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Leipzig Grün-As Stadtteilmagazin

Wenn der Ufa-Gong dreimal ertönt...

Vom Grünauer Glück zwischen Film, Dias und Projektoren

Wer es einmal bis in seinen ganz privaten Filmvorführraum in der Siedlung Grünau geschafft hat, ist fast im Cineasten-Himmel angekommen.

Heute sind sie irgendwie schon wieder gemütlich, diese Klappstühle mit Holzrahmen. Projektoren in allen Größen. Mannshoch. Unzählige Filmrollen. Leere Spulen. Die Wände rings voll Filmplakate. Legende ... Spur ... Muck ... - mein erster Kinofilm. Gleich gibt's Eis ... Ich, ganz Mädchen, komme prompt ins Träumen.

Otto Semmler, ganz Techniker, lacht freundlich: »Eigentlich hat meine Liebe zum Kino von der ganz anderen Seite her angefangen. - Aus dem Vorführraum heraus.« Der Elektrikermeister bekam in den 60er Jahren den Auftrag, einen Amaterur-Kinoprojektor zu reparieren.

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Otto Semmler

Der junge Mann ist sofort begeistert. Er hat solche Technik noch nie so nah gesehen. Allerdings, auch noch nie repariert. Da hilft nur Lesen, Versuch, Inspiration. Das wird ein Ausprobieren und Lernen. Und am Ende ein voller Erfolg. Nun hat er eine neue Leidenschaft für sich entdeckt.

Beruflich als Hallenelektriker auf der Alten Messe unterwegs, sieht er bei der jährlichen »Foto. Kino. Optik.« die neuesten Trends. Er sammelt Prospekte. Liest. Lernt. Inzwischen ist er in Leipzig ein gefragter Elektriker mit Kinoerfahrung. Hilft auch im kulturpolitisch hungrigen Umland beim Aufbau eines Kulturhauses.

Und beginnt, für sich privat zu sammeln. Kleinere Geräte zuerst. 8, 9 und 16 Millimeter. Schmalfilm fürs Heimkino. Er pflegt und säubert sie - »Öl verharzt im Getriebe«, lerne ich - bringt sie zum Laufen. Da sind dann auch Frau und Kind mit der wachsenden Sammelwut des Vaters wieder versöhnt. Welcher Knirps kann schon seine Freunde in ein eigenes kleines Kino einladen? Und auch seine Heidemarie nimmt er kurzweg in Pantoffeln mit in sein privates Gartenkino. Filme gucken. Schwimmenlernen. Kindergeburtstag. Sommerurlaub.

Der begeisterte Schmalfilmer hielt wie jeder Familienvater das große und kleine Glück in bewegten Bildern fest. Aber bald schon kommen ihm diese Projekte wie Spielzeug vor. Die tonnenschweren Großprojektoren haben es ihm angetan. Solche, die die echten Kinofilme zum Leben erwecken. 120 Minuten durchhalten. Die vier, fünf der riesigen Filmrollen nacheinander stemmen. Pyrcon. Ernemann. Matador!

Platz hat er ja auf dem eigenen Grundstück. Mit dem PKW, mit Anhänger, grast er Flohmärkte ab. Hört sich in der Branche um. Versucht's mit Inseraten. Das eine oder andere ergibt sich. Allerdings auch Ungebetene - was will der Mann mit so vielen Filmprojektoren? Jede Form privater Vervielfältigung, gar öffentlicher Aufführung ist in dieser Zeit suspekt. Selbst ein harmloser Abschluss der Siedlerversammlung mit anschließendem gemeinsamen Kinoschauen hat da plötzlich unangenehme Nebenwirkungen und ist unerwünscht.

Die Wende befreit ihn nicht nur von den ewig Misstrauenden. Jetzt sind die Kulturhäuser im Umland die ersten, die satt sind der inzwischen alternden Technik, der großen Säle, des gemeinsamen Schauens. Für diejenigen, die Herz und Auge haben für das, was gerade im Begriff ist, verschmäht zu werden, öffnen sich neue, teils wahrlich abenteuerliche Möglichkeiten. So bekommt er kostenlos einen kompletten Filmschneidetisch, wenn er dem Besitzer die Entsorgung erspart. Schulen trennen sich von nie beherrschter Filmvorführ- und Diatechnik. Digitales soll angeschafft werden.

Otto Semmler sammelt. Tauscht. Hält Kontakte. Beschafft Ersatzteile. Sucht nach Raritäten. Da ist seine Heidemarie noch dabei. Hofft, dass ihr Mann sein Wort hält - »Keine Technik im Haus.« Daran hat sich der inzwischen 76-Jährige bis heute gehalten. Aber immerhin mehrere Hundert Exponate sind inzwischen beisammen. Sein Sohn wird's dereinst gewiss in Ehren halten.

Laterna Magica. Diaprojektoren. Filme. Film- und Videokameras sind dazugekommen. Fernsehtechnik. Schmalfilm-Kameras. Eine davon hat sich sogar Jörg Pilawa ausgeborgt. Als Zeitzeugin. Für eine Fernsehsendung. Man kennt sich in Sammlerkreisen. Ein Kollege, mit dem er Kinematografen-Ausstellungen in Berlin bestückt hat. Gerade haben die beiden »Deutsche Laufbildprojektoren« im Allee-Center aufgebaut. Für all diejenigen, die am Kino Freude haben, die präzises feinmechanisches Bauen schätzen oder die ganz einfach Platz nehmen möchten und staunen und schauen und ihn immer mal wieder gern hören - den Ufa-Gong-Dreiklang.

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