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Leipzig Grün-As Stadtteilmagazin

Auf der Suche nach der Fußbodenheizung

Aufgeschnapptes am Tag der offenen Tür in der Weißdornstraße 102

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Tag der offenen Tür in der Weißdornstraße

Der 25. März ist ein Frühlingstag wie aus dem Bilderbuch. Die Sonne strahlt, es ist warm, Vögel zwitschern, das erste Grün lässt sich erahnen. Ich schwinge mich aufs Rad und fahre nach Grünau. Ab 10 Uhr ist dort die neue Gemeinschaftsunterkunft für Geflüchtete in der Weißdornstraße geöffnet.

Eineinhalb Stunden haben Interessierte die Möglichkeit, das umfangreich sanierte ehemalige ökumenische Gästehaus an der Parkallee in Augenschein zu nehmen. Der Termin, der schon zweimal kurzfristig verschoben wurde, birgt eine gewisse Brisanz. Schließlich hatte es wegen keiner anderen Einrichtung im Stadtteil im Vorfeld einen solchen Wirbel gegeben (siehe auch nebenstehende kurze Chronik).

Da stehe ich nun in der Parkallee. Viel zu zeitig. Es ist erst 9.30 Uhr. Aber ich bin bei weitem nicht die erste. Etwa 20 – vorwiegend ältere – Bürger haben sich bereits eingefunden und es gibt erste Diskussionen. Worum es genau geht, kann ich nur erahnen. Ich habe mich etwas abseits positioniert und sehe nur, wie wild gestikuliert wird. Ein älterer Herr läuft aufgeregt vorbei und raunt mir zu: »Und unsere Obdachlosen schlafen unter der Brücke!«

KURZE CHRONIK • 2012 gab es die ersten Pläne, das Haus zur Flüchtlingsunterkunft umzubauen – für 180 Menschen. • Nach starken Bürgerprotesten wurde dieses Vorhaben kurze Zeit später wieder verworfen. • 2014/15 stand das Gebäude, welches im städtischen Besitz ist, zum Verkauf. Die Immobilienfirma Saxum wollte die Anlage zum Betreuten Wohnen umbauen. Der Vertrag lag schon vor. • Der Verkauf platzte jedoch als sich die Kommune auf dem Gipfel der Flüchtlingskrise im November 2015 an ihr leer stehendes Gebäude in der Parkallee erinnerte. • Der Beschluss, das Haus zur Unterbringung von Asylsuchenden umzubauen, erfolgte ebenfalls im November. Auch dieses Mal regte sich sofortiger Protest – vorwiegend unter den nahen Anwohnern. • Im Dezember fand dazu eine Informationsveranstaltung in der St. Martin-Kirche statt. Dort wurde auch verkündet, dass künftig 336, statt der ursprünglichen 180 Menschen untergebracht werden sollen. • Im Januar 2016 begannen die Arbeiten am Haus, die sich allerdings aufgrund der großen Schäden sehr viel länger hinzogen als geplant und darüber hinaus mit sechs Millionen Euro auch kostenintensiver waren. • Im Februar baute die Wohnungsgenossenschaft UNITAS um ihre Wohnscheiben in unmittelbarer Nachbarschaft zur neuen Unterkunft eine Zaunanlage und geriet dafür in die Kritik. • Ebenfalls im Februar erhielten sämtliche Wohnungseigentümer Drohbriefe von der »Grünauer Befreiungsfront«, in denen »Großes« angekündigt wurde, sollte nichts gegen das Heim unternommen werden. • Der Tag der offenen Tür war zunächst für Januar 2017 geplant, dann auf Februar und schließlich auf März verschoben worden und fand am 25. März statt. • Mitte April wird die Einrichtung in Betrieb genommen – zunächst werden 175 Geflüchtete einziehen.

Hm – naja. Bis dahin hatte ich noch die vage Hoffnung, dass die meisten Leute mit ehrlichem Interesse dieses Haus anschauen, vielleicht auch die ein oder andere kritische Frage stellen wollen. Mittlerweile sind die Quartiersmanager Antje und Uwe Kowski in Begleitung zweier Polizisten eingetroffen – argwöhnisch beäugt von der rasch wachsenden Menschenmenge vor dem Zaun, der die gesamte Unterkunft umgibt.

Noch ist das Tor geschlossen – es ist kurz vor 10 Uhr. Diszipliniert stehen alle in einer Reihe, die sich schon auf die Parkallee ergießt – Daunenjacke an Daunenjacke – 100 werden es zu diesem Zeitpunkt wohl sein. »Wie beim Bäcker«, höre ich Jemanden sagen. Die Stimmung ist irgendwie gereizt, angespannt. Ich stehe nun mittendrin und warte darauf, dass es endlich losgeht.

Pünktlich begibt sich der erste Schwung Schlangesteher ins Haus, das Vorankommen stockt, Security-Mitarbeiter befriedigen derweil die Neugier derjenigen, die noch draußen warten. »Nein, das sind keine Wohnungen, sondern Zimmer. Zimmer mit drei Betten.« Dann geht es weiter – im Vorraum stehen Sozialamtschefin Martina Kador-Probst und die Sprecherin des Flüchtlingsrates Sonja Brogiato und geben Auskunft, so denn angesprochen. Die ersten beiden Etagen sowie das Untergeschoss können besichtigt werden – dort stehen auch etliche Mitarbeiter des Heimbetreibers »European homecare« für Fragen zur Verfügung.

Im Erdgeschoss ist es mir zu eng – dort schieben sich Massen durch die Gänge und inspizieren jedes Zimmer. Ich begebe mich also eine Etage höher. Der erste Raum ist so hergerichtet, wie ihn wohl auch seine künftigen Bewohner betreten werden. Auf Metallbetten liegen schlichte Matratzen, darauf eine Art Erstausstattung: Ein Korb, Töpfe, Besteck, zwei Teller, eine Decke, zwei Handtücher, ein Geschirrtuch. Während ich mir gerade vorstelle, dass ich mit diesem Minimum an Utensilien im Leben nicht zurecht käme, unterhalten sich neben mir zwei Frauen: »Ich möchte auch mal was geschenkt bekommen«, sagt die eine. Darauf die Andere: »Wir kriegen nichts geschenkt. Wir sind doch Deutsche.«

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Tag der offenen Tür in der Weißdornstraße

Ein Herr betritt das karge Zimmer und gibt höhnisch zum Besten: »Na das will ich mir mal in einem Jahr wieder angucken – mir blutet jetzt schon das Herz.« Mir summt das Hirn – ich schnappe Gesprächsfetzen auf. Ganz wenige nur, welche die Schlichtheit der Einrichtung zur Kenntnis nehmen. »Ach, das ist ja primitiv – also hier möchte ich nicht wohnen«, sagt beispielsweise eine Frau. Leicht in Wallung geraten, setze ich meinen Weg den Gang entlang fort und bleibe neben dem künftigen Hausmeister Jens-Uwe Köditz stehen. Geduldig beantwortet er die Fragen der Besucher.

»Nein, es ist noch nicht bekannt, wer hier einziehen wird.«
»Ja, es sind zunächst nur 175.«
»Die ersten kommen Mitte April.«
»Nein, Sie können nicht in die oberen Stockwerke.«
»Ja, das sieht aber alles gleich aus.«
»Fernseher müssen sich die Bewohner selbst anschaffen.«
»Ja, die Bewohner dürfen abends raus. Das ist doch kein Gefängnis.«
Und immer wieder diese Antwort: »Nein, es gibt hier keine Fußbodenheizung.«

Fußbodenheizung? Ich versuche mich an einem Scherz: »Ich hab auch schon die goldenen Wasserhähne gesucht – haha!« Als keiner mit lacht, wird mir klar, dass meine Gegenüber das wirklich geglaubt haben. Wer glaubt denn sowas? »Es ist schon verrückt, was die Leute so erzählen«, sagt mir eine nette kleine Dame. »Genau deswegen bin ich heute hier. Ich wollte mir selbst ein Bild machen.«

Gut so. Doch das eigene Bild kann auch dazu führen: »Jetzt haben die hier auch noch einen Fahrstuhl eingebaut bekommen!«, zetert es im Treppenhaus. Meine Erwiderung, dass es den doch schon immer gab, wird mit »Der war aber immer kaputt« ausgekontert. Ich geb's auf. Die nächste Diskussion über »die«, die alles in den A... geblasen bekommen, wartet eine Tür weiter. Überhaupt fällt mir auf, dass das Vokabular der äußerlich gut situierten Leute äußerst niveaulos ist – zumindest das der Lauten.

Allmählich fühle ich mich deutlich unwohl – dieses voyeuristische Inspizieren jedes noch so kleinen Einrichtungsgegenstandes erregt eine gewisse Übelkeit. Jede Tür wird geöffnet, Toiletten wie Duschen genauestens unter die Lupe genommen, Matratzen angehoben, in den Herd geschaut. Als ich mich peinlich berührt gerade ins Untergeschoss begeben möchte, rauscht eine dreiköpfige Delegation der AfD durchs Haus und trifft mit ihren lauten Kommentaren auf viele offene Ohren. Alternativer Stimmenfang auf grünauerisch. Vertreter anderer Parteien habe ich im Übrigen nicht gesichtet. Derweil mehren sich an vielen Ecken auch Stimmen, die gegen die vorherrschende Stimmung ankämpfen. Differenzieren, argumentieren wollen. Aber es ist schwer, durchzudringen.

Im Gewusel entdecke ich eine Frau mit Kopftuch. Warum sie sich das hier antut, frage ich die junge deutsche Konvertitin neugierig. »Ach«, sagt sie »ich bin das gewohnt.« Seit sechs Jahren trage sie ihr Kopftuch aus Überzeugung. Dumme Kommentare lächelt sie einfach weg. Ich bin beeindruckt und ein wenig befriedet. Gemeinsam schauen wir uns noch das Untergeschoss an. Dort befinden sich die Gemeinschaftsräume, ein liebevoll eingerichtetes Spielzimmer mit Bibliothek und Bällchenbad, Beratungs- und Schulungsräume sowie ein »Raum der Stille« – zehn Quadratmeter vielleicht, mit einem großen braunen Teppich. Für alle Bewohner, unabhängig ihrer Religionszugehörigkeit.

Dort treffe ich auch auf eine ältere Dame, die mir berichtet, dass sie sich lange um eine Flüchtlingsfamilie im WK 2 gekümmert hat. Und während sie so spricht, stehen ihr Tränen in den Augen. »Wissen Sie, ich weiß wie es ist, fliehen zu müssen. Ich habe es als Kind selbst erlebt«, sagt sie im Gehen. Im Untergeschoss herrscht eine merkwürdig andere Stimmung. Ein Mann bietet spontan an, Bücher und Spielzeug vorbeizubringen. Macht der Anblick von Puppen, Teddys und Plastikautos die Menschen etwa sanftmütiger?

Ich hätte es geglaubt, wenn nicht der neue Spielplatz vor dem Haus schon wieder Anlass für heftige Diskussionen gegeben hätte. »Was das wohl gekostet hat ...« »Und die Spielplätze für die deutschen Kinder lassen sie verloddern...«
»Da brauchst du dir keinen Kopp zu machen, wo das ganze Geld hin ist ...« Dabei wird geflissentlich ignoriert, dass in gar nicht allzuweiter Entfernung, an der Mannheimer Straße beinah bau- und zeitgleich ein zweiter, öffentlicher Spielplatz entstanden ist. Mal abgesehen von den vielen anderen, die im Laufe der letzten Jahre in Grünau saniert wurden – einer davon nur ein paar Meter von der Unterkunft entfernt.

Ich habe genug. Eineinhalb Stunden dem Volk auf's Maul geschaut – viel Wirres, Böses, Unwahres, aber auch ein paar leisere, durchaus verständnisvolle Worte gehört. Wild entschlossen, mir diesen schönen Frühlingstag dadurch nicht vermiesen zu lassen, schnappe ich noch einen letzten Kommentar auf: »Als nächstes«, geifert ein vorbeiradelnder Herr »werden sie 'denen' noch ein Schwimmbecken hinbauen. Das werdet ihr erleben.« Oh Mann...

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