Grün-As
Leipzig Grün-As Stadtteilmagazin

Der lange Weg in die City

1000 Jahre Leipzig und ich – ein Erlebnisbericht

Der 30. Mai beginnt hektisch: Aus irgendeinem Grund muss das Söhnchen ausgerechnet an diesem Tag den Schlaf einer ganzen Woche nachholen und will nach einem hastigen Frühstück dann auch noch die 12 Kilometer nach Grünau mit dem eigenen Rad zurücklegen. Egal. Wir packen genügend Proviant, Getränke, ein wenig Spielzeug sowie die obligatorischen Regensachen zusammen – der Tag wird lang und ich habe mich seit Wochen darauf gefreut.

Lipsias Löwen sind los. Der spektakuläre Festumzug des Titanick-Theaters zum 1000. Geburtstag Leipzigs. Für mich als bekennender Fan des Ensembles ein absolutes Muss. Dass einer der fünf Köpfe auch noch in Grünau startet, lässt berufliches mit privatem Interesse verschmelzen. Um Punkt 11 Uhr stürmen das Söhnchen und ich in den Stadtteilladen. Dort erzählt Dorothea Alder wundervolle Märchen, während sich der nahe Marktplatz schon ordentlich füllt.

Der Kopf, der bereits am Abend zuvor das Stadtteilzentrum erreichte, steht gut verhüllt am Rand – neugierig beäugt von ein paar hundert Grünauern, die an diesem Samstag zum Bürgerbrunch erscheinen. Geduldig warten sie auf die Enthüllung des Kopfes »Kunst und Kultur«, die kein geringerer als Oberbürgermeister Burkhard Jung vornimmt. Mit seiner Anwesenheit demonstriert er ein klares Bekenntnis zum Stadtteil. Die Anwesenden freut es.

Kaum befreit von der schmucklosen Umhüllung, ist der schönste aller Köpfe auch schon in Aktion. Auf dem Haupt von Johann Sebastian Bach, der in sattem Lila erscheint, tanzt und singt eine Ballerina. Von der futuristischen Druckluftorgel, welche die rechte Ge sichtshälfte Bachs einnimmt und von drei schwindelfreien Akteuren bespielt wird, erklingen indes eher schräge Töne. Das musikalische Battle (Schlacht), welches sportiv von fünf Parcour-Künstlern begleitet wird, gefällt nicht Jedem. Während das Söhnchen juchzt, sehe ich in viele entsetzte und enttäuschte Gesichter. »So ein Mist«, ist noch eine der harmloseren Äußerungen.

Nun gut: Über Geschmack lässt sich ja bekanntlich nicht streiten. Und dass ich mit meiner Begeisterung für die Performance doch nicht alleine bin, zeigt sich, als der Gabelstapler-betriebene Bach-Kopf sich auf seinen Weg in die City begibt. Rund 50 Grünauer schließen sich an – der lange Weg nach Leipzig beginnt um 14 Uhr und wird erst sechs Stunden später enden. Das Söhnchen hat es sich auf dem Fahrrad- Kindersitz bequem gemacht, kaut die erste Schnitte und schaut mitleidig auf seine Altersgenossen, von denen zumindest einer laufend am Marktplatz ankommt. Zügig bewegt sich der von lauter Techno-Musik und erwähnten Orgelgeräuschen umrahmte Tross zunächst durch enge Straßen – argwöhnisch, interessiert, genervt von Fensterguckern beobachtet.

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Kunst und Kultur

Bis wir die Lützner Straße erreichen, sind dem Umzug auch schon einige Mitläufer verlustig gegangen. Der Rest läuft tapfer weiter – zunächst bis zur Spinnerei – und wird dort von einer bunten Menschentraube und einer kleinen Aktion der Künstlerkolonie empfangen. Die Parcourer turnen derweil auf Dächern und an Verkehrsschildern, was das Söhnchen fasziniert. Ich treffe einen Bekannten, der um diese Zeit eigentlich eine wundervolle Büttenrede auf der Stuttgarter Allee halten wollte und muss erfahren, dass er mit Abzug des Kopfes keine Zuhörer mehr hatte. Nicht, dass sie alle mitgelaufen wären. Eher haben die meisten wohl den Heimweg angetreten. Schade.

Doch zurück zum Umzug: Der hat ab Plagwitz deutlich an Begleitpersonen gewonnen und gleicht nun mit seinem Gefolge eher einer kleinen Love-Parade. Nächste Station ist das Westwerk auf der Karl-Heine- Straße. Auch dort wartet ein Meer an Menschen. Kurze Irritation: Ein vermummter Sprayer verpasst dem lila Antlitz einen bunten Tac. Zuvor waberten Gerüchte durch die Mitlaufenden, dass an der Gießerstraße Autonome warten. Aufatmen: Alles Teil der Inszenierung.

Echt hingegen ist eine aufgebrachte junge Dame, die die Veranstalter wegen Ruhestörung verklagen will und dafür vielfaches Lachen erntet. Als sich die Szenerie beruhigt hat, geht es weiter zum Lindenfels. So mittendrin im Getümmel habe ich den Eindruck, die ganze KaHei ist voller Leute. Das sich in mir breitmachende Hochgefühl verscheucht sogar die leicht anklingenden Rückenschmerzen. Es sind noch ein paar Kilometer...

Auf der Sachsenbrücke im Clara-Zetkin-Park gibt es eine längere Pause und wir schauen uns zum 6. Mal die immer gleiche Darbietung an. Obwohl ich noch immer von Skulptur, Musik und Schauspielern begeistert bin, beginne ich am Konzept des Sternenmarsches, der die Menschen aus allen Himmelsrichtungen in die City bringt, zu zweifeln. Die Grünauer (mit uns sind noch vier weitere letztlich bis ins Zentrum gelangt) haben einen elendig langen Weg zurückzulegen, der sich durch die Zwischenstopps auch noch zeitlich immens zieht. Ein Blick auf die Protagonisten des Tages lässt mich meinen Anflug von Kritik jedoch schnell vergessen. Die Parcourer hüpfen noch immer über jedes Mäuerchen am Wegesrand, die Tänzerin trotzt in luftiger Höhe jeder Windböe lächelnd auf Zehenspitzen und die Orgelspieler werden nicht müde, ihr Instrument kraftvoll zu traktieren – beinah ununterbrochen sechs Stunden lang. Ich muss nur hinterherlaufen und mich freuen.

Mittlerweile habe ich männliche Begleitung – Marko und Martin – zwei Grünauer, denen ich im Stadtteil schon öfter begegnet bin und deren Namen ich jetzt hoffentlich richtig wiedergegeben habe, flankieren und unterhalten uns auf den letzten Kilometern. Ab der Gottschedstraße, wo das Schauspielhaus mit einer akustisch leider kaum zu verstehenden und deutlich zu langen »Willkommens-Darbietung« aufwartet, gerät das letzte Stück Weg zur echten Probe meiner Willensstärke. Das Söhnchen sagt schon lange nichts mehr und will nur noch heim. Ich hingegen möchte eigentlich das große Finale sehen, ahne aber, dass wir es bis dahin nicht schaffen. Auch Marko und Martin sind platt und wir beschließen, uns wenigstens noch die große Lipsia auf dem Augustusplatz anzuschauen. Dort trennen sich unsere Wege – danke Jungs – es war nett mit euch.

Mit dem Rad quetsche ich mich durch eine unüberschaubar große Menschenmasse und entdecke am Mendebrunnen ein paar Bekannte – glücklicherweise auch noch mit Kindern. Das Söhnchen verkehrt spontan seine Meinung. Luftballon und Popcorntüte besiegen die Müdigkeit. Zu guter Letzt gesellt sich auch noch der Papa hinzu und mit gefühlt einer Million Anderer genießen wir gemeinsam ein fantastisches Abschluss- Spektakel. Chapeau Titanick. Chapeau Leipzig. Das war großartig.

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