner aus Grünau. Die meisten Gegner der Weißdornstraße sind, denke ich, nicht fremdenfeindlich, sondern einfach nur besorgt, wie sie sich mit den Menschen aus anderen Ländern verständigen sollen. Daher begrüße ich auch ausdrücklich die momentan stattfindende öffentliche Diskussion - nur so kann man Vorurteile abbauen.
Grün-As
Ein schönes Schlusswort. Vielen Dank für das Interview und weiterhin viel Erfolg für eure Arbeit.
Interview: Klaudia Naceur
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