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Schwerelos im Bällchenbad

Förderzentrum eröffnet zwei neue Therapieräume

Allen Grund zu Feiern hatten am 6. März die Schüler und Lehrer des Grünauer Förderzentrums für Erziehungshilfe. Und wie das eben bei einer richtigen Feier so ist, gab es natürlich auch Gäste und die brauchten an diesem Tag nur ihren Ohren zu vertrauen und den Geräuschen nachzugehen, um den richtigen Weg zu finden. Ihr Gehörsinn führte sie direkt in den Keller der Schule, wo bereits eine Schar Kinder ganz ungeduldig mit großen Augen und zappeligen Beinen darauf wartete, endlich zeigen zu können, was sie für den großen Tag einstudiert haben.

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Förderzentrum

Anlass des ungewohnten Trubels war die Eröffnung zweier Therapieräume, deren Um- und Neugestaltung durch ein freudiges Ereignis knapp zwei Jahre zuvor realisiert werden konnte. Da nämlich erhielt das Förderzentrum mit seinem Anti-Aggressions-Konzept den jährlich von der Stadt Leipzig verliehenen Titel »Schule der Toleranz«. Aber nicht genug, dass sich die Schule mit diesem Titel schmücken konnte. Damit einhergehend wurde dem Zentrum eine Spende von 6500 Euro überreicht, deren größter Teil - 6000 Euro - von der Leipziger Firma Mikrosa gesponsert wurde.

Lange musste nicht überlegt werden, was mit dem Geld anzufangen sei. Viele ehrenamtliche Helfer hatten seit Beginn des neuen Schuljahres dazu beigetragen, zwei triste Zimmerchen im Keller in farbenfrohe Räume zum Rumtollen und/oder Ausruhen zu verwandeln. Bei diesen fleißigen Menschen wollten sich die Kinder mit ihrem Programm bedanken. Zum Thema passend sangen sie fröhliche Handwerkerlieder und sagten Gedichte auf. »Was hier so einfach aussieht, ist für unsere Schüler eine enorme Leistung«, streicht die Leiterin des Förderzentrums Petra von Feilitzsch die Besonderheit der der halbstündigen Darbietung heraus. Denn die hier lernenden Kinder haben große Konzentrationsschwierigkeiten.

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30 Minuten Stillsitzen? Für viele ist das eine Qual. Trotzdem hielten sie tapfer durch. Vielleicht auch darum, weil sie es auf gar keinen Fall verpassen wollten, ihren Gästen zum Schluss gebastelte Blumen, Vögel und sogar einen selbst gebackenen Kuchen zu überreichen. Doch bevor die duftende und reich verzierte Leckerei auf den Kaffeetisch kam, durften die kleinen Sänger und Schauspieler der ersten Klasse noch vorführen, warum die neuen Räume so wichtig für sie sind und was sie darin so alles anstellen können. Heimlich schlichen sie sich vor allen anderen in den ersten Therapieraum und versteckten sich im Bällchenbad. Nur noch Nasen, Münder und ein paar Haarbüschel lugten hervor und sekundenlang war es so still, dass man selbst das leise Kichern unter hunderten von roten und blauen Bällen kaum vernehmen konnte. Zukünftig sollen sich hier Schüler entspannen, die merken, dass sie kurz vor einem Aggressionsausbruch stehen oder gerade eine Stresssituation erlebt haben. Es ist das so genannte Entspannungszimmer.

»In den Bällen fühlen sich die Kinder berührt, sie sind eingekuschelt, schwerelos. Das ist in jedem Fall Krampf lösend und natürlich erheiternd«, erläutert die Lehrerin der Klasse 1 Frau Bischof die therapeutische Funktion des Ballbades. Von der erheiternden Wirkung jedenfalls musste man nicht erst überzeugt werden. Die wurde schon in dem Moment hörbar, als die Bälle zu brodeln begannen und ein Lachen die vier in beruhigendem blau gehaltenen Wände erfüllte. »Die Räume sind klein, aber das ist gut so und war von Anfang an so geplant. Hier können die Kinder wirklich zur Ruhe kommen und sich von der allgegenwärtigen Sinnesüberreizung erholen«, erzählt Angela Herchenbach, die aufgrund ihrer Erfahrungen im raumenergetischen Bereich mit der Gestaltung betraut wurde.

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Als die Feng Shui-Expertin ihren »Dienst« in der Schule für insgesamt 160 Grundschüler aus ganz Leipzig antrat, wurde sie gleich mit einem besonders schwierigen Fall konfrontiert. »Da war ein kleiner Junge offensichtlich in der Durchdrehphase«, erinnert sie sich an diese Begegnung. Er kroch unter dem Tisch herum und war überhaupt nicht mehr zu beruhigen. Ich fragte ihn, was er denn gern tun möchte, wenn er so wütend ist. »Irgendwo dagegen hauen«, war die einfache, aber logische Antwort des Jungen. Ein Grund dafür, dass nun unter anderem im Wutzimmer - dem Pendant zum ersten Therapieraum ein paar Türen weiter den Gang entlang - Matratzen auf dem Boden und an den Wänden angebracht wurden. Die Raumgestalterin und ihr kleiner Berater waren sich sogar über die Farbgebung einig - orange, blau und weiß.

Von der therapeutischen Wirkung der Farben überzeugt, wünschen sich auch alle Lehrer und Betreuer des Förderzentrums eigens für die kranken Seelen der - wie sie sie gern nennen - verhaltensoriginellen Kinder gestalteten Räume. »Das wird auch Schritt für Schritt umgesetzt. Jedes Klassenzimmer soll praktisch unter die Lupe genommen und von störenden Elementen befreit werden«, gibt die Schulleiterin einen kleinen Ausblick auf bevorstehende Pläne.

Die Liste der Wünsche und Ziele ist noch lang. So möchte die Einrichtung beispielsweise gern einen Therapeuten vor Ort beschäftigen oder irgendwann auch eine gymnasiale Ausbildung, beziehungsweise Werkstattklassen als Praktika innerhalb eines ganzheitlichen Projektes anbieten. Der Phantasie und dem Engagement der Verantwortlichen sind da kaum Grenzen gesetzt. Petra von Feilitsch jedenfalls hält Grünau für einen Standort, der sich hervorragend für diese Pläne eignet und hofft auf die Unterstützung der Bewohner und ansässigen Firmen.

Klaudia Naceur>
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