Grün-As
Leipzig Grün-As Stadtteilmagazin

Grünau global betrachtet

Raster Beton

Lobenswert umfassend behandelt das Buch »Raster Beton – Vom Leben in Großwohnsiedlungen zwischen Kunst und Platte, Leipzig-Grünau im internationalen Vergleich« genau das, was es in seinem Titel verspricht.

Mit Neugier, Respekt und dem festen Willen, Wissen einzuordnen und weiterzugeben, nähern sich Herausgeberinnen und Autoren von allen Seiten dem Thema: Leben im Neubaugebiet. Von allen Seiten bedeutet architektonisch, stadtplanerisch, soziologisch, fotografisch, filmgeschichtlich, kunsthistorisch, lokalpolitisch, von innen, von außen und zukunftsorientiert.

Harald Kirschners herrlich normale Bilder sind dabei und (wie immer) sehenswert, ebenso die anderen Fotografien sowie die Architekturzeichnungen, die man ruhig noch größer hätte abdrucken können. Nach der Kenntnisnahme einer kritischen Betrachtung von Abrissaktivitäten zu Zeiten der schrumpfenden Stadt begeben wir uns lesend auf einen Kunst-Spaziergang durch Grünau und erinnern uns dabei der Trafo-Häuschen-Aktion im letzten Jahrzehnt der DDR. Damals gestalteten Künstler die unscheinbaren Zweckbauten mit Farbe, Können und Ideen zu populären Blickfängen um.

Ebenfalls in den 1980er Jahren entstanden Filme in Neubaugebieten, unter anderem die Fernsehserie »Einzug ins Paradies« oder die Kinoproduktionen »Insel der Schwäne« und »Die Architekten«. Das Buch bezieht aber auch französische Vorstädte und dort gedrehte Streifen ein, ältere von so namhaften Regisseuren wie Éric Rohmer und Jean-Luc Godard und neuere wie »Brazil« und »Die Tribute von Panem«. Einmal dienen die Vorstädte darin als Orte der Handlung, das andere Mal als Kulisse.

Darüber hinaus erfahren wir vom Umgang mit Hotel-, Bahnhofs- und anderen Neubauten in Polen und Tschechien, worauf mit einem Vergleich deutscher und chinesischer Gegebenheiten umgehend die nächste gedankliche Erweiterung folgt. Hierzulande sei »die Geschichte der sozialen Großwohnsiedlung mit dem Verblassen egalitärer, fordistischer Leitbilder zunächst einmal beendet«, in China hingegen finde sie »eine spektakuläre Fortsetzung«.

Neubaugebiete scheinen also, global betrachtet, nicht zum alten Eisen zu gehören. Und: Erfahrungen wurden auch in anderen Ecken und Enden gemacht. Am Beispiel Grohner Düne, einem Stadtteil von Bremen, »zeigt sich, dass Wohnungsbau mit Integrationsaufgaben bei der öffentlichen Hand oder bei gemeinnützigen Unternehmen einfach besser aufgehoben ist« als bei Privatwirtschaftlern. Mut macht Hiesigen in dem Zusammenhang der hohe Anteil an genossenschaftlichem und kommunalem Eigentum in Grünau. Die dennoch für Leipzig relevante Warnung aus Bremen auch für solche Akteure lautet: Schuster, bleib bei deinen Leisten!

Zurück zu Harald Kirschners zeitlosen Momentaufnahmen: Das fast vergessene Massa-Zelt ist abgebildet, zwei der erwähnten Trafohäuschen sowie die eine ganze Weile gar nicht so untypischen Hausgemeinschaftsfeiern. Dem 2016er Kunstfest hier im Viertel und Namensgeber des kürzlich bei M Books in Weimar erschienenen Bandes wird selbstverständlich auch Platz eingeräumt.

Die Rückschau auf die zunächst von einigen als unpassend empfundenen Aktivitäten, wie dem Grünau Golf Resort, hilft, ein gerechteres Urteil zu fällen. Denn gerade unpassende, verrückte und versponnene Aktionen sorgen für eine neue Wahrnehmung, für andere Gedanken und Herangehensweisen, zusammengefasst für eine Weiterentwicklung.

Die von Juliane Richter, Tanja Scheffler und Hannah Sieben herausgegebene Publikation ist weder Nostalgiealbum noch PR-Produkt, sie versetzt uns vielmehr in die Lage, Grünau als einen Stadtteil anzusehen, der je älter er wird, desto selbstverständlicher zu Leipzig und auf die Welt gehört. »Raster Beton« traut dem Publikum etwas zu, nach dem Motto: Lieber zu anspruchsvoll an eine Sache herangegangen als anspruchslos.

Das Buch ist im Stadtteilladen in der Stuttgarter Allee und in jedem Buchladen (auf Bestellung) erhältlich.

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