Grün-As

Leipziger Geschichte(n) am Wasser - Zeitzeugen berichten

Wanderpaddeln

boomte in den 1930ern als junger Arbeitersport

Es gibt nur ein Portrait von Großvater Alfred. Beim Paddeln auf der Elster. Fred - die große Liebe von Omi Hilde. Der Blonde. Der Charmeur. Der Vater ihrer beiden Kinder. Ihr geliebter Fred, der nach nur drei glücklichen Jahren Ehe in den Krieg musste. Und nie zurückkam. Hilde hat dieses Foto durch all die Kriegsjahre, das brennende Leipzig und die Wirrnisse der Flucht geschleppt. So wollte sie ihn in Erinnerung behalten - frei, gesund, lebendig.

Das Wanderpaddeln auf der Saale und Weißen Elster gehörte in den 30ern zu ihren schönsten Freizeitvergnügen am Wochenende. Auch ihre Hochzeitsreise haben die beiden so verbracht - Alfred, der Bäckermeister und Hilde, die Verkäuferin. Neben kurzen Strecken unternahmen die beiden auch längere Touren. Übernachteten im Zelt. Kehrten auf ein Bier ein.

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Wanderpaddeln

Es war ein junger Sport, der sich da unter den Leipzigern zu etablieren begann. Englische Kapitäne brachten die ersten Kanus nach Europa. Es dauerte nicht lange, da eroberte die Idee Deutschland. Kajakähnliche Boote fuhren bei Halle auf der Saale schon um 1821. In Leipzig seit 1851 auf Elster und Pleiße. 1914 wurde der Deutsche Kanu-Verband gegründet. 1919 fanden die ersten deutschen Kanumeisterschaften in Leipzig statt. 1924 wurden bei den Olympischen Spielen in Paris Kanurennen erstmals offiziell vorgestellt.

Als am 15. April 1931 der Leipziger Verein »Arbeiterwasserfahrer Fichte« gegründet wurde, trafen sich Männer wie Großvater Alfred. Sich im Verein zu organisieren war Zeitgeist. Sportlich zu sein Lebenshaltung. Noch vor dem Zweiten Weltkrieg paddelte der Deutsche Oskar Speck in einem Faltboot die Donau runter von Deutschland bis nach Australien.

Ganz so weit wollten die »Fichtler« vielleicht nicht. Aber seit den ersten Schachtarbeiten am Karl-Heine-Kanal lockten die 471 km vom Stelzenhaus in Plagwitz bis zu den Landungsbrücken in Hamburg St. Pauli. Damals nicht erfüllbar. Jetzt - mit dem Kanaldurchstich und den beginnenden Arbeiten am Stadthafen Lindenau - träumt sicher der eine oder andere schon ein bisschen vor sich hin.

Silke Heinig
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